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Millionen-Veruntreuung: «Sonderinspektion» für Deutsche Schule in Istanbul

ISTANBUL. Das Auswärtige Amt schickt eine «Sonderinspektion» an die Deutsche Schule Istanbul, wo Millionen veruntreut worden sein sollen. Jetzt wird öffentlich, wie groß der Schaden ist.

Dass etwas faul gewesen ist an der Deutschen Schule Istanbul, das wissen Auswärtiges Amt, Lehrer und Eltern schon lange. Seit 2013 ist es ein offenes Geheimnis, dass ein Millionenbetrag in der Schule verschwunden ist. Kaum jemand traut sich, öffentlich darüber zu reden. Um welche Summen es genau geht, wird jetzt erst bekannt: Der Schaden soll 1,92 Millionen Euro sowie zusätzlich 2,16 Millionen Türkische Lira betragen, heißt es in einer Antwort des Auswärtigen Amtes auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion. Verschwunden sind umgerechnet also mehr als 2,6 Millionen Euro.

Das Auswärtige Amt (AA) hat jetzt eine «Sonderinspektion» der Schule angeordnet, zudem dort auch nach dem erzwungenen Wechsel des Vorstands im Jahr 2013 keine Ruhe einkehrt. Die von deutschen und türkischen Kindern besuchte Schule, die als Elite-Einrichtung gilt, muss um ihren Ruf fürchten. Was genau die AA-Inspektoren in den kommenden Tagen untersuchen werden, bleibt allerdings nebulös – wie vieles an den Vorgängen in der Schule auch.

Dunkle Wolken über dem Bosporus: Blick aus einem Fenster der Deutschen Schule Istanbul. Foto: userAs2431 / Wikimedia Commons

Dunkle Wolken über dem Bosporus: Blick aus einem Fenster der Deutschen Schule Istanbul. Foto: userAs2431 / Wikimedia Commons

Aus dem Berliner Ministerium heißt es: «Das Auswärtige Amt hat eine Sonderinspektion damit beauftragt, die Vorgänge an der Deutschen Schule Istanbul aufzuklären, soweit sie mit öffentlichen Geldern aus Deutschland in Zusammenhang stehen.» Auf die Anfrage der Grünen antwortet dasselbe Ministerium allerdings: «Nach bisherigen Erkenntnissen der Bundesregierung fehlen Schulgebühren, die von den Eltern der Schülerinnen und Schüler gezahlt wurden. Öffentliche Mittel im Rahmen der Förderung für Deutsche Auslandsschulen sind davon nach derzeitiger Kenntnis nicht betroffen.»

Die Inspektoren sollen aber einen möglichen Missbrauch genau dieser Mittel aufklären. Handelt es sich um weitere Unregelmäßigkeiten, die bislang unbekannt sind? Das gehört zu den vielen Ungereimtheiten, über die kaum jemand reden möchte. Schulvorstand, Generalkonsulat und AA beantworten Medienanfragen im besten Fall ausweichend. Eltern schweigen, weil sie sich um die Schullaufbahn ihrer Kinder sorgen. Lehrer wollen nicht namentlich genannt werden, weil sie um ihre Jobs fürchten. Eine Lehrkraft sagt: «Die können Dich jederzeit vor die Tür setzen.»

Dabei waren die Unregelmäßigkeiten bis 2013 so offensichtlich, dass sie kaum hätten übersehen werden können, wie ein Lehrer erzählt. Nach Klassenreisen habe er dem damaligen Buchhalter Belege nur vorzeigen, sie aber nicht einmal in Kopie einreichen müssen. Der Buchhalter habe in seinen Tresor gegriffen und die Auslagen in bar zurückerstattet. Den Empfang des Geldes habe er, der Lehrer, nicht quittieren müssen.

Damals konnten die Schulgebühren – im kommenden Jahr zwischen 11 800 Euro und 12 500 Euro – bei eben diesem Buchhalter von den Eltern in bar eingezahlt werden. Das sei «gängige Praxis» gewesen, heißt es nun in der Antwort der Bundesregierung auf die Grünen-Anfrage. «Davon hatten einzelne Angehörige des Generalkonsulats Istanbul Kenntnis.» Der 2013 entlassene Buchhalter gehört zu den Hauptverdächtigen bei der Suche nach den verschwundenen Geldern. Offen ist, wie das Generalkonsulat den Missbrauch jahrelang nicht bemerken konnte – das im Schulvorstand mit einem Diplomaten vertreten ist.

An der Schule herrsche nicht nur Intransparenz, sondern auch ein «Klima der Angst», sagen mehrere Lehrer – Angst vor dem Vorstand und vor dem Generalkonsulat. In diesem Sommer verlassen rund 25 Lehrer die Schule, viele davon mit Groll. «Der neue Vorstand ist genauso intransparent wie der alte», sagt eine Lehrkraft. «Ich dachte, jetzt wird aufgeklärt. Aber das ist null geschehen.» Can Merey

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