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Flüchtlinge in Turnhallen – Immer mehr Schulen müssen ausweichen

DÜSSELDORF. In NRW enden am 11. August die Schulferien. In zahlreichen Städten sind Flüchtlinge als Notlösung in Schulturnhallen untergebracht. Werden die Hallen zum Schulstart wieder frei?

In Nordrhein-Westfalen wird zum Schulbeginn in knapp zwei Wochen angesichts belegter Turnhallen teilweise der Sportunterricht ausfallen oder verlagert. Das ist das Ergebnis einer Umfrage in großen Städten in NRW. Zahlreiche Turnhallen sind im Juli zu Notunterkünften für Flüchtlinge umgestaltet worden.

«Wir rechnen damit, dass die Halle länger belegt wird», sagt Christiane Schmidt, Sprecherin der Stadt GLADBECK. In der Turnhalle einer Gesamtschule sind rund 150 Flüchtlinge untergebracht. Die Stadt sucht Möglichkeiten, Klassen für den Sport in anderen Turnhallen unterbringen zu können. Die Vereine müssen sich ebenfalls behelfen. «Es ist für uns kein Weltuntergang», sagt Schmidt. In HERNE heißt es zur Belegung: Vier Wochen plus X. Das bedeutet, die Halle, die vier Schulen sowie Sportvereine nutzen, ist auch noch zum Schulbeginn belegt. Wie in Gladbeck gibt es große Außenanlagen.

Turnhalle Sihlhölzli in der Sportanlage Sihlhölzli Zürich Wiedikon. (Foto: Bobo11/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Turnhalle Sihlhölzli in der Sportanlage Sihlhölzli Zürich Wiedikon. (Foto: Bobo11/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

In VIERSEN und WITTEN sind die Verantwortlichen noch ratlos, weil die Hallen sehr wahrscheinlich belegt sein werden. In Kerpen dagegen könnte eine Teilnutzung einer Kaserne einen Ausweg bieten und die Belegung der Turnhalle bald Geschichte sein. «Wir hoffen, das ist nur für einige Wochen», sagte Kerpens Sprecher. Witten hat keinen «Plan B». Offen aussprechen will es zwar niemand. Aber die Stadtverwaltung rechnet damit, dass die eine belegte Halle über die Ferien hinaus belegt bleibt. VIERSENS Stadtsprecher formuliert vorsichtig: «Wir sind dabei zu versuchen, dass die Halle vielleicht wieder nach Ferienende für den Schulsport zur Verfügung steht.» Wie das geschehen kann, ist offen. Ähnliche Antworten gibt es auch in HAGEN und in vielen anderen Städten.

Auch NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) ist nicht überzeugt, dass für alle Schulen der Sportunterricht pünktlich nach den Ferien beginnt: «Ob das gelingt, kann derzeit niemand sagen», sagte Jäger vor Journalisten. «Unser Ziel ist es aber, die Turnhallen so schnell wie möglich wieder frei zu bekommen.» Derzeit kämen täglich rund 1000 Flüchtlinge nach NRW; 90 000 seien es bislang dieses Jahr.
Der NRW-Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, sieht auch Schulen in der gesellschaftlichen Pflicht. «Alle sind jetzt gefordert, ihren Beitrag zu leisten, auch die Schulen.» Die Städte müssten aber nach Alternativen suchen. «Die Belegung der Sporthallen darf eine Notlösung, aber keine Dauerlösung sein.»

DORTMUND hat gerade erst beschlossen, drei Turnhallen für Flüchtlinge freizugeben. «Kurzfristige Alternativen zu dieser Maßnahme stehen uns leider aufgrund der stetig steigenden Zuweisungen nicht zur Verfügung», sagt Stadtdirektor Jörg Stüdemann. Eine der Hallen eines Berufskollegs war im vergangenen Winter schon monatelang belegt. Geplant waren wenige Wochen. Vereine beschwerten sich, Flüchtlinge ebenso. In der Revierstadt kommen täglich neue Flüchtlinge an, weil dort eine der Erstaufnahme-Einrichtungen arbeitet.

