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GEW schlägt Alarm: Streit über Deutsch-Unterricht für Flüchtlingskinder auch in Hessen

WIESBADEN. Sind Hessens Schulen auf die vielen Flüchtlingskinder vorbereitet? Das Erlernen der deutschen Sprache gilt als Schlüssel für Integration. Wie das am schnellsten und sinnvollsten zu schaffen ist, darüber sind die Meinungen geteilt.

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

Syrisches Flüchtlingskind. Foto: MaximillianV / flickr (CC BY 2.0)

An Schulen in Hessen wächst wegen der rasant steigenden Zahl neuer Flüchtlinge die Sorge vor Engpässen bei der Betreuung der Kinder ohne Deutschkenntnisse. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Landesausländerbeirat warnten vor einer dramatischen Situation, da die Zahl der Unterrichtsstunden in den Klassen für intensives Deutschlernen zum neuen Schuljahr sinkt. Die Landesschülervertretung betonte dagegen die positive Grundstimmung unter den Schülern, bei der Integration mitanzupacken.

Rund 55.000 Flüchtlinge werden in diesem Jahr allein in Hessen erwartet. Wie hoch der Anteil der schulpflichtigen Kinder unter den Flüchtlingen ist, wird in den Statistiken von Sozial- und Kultusministerium nicht erfasst. In Hessen gilt die Schulpflicht für Flüchtlingskinder im Alter von 6 bis 16 Jahren, sobald sie einer Kommune zugewiesen sind. Sie haben jedoch schon ein Recht darauf, wenn sie noch in der Erstaufnahmeeinrichtung leben.

Im vergangenen Schuljahr gab es in Hessen rund 300 Intensivklassen. 350 Stellen standen für den Unterricht zur Verfügung. Die Zahl war um 50 zum Vorjahr erhöht worden. Werden auch Vorlaufkurse oder Kurse wie «Deutsch am PC» hinzugezählt, umfasste die Deutschförderung insgesamt 1070 Stellen. Von den Deutschfördermaßnahmen profitieren nicht nur Flüchtlinge und Asylsuchende, sondern auch Zuwanderer aus EU-Ländern oder auch Arbeitsmigranten aus den USA oder China.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hat bereits mehr Stellen für eines der wichtigsten Zukunftsthemen des Landes angekündigt. Die Zahl der Stellen für Deutschfördermaßnahmen wird im neuen Schuljahr auf 1280 steigen. Zudem soll es deutlich mehr Intensivklassen an Hessens Schulen geben. Die Absenkung der Stundenzahl in diesen Klassen sei notwendig, um in Kombination mit einer weiteren Stellenaufstockung den kräftigen Ausbau der Klassen und Kurse für intensives Deutschlernen zu ermöglichen, erklärte ein Ministeriumssprecher. Wie der Personal- und Stellenschlüssel konkret aussieht, will Lorz kurz vor dem neuen Schuljahr am 4. September präsentieren.

«Der Bedarf an den Schulen für intensiven Deutschunterricht steigt immer mehr, die Schulen sind aber nicht darauf vorbereitet», mahnte der Vorsitzende des Länderausländerbeirates, Enis Gülegen. Sinnvoll wäre, die Flüchtlingskinder ohne jegliche Deutschkenntnisse Vollzeit zu unterrichten. Stattdessen kürze das Kultusministerium die Unterrichtsstunden in den Intensivklassen erneut. Die Folge sei, dass Kinder dann in Regelklassen sitzen müssen, sagte Gülegen der dpa. «Das ist dann pures Berieseln und Beschallen der Kinder.»

Dass das Kultusministerium die Zuweisung von Lehrerstunden in den Intensivklassen der Sekundarstufe I (5.-10. Klasse) im neuen Schuljahr von 25 auf 22 Stunden reduzieren wolle, werde zu einer dramatischen Verschlechterung an den Schulen führen, sagte die GEW-Vize-Vorsitzende Maike Wiedwald der dpa. Vor zwei Jahren habe die Zahl noch bei 28 Stunden gelegen. Einige Flüchtlingskinder könnten zwar etwas Deutsch, wenn sie nach Hessen kommen, erklärte die Vize-Chefin der Lehrergewerkschaft. «Aber es ist ein großer Unterschied, ob ich mich nur verständigen kann oder eine Sprache in der Schule lerne.» Die Kinder brauchten Zeit und Ruhe dafür.

Gülegen ist Klassenlehrer einer Intensivklasse an einer Frankfurter Hauptschule und fordert einen umfassenderen Blick. «Die Flüchtlinge haben außerhalb der Schule oft gar keinen Kontakt zur deutschen Sprache. Zuhause wird in den Familien nur in der jeweiligen Muttersprache gesprochen.» Für eine wirkliche Integration sei es daher wichtig, die Kinder und Jugendlichen an Sportvereine und kulturelle Einrichtungen heranzuführen, damit sie unter Deutsch sprechenden Gleichaltrigen sind.

Landesschülervertreter Luca Manns malte dagegen ein viel positiveres Bild: «Die Stimmung an den Schulen ist gut, da kippt nichts», versicherte er nach einer Umfrage unter Schülervertretungen im Land. Bei der Integration der Flüchtlingskinder gehe es auch nicht nur darum, wie viele Stunden sie Deutsch lernten. «Motivation zur Integration kann auf vielen Ebenen erfolgen.»  Von Bernd Glebe, dpa

Zum Bericht: Flüchtlingskinder – Philologen-Verbandschef fordert Dolmetscher für den Einsatz an Schulen

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