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Kommentar zur Kleiderordnung an Schulen: Verirrung erlaubt

REGENSBURG. Ein Gastkommentar der Mittelbayrischen Zeitung.

Welche Kleiderordnung gilt in der Schule, jenem Ort, der – insbesondere bei Ganztagsangeboten – für junge Menschen eben nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Kontaktbörse, Sportplatz und Freizeitangebot zugleich ist? Keine, und das ist richtig so. Denn zur individuellen Entfaltung gehört auch das Ausprobieren verschiedener (Kleidungs-)Stile, Verirrungen inklusive. Trotzdem darf es – wie ja auch an jedem Badestrand und in jedem Club – auch Regeln geben, die der jeweiligen Einrichtung und ihrer Tradition, aber auch dem Charakter der Schulfamilie angemessen sind. Dass bei einem Verbot von allzu freizügiger Kleidung gleich der Sexismus-Vorwurf im Raum steht, mag übertrieben sein. Für gute Schulen aber ist er eine Steilvorlage: für eine intensive Diskussion mit den Schülern darüber, wie Kleidung wahrgenommen wird und was sie aussagen kann, aber auch darüber, wie man sich von den mit bestimmten Outfits verbundenen Rollenklischees lösen kann. Denn: Kleider machen Leute – und Leute die Kleider.

Zum Beitrag Hotpants-Verbot: Schulleiterin massiv unter Druck – will aber nicht weichen

8 Kommentare

  1. Ich bekenne mich schuldi!
    Als Lehrer stehe ich auch nicht jeden Tag mit Anzug und Krawatte auf der Matte; meine Frisur ist je nach Luftfeuchtigkeit mehr oder weniger strubbelig, meine Diabetikerfüße vertragen auch nicht mehr jedes Schuhwerk.
    Aber ich glaube, dass ich ordentlich und sauber vor meinen Schülern stehe und meine Kleidung nicht von meiner Person und dem, was ich unterrichte, ablenkt.
    Schüler und Schülerinnen dürfen ausprobieren, mit ihrem Ausdruck durch Kleidung spielen, eventuell auch provozieren, aber es gibt eben Grenzen und die muss man ihnen auch sagen dürfen, wenn es schon die Eltern nicht tun.
    Und diese Grenzen sind dort, wo die Hygiene gefährdet ist oder die Grenzen der Freizügigkeit überschritten werden.
    Ein Beispiel: Als Lehrer gehe ich oft durch die Reihen und schaue den Schülern beim Arbeiten zu. Reckt sich jetzt einem in jeder Bank ein hallbnacktes Hinterteil gleich welchen Geschlechts entgegen, ist das einfach zum K…..!
    Ist der Hosenbund auf Halbmast, so dass man jeden Augenblick eine Entblösung befürchten muss und ist dadurch das Muster der Unterhose für alle überprüfbar, hängt der Hosenschritt an den Kniekehlen und ist ein normales Gehen dadurch fast unmöglich, so finde ich das nicht modern oder stylisch, sondern… da fehlt mir der Ausdruck.
    Freiheiten, Selbstbestimmung, ja, solange es die Empfindungen anderer Menschen nicht schwerwiegend verletzt.
    Ja, ich bin schon älter, aber ich bin auch irgendwo Künstler und damit Ästhet.
    Wir haben schon genug Umweltverschmutzung, da brauche ich keine optische mehr!
    rfalio

  2. Ich bin als Lehrer dafür, dass den Kindern und Jugendlichen nur wenige Vorschriften gemacht werden sollen, was sie anziehen dürfen und was nicht – aber ich meine, was offensichtlich „aufreizend“ wirkt, sollte nicht sein. Irgendwo muss eine Grenze gezogen werden. Als Nächstes kommen die Jugendlichen sonst noch im Sommer in Badehose oder Bikini in die Schule?!? Wir Lehrer dann auch?

  3. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Es geht doch allenfalls um die Frage, welche Kleidung angemessen ist. Wenn es hierüber keinen Beschluss der Schulkonferenz gibt, die das grundlegend regelt, sind Maßnahmen wie das XXL-T-Shirt willkürlich. Ich halte es für besser in solchen Fällen im Einklang mit dem Schulgesetz (hier NRW), die Schüler durch die Schulleitung vom Unterrichtausschließen und von den Erziehungsberechtigten abholen zu lassen.