Die Erstaufnahme in BIELEFELD ist seit Wochen überfüllt. In der Spitze sind 500 Menschen in zwei Turnhallen von Berufskollegs untergebracht – zeitweise auch in Klassenräumen. «Die klare Verabredung ist, dass auch die Turnhallen zum Schulbeginn wieder zur Verfügung stehen. Ich bin zuversichtlich, dass das machbar ist», sagte Anja Ritschel, Leiterin des Krisenstabs in der Stadt.
Alternativen entstehen gerade: An der Erstaufnahme wurde angebaut. In den nächsten Tagen werden auf einen Schlag 200 Plätze geschaffen. «Und zwar nicht mehr behelfsmäßig in einer Turnhalle, sondern wieder völlig regulär», so Ritschel. Mitte August soll auch ein ehemaliges Hotel mit 500 Plätzen als zentrale Unterbringung des Landes zur Verfügung stehen. «Man kann sagen: Die Sommerferien lagen optimal zur Überbrückung», sagt Ritschel.

Der KREIS COESFELD betreibt erneut ein Flüchtlingsquartier in der Sporthalle einer Berufsschule. «Wir gehen derzeit davon aus, dass die Notunterkunft nur bis Ende der Sommerferien bestehen wird», sagt Kreissprecher Christoph Hüsing. Er verweist auf gute Erfahrungen, die man mit der Belegung der Halle im Frühjahr mit 90 Flüchtlingen gemacht habe: «Der Schulbetrieb lief normal weiter. Der praktische Sportunterricht musste allerdings leider komplett ausfallen.» Die Schüler hätten mit Solidarität und Offenheit reagiert. So habe es gemeinsame Aktionen von Schülern und Flüchtlingskindern gegeben. Die Situation sei auch Thema im Unterricht gewesen.

In LENGERICH (Kreis Steinfurt) wird seit März eine Zweigstelle der Ibbenbürener Berufsschule bewohnt. Der Platz für 170 Menschen war da, weil kaum noch Schüler unterrichtet werden – bis auf vier Klassen, die seither mit den Flüchtlingen den Schulhof teilen. In den Ferien wurden auch die restlichen Klassen sowie die Turnhalle belegt, wie Ordnungsamtsleiter Helmut Heuing sagt. «Wir haben auf insgesamt 350 Plätze aufgestockt. Diese Verdoppelung ist aber befristet auf das Ferienende. Wir sind jetzt schon dabei die Turnhalle zu räumen.»

In DORMAGEN ist eine Turnhalle mit 150 Flüchtlingen belegt, die zum Schulbeginn nicht wieder frei sein wird. Für den Schulsport werde auf andere Turnhallen ausgewichen, sagte der Stadtsprecher. Die Turnhalle gehört zu einer auslaufenden Realschule, bei der bereits zwei Jahrgänge fehlen. Für Vereine werden Ausweichmöglichkeiten gesucht.

In KÖLN Quelle sind in drei Turnhallen knapp 500 Flüchtlinge untergebracht, nächste Woche kommt eine vierte für 200 Menschen dazu. Zum Schulbeginn werde versucht, den Sportunterricht auf andere Hallen zu verteilen. «Es weichen aber auch Schulen in andere Objekte aus, zum Beispiel Fitnessstudios, Kletterhallen oder Tanzschulen», sagte der stellvertretende Leiter des Amtes für Wohnungwesen, Josef Ludwig. Dies werde dann von den Schulen selbst organisiert und aus schulischen Mitteln bezahlt. «Es wird auch Unterricht ausfallen müssen.»

In BOCHUM sind mehrere Turnhallen belegt. Eine Halle wird auf jeden Fall wieder freigemacht. Die Flüchtlinge ziehen in ein leerstehendes Schulzentrum um, das vorbereitet wird. dpa

8 Kommentare

  1. Es muss den Damen und Herren Politikern doch von Anfang an klar gewesen sein, dass ab Mitte August die Hallen wieder gebraucht werden ?!?

    • Schön wäre ja, wenn der Bundesinnenminister, in dessen Zuständigkeitsbereich das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge liegt, mit der Bearbeitung der Asylanträge nachkäme. Das hätte zur Folge, dass die Erstaufnahmeeinrichtungen und die Zentralen Unterkunftseinheiten nicht mehr überflutet würden. Dann kann in den zu Notunterkünften ausgebauten Turnhallen auch wieder Sport getrieben werden.

