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Hamburgs Bildungssenator hält Lehrer-Kritik an Inklusion für überzogen: „Idee nicht kaputtreden lassen“

HAMBURG. Bundesweit stöhnen Lehrer über die zusätzlichen Aufgaben durch die Inklusion. Parteien streiten, wieviel Geld benötigt wird. Hamburgs Bildungssenator Rabe (SPD) lobt lieber die Vorteile – und will von einer grundsätzlichen Doppelbesetzung nichts wissen.

"Gute Bilanz": Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). Foto: SPD Hamburg / flickr (CC BY-SA 2.0)

Kritik an der Kritik: Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD). Foto: SPD Hamburg / flickr (CC BY-SA 2.0)

Auf dem Weg zu einer gelungenen Inklusion hat Hamburg nach Einschätzung von Schulsenator Ties Rabe (SPD) bereits mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Wie jede große Schulreform brauche auch die Inklusion Zeit, sagte Rabe. Er habe diese Zeit, bis sich die Schulwelt endgültig darauf eingestellt habe, auf zehn Jahre geschätzt, aber: «Wir haben jetzt Halbzeit und sind weiter als gedacht.»

Rabe kritisierte die Diskussionen über zusätzlich benötigte Lehrer. «Wer sagt, in jeder Inklusionsklasse müssten zwei Lehrer sein, hat Inklusion völlig missverstanden. Inklusion bedeutet, einen differenzierten Unterricht zu gestalten, der Kindern aller Begabungen gerecht wird, auch den begabteren Schülern.»

Zudem würden viele Schulfachleute erklären, dass Doppelbesetzung an sich kein Erfolgsfaktor sei. «Wenn wir einen Menschen aus dem Wasser retten wollen, dann nützt es nichts, wenn 13 Nicht-Schwimmer reinspringen, sondern ein Schwimmer wäre besser.» Es gehe also darum, wie gut Inklusion konkret gemacht werde, sagte Rabe. «Wir haben viele Beispiele, wo gute Lehrer allein einen wesentlich besseren und erfolgreicheren Unterricht gestalten als in vielen anderen Fällen, wo zwei Lehrer in der Klasse sind.» Eine repräsentative Umfrage des VBE  zur Inklusion hatte kürzlich ergeben, dass fast alle Lehrkräfte (98 Prozent)  eine Doppelbesetzung aus Lehrer und Sozialpädagoge im Unterricht von inklusiven Klassen für erforderlich halten.

Rabe wandte sich gegen Klagen, die Inklusion belaste die Lehrer über die Maßen. «Viele Probleme, die Lehrer und Öffentlichkeit mit der Inklusion verbinden, haben mit Inklusion nichts zu tun», versicherte der Senator. «Ich lese immer wieder Horrorgeschichten von aggressiven, zappeligen und unaufmerksamen Schülern. In den meisten Schulen wären diese Schüler auch ohne Inklusion gewesen.»

«Das größte Defizit in der Inklusion ist, dass wir immer nur über die Defizite der Inklusion sprechen», sagte Rabe. Es gehe aber um Hoffnung und Verbesserung. «Es zeigt sich beispielsweise, dass Länder ohne Inklusion wesentlich mehr Schulabbrecher haben als Länder mit Inklusion. Dort, wo Schüler sehr häufig auf Sonderschulen abgeschult werden, ist die Quote der Schulabbrecher ohne Abschluss sehr hoch.»

Auch die Befürchtung, kluge Schüler würden im gemeinsamen Unterricht mit Kindern mit Behinderung zu langsam lernen, sei falsch, versicherte der Schulsenator. Mit der Inklusion werde endlich ein differenzierter Unterricht mit unterschiedlichen Herausforderungen notwendig. Zudem würden kluge Schüler in inklusiven Klassen Dinge lernen, die sie sonst nicht lernen würden, die sie aber in ihrem Leben dringend bräuchten: «Nämlich das Miteinander in Gruppen mit unterschiedlicher Leistungsstärke und das Sozialverhalten.»

«Inklusion ist eine große Idee, die wir uns nicht kaputtreden lassen sollten», sagte Rabe. «In der Weimarer Republik wurde die Idee geboren, Kinder aller Schichten und Begabungen in einer einheitlichen Grundschule zu unterrichten. Das war damals ein Skandal. Heute denken wir alle, das war doch eine gute Idee. Und bei der Inklusion wird das in 20 Jahren auch so sein.» dpa

Zum Kommentar: Inklusion – Wer Probleme wegfabulieren will, schadet der Sache

8 Kommentare

  1. Milch der frommen Denkungsart

    „Weil sich verantwortliches Handeln nicht aus einer Ideologie, sondern aus der Wirklichkeit nährt, darum kann nur im Rahmen dieser Wirklichkeit gehandelt werden; jede Überschreitung dieser Grenze führt zur Katastrophe.“

    Diese Erkenntnis Dietrich Bonhoeffers auf die In-klusionsrealität – und nicht auf „große Ideen“ – an-gewandt, sollte Herr Rabe sich in seiner imperti-nenten Einfalt zu Gemüte führen.