    Es sind die Eltern, die einzig und allein darüber zu entscheiden haben, was ihr Kind anzieht oder was eben nicht. Die Eltern da aus der Verantwortung zu nehmen halte ich für grundverkehrt.

    Den Streit über die angemessene Länge von Mini-Röcken haben die Schulleitungen schon in den 70ern nicht gewinnen können, warum ihn jetzt bei den Hot-Pants wiederholen? Worüber allerdings diskutiert werden sollte, ist das Phänomen, dass das „aufreizende“ Zeigen von viel Haut sich ja heute nicht mehr nur auf pubertierende Jugendliche erstreckt, die provozieren wollen, sondern bereits bei Fünft- und Sechstklässlerinnen und Klässler beginnt. Auf der anderen Seite, wenn man tlw. deren Erziehungsberechtigte bzw. deren Style sieht, wundert einen wiederum nichts.

    Von Bekleidungsvorschriften an Schulen halte ich generell nichts – außer sie dienen dazu, den Markenwahn einzudämmen.

    • Mich stört mehr der Wettlauf um Markenklamotten und die unverdiente Anerkennung, die mit ihr verbunden ist. Diese Unsitte ist nicht neu und bestraft Kinder, deren Eltern ein schmales Portemonnaie haben.
      Eine sog. Schuluniform, wie sie in manchen Ländern üblich ist, würde allzu freizügiger Kleidung ein Ende bereiten, vor allem aber die Angeberei mit teuren Sachen unterbinden.
      Die „individuelle Entfaltung“ mit dem „Ausprobieren verschiedener (Kleidungs-)Stile“ sollte Freizeit- und nicht Schulsache sein. Besonders dann, wenn bei der angeblichen „individuellen Entfaltung“ der Preis das Geschehen diktiert. Lehrer bekommen vielleicht gar nicht richtig mit, welche Konsum-Konkurrenz unter den Schülern herrscht, sonst würden sie sich mehr Gedanken darüber als über Kleidungsstile machen.

      • Wenn man sich andererseits die Preise für Schuluniformen aus den Merchendise-Abiteilungen von Privatschulen ansieht, dürfte das bei Geringverdienern auch zu finanziellen Schwierigkeiten führen. Dabei geht es mir nicht um Bezieher von staatlichen Regelleistungen, die sicherlich Zuschüsse oder die vollständige Kleidung bekommen können, sondern um die, die gerade zu viel Einkommen beziehen und damit aus dem Raster fallen. Ferner muss sicher gestellt sein, dass die Schulkleidung für alle gleich viel kostet (und natürlich gleich aussieht) und so eine indirekte Mehrklassengesellschaft vermieden wird.

      • Ich kann Ihnen nur zustimmen, Lena. Der Wettlauf um teure Kleidungsstücke ist enorm. Eine Bekannte erzählt mir immer wieder, wie wichtig ihren beiden Töchtern das Label von Klamotten ist. Je teurer, desto besser und angesehener bei den Mitschülern. Das Aussehen ist nachrangig.

        @xxx
        Es ist bestimmt möglich, Schulkleidung preiswert zu machen, wenn sie nicht nur speziell für eine „Elite-Schule“ mit relativ geringer Stückzahl und einem Aufschlag für Exklusivität hergestellt wird, sondern für alle Regelschulen im Lande.

  4. Darf die Schule, die ja in vielen Bereichen auch für die Bildung von Werturteilen zuständig ist („Bewertung“ ist z.B. in den Naturwissenschaften eine der Kompetenzen und beinhaltet auch Werturteile), auch im Bereich der Kleidung Wertmaßstäbe setzen?

    • Interessante Fragestellung! Nur was soll bewertet werden? Die Zweckmäßigkeit, die Angemessenheit, das Aussehen, der Style, die Marke (Label) etc.

      Über Mode lässt sich nicht im gleichen Maße diskutieren wie über den Energiewandel oder gentechnisch veränderte Lebensmittel.

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