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Studie: „Die Benachteiligung der sprichwörtlichen Arbeitertochter ist überwunden“

BERLIN. Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt und diese Benachteiligung zu überwinden bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe. Auf der schulischen Seite kehren sich die Verhältnisse dagegen gewissermaßen um: Bildungserfolg ist in Deutschland überwiegend Frauensache. Eine Berliner Studie beschäftigt sich mit Gründen und Folgen dieser Entwicklung.

In den 1960er Jahren galt Ralf Dahrendorfs katholische Arbeitertochter vom Land als Inbegriff für im Bildungssystem benachteiligte Personen. Heute trifft dies eher auf den Sohn dieser Familie zu. Denn mehr als die Hälfte der Mädchen jedes Geburtsjahrgangs erreichen inzwischen die Hochschulreife – aber nur etwa 41 Prozent der Jungen. Am anderen Ende der Leistungsskala verlassen 21 Prozent der Jungen die Schule mit höchstens dem Hauptschulabschluss, aber nur 14 Prozent der Mädchen. Worauf sich diese Bildungsunterschiede von Jungen und Mädchen zurückführen lassen und wie ihnen zu begegnen wäre, hat jetzt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer Studie untersucht.

Klassische Rollenbilder. Zwar gebe es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die Auswirkungen auf den Schulerfolg haben. Diese könnten aber vom sozialen Umfeld ausgeglichen werden. Bild: libertygrace0 / Flickr (CC BY 2.0)

Klassische Rollenbilder. Zwar gebe es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die Auswirkungen auf den Schulerfolg haben. Diese könnten aber vom sozialen Umfeld ausgeglichen werden. Bild: libertygrace0 / Flickr (CC BY 2.0)

Schon vor mehreren Jahrzehnten erhielten demnach Mädchen im Schnitt bessere Noten. Lange konnten sie diese allerdings nicht in entsprechende Abschlüsse umsetzen. Erst Anfang der 1990er Jahre, mit dem Geburtsjahrgang 1972, überholten Mädchen die Jungen auch bei den Zertifikaten, ein Trend, der sich seither fortsetzt.

Jungen fielen dabei schon früh in der Bildungskarriere hinter die Mädchen zurück, und sie schafften es während der gesamten Schullaufbahn nicht, wieder aufzuschließen. So erhielten Jungen im Durchschnitt bereits schlechtere Übergangsempfehlungen, wiederholten häufiger Klassen und ein größerer Anteil von ihnen wechselte auf niedrigere Schulformen. Der Vorteil der Mädchen sei dabei in allen sozialen Schichten ähnlich stark ausgeprägt.

15-jährige Mädchen hätten im Lesen einen Leistungsvorsprung von mehr als einem Schuljahr. Hinzu komme das die Jungen leistungsmäßig weiter auseinander lägen als die Mädchen. Vor allem bei den leistungsschwächeren Kindern schnitten sie im Vergleich zu ihren Altersgenossinen schlecht ab.

Seien die geschlechtsspezifischen Unterschiede auch weniger groß als etwa die zwischen Akademiker- und Nichtakademikerkindern gebe es unter Jungen besonders viel Verbesserungspotenzial.

Das bliebe nicht ohne wirtschaftliche Folgen: Die Autoren der Studie, berufen sich auf Expertenschätzungen, nach denen die Deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahrzehnt um 50 Prozent stärker gewachsen wäre, wenn es bei den Pisa-Studien wie die führenden Länder abgeschnitten hätte. So verursachten allein die sogenannten „Risikoschüler“ über ihren gesamten Lebenslauf Verluste von 2,8 Billionen Euro durch entgangenes Wirtschaftswachstum.

Keine Krise der Jungen

Es sei allerdings nicht richtig, von einer Krise der Jungen zu sprechen. Auch die Jungen erreichten immer bessere Schulabschlüsse. Bei den Mädchen vollziehe sich der Wandel aber schneller.