  2. Wenn aber ein Schwimmer 13 ertrinkende Nichtschwimmer retten soll, während er gleichzeitig den anderen 12 Schwimmern das Kraulen beibringt und alle noch beaufsichtigen muss, dass nicht ins Becken gepinkelt wird, könnte es doch etwas eng werden, oder?

    Da nützt auch nichts, wenn der Lehrer selbst Rettungsschwimmer ist und obendrein den schwarzen Karategurt innehat.

    Die nächste Stufe ist erreicht. Der Lehrer – nur zu faul, oder nicht gut (fort-)gebildet – ist Schuld, wie immer eigentlich. Ich bin selbst nicht Lehrer; was hier verlangt wird, ist einfach nur noch infam.

    Gruß
    Kylling

  3. Der Bildungssenator war immerhin 6 Jahre Lehrer an einem Gymnasium in Hamburg-Bergedorf. Dieser Stadtteil von Hamburg ist eher ländlich und daher bürgerlich geprägt. Mit verhaltensauffälligen Schülern (offensichtliche Nichtschwimmer, keine Inklusionsfälle) oder verhaltensauffälligen Schüler mit ärztlichem Attest (diagnostizierte Nichtschwimmer, also Inklusionsfälle) dürfte er in seiner praktischen Arbeit wenig bis nichts zu tun gehabt haben.

    Der Ausländeranteil ist in Bergedorf deutlich geringer als im gesamten Bundesland Hamburg, außerdem wohnen dort viele Polen und Russen, aber vergleichsweise wenige Türken. Hat das etwas zu bedeuten? Keine Ahnung, aber zumindest in Düsseldorf sind die vielen ansässigen Japaner keine Ausländer im Sinne des Begriffes „Ausländer“ bzw. „Migrationshintergrund“, obwohl sie genauso stark oder schwach integriert sind wie die zu den „Ausländern“ in dem Sinne gezählten Türken.

    • Milch der frommen Denkungsart

      Übrigens wäre es aufschlussreich zu erfahren, wen Herr Rabe denn eigentlich unter „wir“ subsumiert verstehen will – gleichsam eine „Koalition der Wil-ligen“, die die „große Idee“ gegen die Ignoranz der von deren Erleuchtung nicht bestrahlten Nörgler, Miesmacher und Kritikaster mit missionarischem Eifer doch durchzusetzen sich berufen fühlt ?

  4. Immerhin lässt der Bildungssenator die Katze aus dem Sack und heuchelt nicht Verständnis für die Wünsche der Lehrer, ohne insgeheim bereit zu sein, auch nur den kleinsten Finger dafür zu krümmen.
    Da haben sich andere Bildunsminister verlogener gezeigt, um die Lehrer in Ruhe zu wiegen und nicht zu viel Kritik aufkommen und nach außen dringen zu lassen, denn dann würde es brenzlig für die Inklusion. Die öffentliche Meinung und die Haltung der Eltern ist von entscheidender Bedeutung.
    Leider haben die Lehrer noch eine Gewerkschaft (GEW) im Rücken, die wesentlicheTriebfeder der Inklusion ist und sich schwer tun wird, die Forderungen der Lehrer und die Bedürfnisse der Schüler zu unterstützen. Pro forma wird sie protestieren, um nicht das Gesicht als Interessenvertreter der Lehrer zu verlieren, doch ins Zeug legen wird sie sich nicht. Hauptsache Inklusion, ist vermutlich ihre Devise, alles andere ist zweitrangig.

  5. Was soll das Gemecker? Wir brauchen doch nur Lehrer, die das Fachwissen eines quereingestiegenen Gymnasiallehrers, das Engagement von Mutter Theresa, die Empathie eines Sonderschullehrers mit 15 Jahren Praxis, die Medienkompetenz eines guten Referendars und die Gemütsruhe einer russlanddeutschen Mutter mitbringen. Strengt euch halt ein wenig an!

    • Sie haben noch die ausgestrahlte Autorität eines Türstehers auf Sankt Pauli vergessen. Falls eine oder mehrere dieser Eigenschaften beim individuellen Lehrer zu kurz kommen, benötigt er die Schauspielkunst eines Anthony Hopkins.

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