      Die Kommunen haben doch gar keine andere Möglichkeit wenn sie mit tlw. zwei bis drei Tagen Vorlauf mitgeteilt bekommen, dass sie um die 150 Flüchtlinge aufnehmen müssen. Vorteile an Turnhallen ist, dass sie über ausreichende Sanitäreinrichtungen verfügen.

      • Genau! Ich fände es fairer, dass man Personal einstellt oder abordnet, das die Asylanträge schneller bearbeitet. Dieser Schwebezustand dient keinem.

  2. Nicht nur Turnhallen dienen als Notlösung, bei der Besänftigungen wie „vorübergehend“ durchaus mit Fragezeichen versehen werden dürfen.
    Zitat: „Die wachsenden Flüchtlingszahlen lassen viele Kommunen in Nordrhein-Westfalen zu außergewöhnlichen Mitteln greifen. Nach FOCUS-Informationen will etwa die Stadt Bergheim nahe Köln die Helen-Keller-Schule für lernbehinderte Kinder zu Gunsten neu ankommender Flüchtlinge räumen. Die 75 Schüler sollen in die benachbarte Hauptschule umquartiert werden. Entsprechende Pläne bestätigte der Bergheimer Beigeordnete Klaus-Herrmann Rössler gegenüber FOCUS.
    Die Eltern der Schüler reagieren entsetzt: „Das kann doch nicht sein, dass unsere Kinder nun Flüchtlingen weichen müssen”, empört sich die Schulpflegschaftsvorsitzende Daniela Rösing. Zumal die Förderschule über spezielle Therapieräume und Werkstätten verfüge, um Kinder mit Lern- und Entwicklungsstörungen in den Arbeitsmarkt vermitteln zu können.“
    http://www.focus.de/politik/deutschland/nahe-koeln-eltern-sind-empoert-kinder-sollen-foerderschule-fuer-fluechtlinge-raeumen_id_4850984.html

    • Die Hauptschüler werden sich auf die neuen Mobbingopfer freuen. Die Therapeuten der Förderschüler auch …

    • Es steht zu befürchten, dass sich die Lage rasant zuspitzt, wenn immer mehr Bürger nicht nur von Problemen durch ungeregelte Zuwanderern lesen oder hören, sondern selbst davon betroffen sind.
      Noch wirken Moralappelle, Aufforderungen zur Mitmenschlichkeit oder auch Drohungen mit dem Pranger für den Fall einer Kritik an der Einwanderungs- bzw. Asylpraxis. Doch wehe, wenn das dünner werdende Eis bricht.

  3. Wäre es wohl an der Zeit, dass die Politik der Bevölkerung ungeschminkt sagt, was uns die Aufnahme der Flüchtlinge kosten wird? Nur dann kann es ein ehrliches „Ja“ und eine dauerhafte Bereitschaft zu der notwendigen Hilfe geben.

    • Welche Politiker?

      Beim Bund vollkommen egal, die Kosten müssen die Ländertragen.

      Bei den Ländern steigende Kosten, solange der Bund nicht meht Pesonal bei der Bearbeitung der Erstanträge auf Asyl einsetzt, müssen die Länder die Flüchtlinge aufnehmen.

      Bei den Kommunen die Hauptlast der Aufwendungen, der Bund verschleppt die Verfahren ins uferlose, so dass die Erstaufnahmeeinrichtuingen der Länder überquellen. Nur das macht den Ländern auch nichts, sie können die Kommunen (Landkreise und kreisfreien Städte) ja immer noch um Amtshilfe „bitten“. Das gute an dieser Amtshilfe ist, dass sie von den Kommunen erbracht werden muss und nicht in Rechnung gestellt werden kann.

      Das, was die einzelnen Kommunen ausgeben müssen, sind ja für Landes- und Bundespolitiker nur marginale Summen, also was soll’s?

      PS für alle Leutchen die mehr Zentralismus in der Bildungsdebatte forden, denkt dran, dem Bund wäre es auch lieber, er könnte die Kommunen direkt belasten.

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