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Minischule muss nach Kündigung von Lehrerin schließen

SILKERODE. Zwei Jahre hat der Trägerverein vergeblich nach einem Ersatz für seine einzige Lehrerin gesucht. Nun endet mit Beginn der Sommerferien der Schulbetrieb an Thüringens kleinster Grundschule. Die Verantwortlichen wollen in den nächsten Monaten weiter um eine Direktorin werben, aber die Konkurrenz um die Lehrer ist groß.

Der erlösende Anruf blieb aus. Bis zuletzt hoffte Thüringens kleinste Grundschule auf Ersatz für ihre einzige Lehrerin, die gekündigt hat. Bewerbungen gab es, aber keine passende. Mit dem letzten Schultag an diesem Freitag gehen die Lichter in den Klassenräumen in Silkerode im Landkreis Eichsfeld aus. Nicht für immer, hofft der Trägerverein. Freien Schulen in Deutschland sitzt die Konkurrenz der staatlichen Schulen im Nacken. Viele müssen ihre Lehrer zumindest annähernd nach Tarif bezahlen, damit ihnen die Pädagogen nicht davonlaufen.

Lehrer an freien Schulen haben oft weniger Geld in der Tasche als die Kollegen an staatlichen Schulen. Angesichts der Konkurrenz ums Personal ein Wettbewerbsnachteil. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Lehrer an freien Schulen haben oft weniger Geld in der Tasche als die Kollegen an staatlichen Schulen. Angesichts der Konkurrenz ums Personal ein Wettbewerbsnachteil. Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Soeben ist das Sportfest zu Ende gegangen. Drinnen wartet Vanilleeis. Die 15 Grundschüler können die Abkühlung gut gebrauchen. Schweißperlen stehen auch Rolf Küster auf der Stirn. Seit zwei Jahren sucht der Vorsitzende des Trägervereins nach einer Nachfolgerin für Lehrerin Constanze Tilch, die nach zwölf Jahren die freie Schule verlässt und künftig an einer staatlichen Schule in Niedersachsen unterrichtet. Dort werde sie besser bezahlt, erzählt sie. Sie habe bei ihrem bisherigen Arbeitgeber sogar freiwillig auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet. «Das ist selten», räumt Küster ein.

Die kleine Schule zahlt nicht nach Tarif. Alles andere hätte den Verein nach Küsters Worten zu sehr belastet. Die Schule ist auf Zuschüsse vom Land Thüringen und auf Elternbeiträge angewiesen. Die Eltern wollte er nicht noch stärker zur Kasse bitten, «weil viele Alleinerziehende ihre Kinder zu uns geschickt haben», so Küster. Erst vor wenigen Tagen haben die freien Schulen in Thüringen der rot-rot-grünen Landesregierung höhere Zuschüsse abgerungen und als Begründung auf Tarifsteigerungen verwiesen. Viele orientieren sich bei der Bezahlung an dem Tarifsystem im öffentlichen Dienst.

«Die Konkurrenz ist ziemlich groß, weil es wenige Lehrer gibt», berichtet Stefan Dreis vom Bundesverband der Freien Alternativschulen. Ohnehin seien freie Schulen nach Urteilen verschiedener Gerichte dazu verpflichtet, ihren Lehrern nicht weniger als 75 Prozent des Tarifgehalts zu geben. Der Verband zählt unter seinen 100 Mitgliedsschulen bundesweit zehn mit weniger als 18 Schülern. Laut Statistischem Bundesamt gab es 2013 deutschlandweit rund 33 810 Schulen. Eine Aufgliederung zur Größe liegt nicht vor.

Auch staatliche Schulen werden vielerorts immer kleiner, weil weniger Kinder geboren werden. In Thüringen zählt das Bildungsministerium 23 staatliche Schulen mit weniger als 50 Kindern. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl derart kleiner Grundschulen von drei auf zehn. Zum Vergleich: Im Nachbarland Sachsen sank die Zahl dagegen leicht: von acht mit insgesamt 260 Schülern auf jetzt drei mit 127. In Schleswig-Holstein erlaubt das Bildungsministerium Grundschulen, die Mindestgröße von 80 Schülern zu unterschreiten, wenn sie sich mit einer größeren Schule zusammenschließen. Damit sollen Schülern kurze Wege ermöglicht werden.

Die 15 Schüler aus Silkerode wechseln nach dem Aus zum nächsten Schuljahr überwiegend an staatliche Häuser in der Umgebung. Ihre Schule hatte 2003 den Unterrichtsbetrieb aufgenommen, weil die staatliche Schule in dem Ort wegen gesunkener Schülerzahlen geschlossen worden war – trotz heftiger und langer Proteste von Eltern.

60 Schüler haben die kleine Schule durchlaufen. Einer von ihnen ist Marvin Mittelbach, der mittlerweile sein Fachabitur in der Tasche hat. Er bereut den einstigen Besuch der freien Grundschule nicht, weil «man anders gelernt hat als an einer normalen Schule, auch wenn der spätere Wechsel an eine staatliche Schule eine Umstellung für mich war».

Der Trägerverein wolle in den nächsten Monaten weiter nach einer neuen Direktorin suchen, bekräftigt Küster: «Wenn alles klappt, vielleicht gibt es uns in einem Jahr wieder.» (Christian Thiele, dpa)

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