In Mathematik und in einigen Naturwissenschaften hätten Jungen außerdem noch Vorteile gegenüber den Mädchen. Vor allem die Mädchen „aus gutem Hause“ lägen hier zurück, während sich unter Arbeiterkindern kaum ein Unterschied zeige. Die Benachteiligung der sprichwörtlichen Arbeitertochter sei also definitiv überwunden, so die Studie.

Hauptgrund für das Gefälle zwischen den Geschlechtern seien weniger Intelligenz-Unterschiede als unterschiedliche Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen in und außerhalb der Schule. Mädchen störten seltener den Unterricht und machten mehr Hausaufgaben. Ebenso sei das Freizeitverhalten von Jungen und Mädchen immer noch unterschiedlich und spiegele die Leistungsunterschiede im Lesen und in den naturwissenschaftlichen Fächern.

Dazu komme, das Jungen insgesamt eine negativere Einstellung zur Schule zeigten. Zum Teil gehöre es zu typischem Verhalten von Jungen, besonders gute Leistungen explizit abzulehnen, da ihnen diese schnell als „uncool“ ausgelegt werden können. Andererseits trauten sich Mädchen in Mathe nach eigener Aussage weniger zu als Jungen, hatten dagegen am Lesen mehr Freude.

Nach Geschlechtern getrennter Unterricht nicht empfehlenswert

Bei der Frage, wie den Geschlechterunterschieden beizukommen wäre, sei die öffentliche Diskussion häufig von Missverständnissen geprägt. „Erstaunlicherweise hört man immer wieder, dass Jungen mehr männliche Lehrer benötigen und von nach Geschlechtern getrenntem Unterricht profitieren würden“, stellt Stephan Sievert, Autor der Studie, fest. „Dabei zeigen alle verfügbaren Studien, dass gerade diese beiden Maßnahmen kaum praktische Verbesserungen nach sich ziehen“.

Viel wichtiger sei es, das tatsächliche Unterrichtsgeschehen ins Augenmerk zu nehmen. Steffen Kröhnert, Mitautor der Studie, verweist darauf, dass „die Lehrer und ihr Unterricht der wichtigste Grund von Leistungsunterschieden unter Kindern sind“. Gerade für Jungen scheint es besonders wichtig, engagierte Lehrer zu finden, die im Unterricht klare Ziele formulieren und deren Erreichen einfordern. Darüber hinaus sollte noch mehr Gewicht auf Leseförderung und das Hinterfragen von Geschlechterstereotypen gelegt werden. Zu ähnlichen Ergebnissen war kürzlich eine Studie der Universität Luxemburg gelangt.

Eine geschlechtergerechte Schule dürfe sich aber nicht nur auf die Jungen konzentrieren. Die zeige nicht zuletzt deren Vorsprung in den MINT-Fächern, die auf dem Arbeitsmarkt besonders gefragt sind. In Zukunft sollte daher verstärkt darauf geachtet werden, den Unterricht so zu gestalten, dass sowohl Jungen als auch Mädchen motiviert sind, erfolgreich zu lernen und ihre Potenziale auszuschöpfen. (zab)

• zur Studie
• zum Bericht: Warum Jungen in der Schule schlechter sind und warum ein autoritativer Unterrichtsstil helfen könnte
• zum Bericht: Gymnasium testet monoedukativen Physik-Unterricht

3 Kommentare

  1. Wird es eine Jungenförderung geben?

  2. @Pälzer: Obwohl, Sie haben Recht, warum nicht. Die moderne Grundschullehrerin von heute betreibt doch gerne Inklusion, widmet sich mit Hingabe den Flüchtlingskinder, betreut alle, die LRS, Dyskalkulie, ADHS, ADS seit neuesten Studien auch vermehrt Diabetes und Epilepsie haben. Nebenbei wird sie auch noch beschuldigt, sich zu wenig um Hochbegabte zu kümmern. Natürlich liegt es an ihrem mangelnden Führungsstil, wenn Jungs zu wenig lesen und bereits Dritt-und Viertklässler in Nachhilfestudien gehen müssen, um den Übertritt in die weiterführende Schule zu schaffen.

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