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Inklusion: Rabes Lehrer-Schelte stößt auf Kritik – „Verhöhnung der Betroffenen“

HAMBURG. Ist der bisherige Verlauf der Inklusion in Deutschland ein Erfolgsmodell? Ist Kritik an den Rahmenbedingungen – wie von Lehrerseite geübt – tatsächlich nur das „Kaputtreden“ einer „großen Idee“, die in einigen Jahren bundesweit in allen Schulen selbstverständliche Realität sein wird, wie Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe(SPD) in einem Interview erklärt hat? Diese Sicht teilen keineswegs alle. Kritik kommt (allerdings kaum überraschend) von der oppositionellen Hamburger CDU. Aber auch aktuelle Meldungen aus Brandenburg und Nordrhein-Westfalen legen nahe, dass es bei der Umsetzung der seit Jahrzehnten größten bildungspolitischen Reform in Deutschland an vielen Ecken und Enden knirscht.

Bekommt Gegenwind: Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe. Foto: SPD Hamburg / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Bekommt Gegenwind: Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe. Foto: SPD Hamburg / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die CDU in Hamburg hat Schulsenator Ties Rabe (SPD) vorgeworfen, seine Misserfolge bei der Inklusion schönzureden. «Die schulische Inklusion in Hamburg ist in ihrer heutigen Form gescheitert», kritisiert die schulpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Karin Prien. «Fast täglich erreichen mich Hilferufe frustrierter Schüler, alleingelassener Lehrkräfte und verzweifelter Eltern. Schulsenator Rabes viereinhalb Amtsjahre haben maßgeblich zu dieser Lage beigetragen.»

Prien meint, Rabe ignoriere sein persönliches Scheitern. «Doch statt zu einer ehrlichen Fehleranalyse lässt sich Rabe zu krudesten Äußerungen hinreißen.» So vergleiche Rabe Schüler mit Behinderung mit Ertrinkenden und spreche dem Gros der Hamburger Lehrer die Befähigung zu gutem Unterricht ab. «Diese Mischung aus Schönrednerei und Verhöhnung der Betroffenen ist ein Schlag ins Gesicht von Schülern, Lehrern und Eltern.» Hamburg brauche wohnortnahe «Leuchtturmschulen» sowie 70 zusätzliche Stellen für mehr Doppelbesetzungen in Klassen.

Rabe hatte dagegen ein positives Fazit der Inklusion gezogen. Zugleich hatte er Forderungen nach mehr Lehrern für Doppelbesetzungen in Klassen, in denen Schüler mit und ohne Behinderungen unterrichtet werden, zurückgewiesen. Entscheidend sei nicht die Doppelbesetzung, sondern ein guter, differenzierter Unterricht. Wörtlich hatte Rabe gesagt: «Wenn wir einen Menschen aus dem Wasser retten wollen, dann nützt es nichts, wenn 13 Nicht-Schwimmer reinspringen, sondern ein Schwimmer wäre besser.»

Aus Brandenburg wurde heute bekannt: Das Land hält die Höchstfrequenz bei Klassengrößen nicht ein – wohlgemerkt: die für die Inklusion selbstgesetzte Höchstfrequenz. Im vergangenen Schuljahr waren 31 Prozent der Klassen, die gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten praktizieren, überfüllt. Das geht laut „Märkischer Allgemeiner“ aus einer Antwort des brandenburgischen Bildungsministeriums auf eine Anfrage des Landeselternrates hervor. Eigentlich hatte das Ministerium festgeschrieben, dass sogenannte Inklusionsklassen maximal 23 Schüler aufnehmen dürfen. 1017 von 3245 Klassen waren aber überbelegt. An den weiterführenden Schulen sind sogar 40 Prozent der Klassen zu voll, an den Grundschulen 27 Prozent. Eine niedrige Klassenfrequenz sei aber die Voraussetzung für individuelle Förderung, kritisiert Elternratssprecher Wolfgang Seelbach – und vertritt damit eine deutlich andere Sicht als Rabe.

Aus Nordrhein-Westfalen wurde heute bekannt: Mit einem Brandbrief an Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) weist das Kollegium einer Gesamtschule in Duisburg auf Missstände bei der Umsetzung der Inklusion hin – einer von bundesweit mindestens sechs Brandbriefen an Ministerien, in denen Schulen über Personalnot klagen und die der Redaktion von News4teachers bekannt sind. „So kann Inklusion nicht funktionieren“, so ist laut „Rheinischer Post“ der offene Brief überschrieben. Die Pädagogen haben ausgerechnet, dass sich der Förderbedarf der zusätzlich aufgenommenen Kinder mit Lernschwierigkeiten und Erziehungsauffälligkeiten auf 68 Wochenstunden summiert. Allerdings wurde nur Unterstützung einer Sonderpädagogin von 13 Stunden bewilligt. „Wer betreut die Kinder in der Pause?“, fragen die Lehrer nun. Und wer hilft bei Ausflügen? „Wir sind für Inklusion, aber viele Kollegen fühlen sich überfordert, die Aufgabe nebenbei zu übernehmen“, heißt es dem Bericht zufolge an der Schule – eine deutlich andere Sicht als die, die Rabe nahelegt. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Kommentar: Inklusion: Wer Probleme wegfabulieren will, beleidigt Lehrer – und schadet der Sache

3 Kommentare

  1. Lehrerkollegien müssten die Ministerien mit offenen Brandbriefen überschütten. Das sorgt für Aufmerksamkeit und öffentlichen Druck. Mit Bitten und Flehen auf dem internen Dienstweg, der nichts nach außen dringen lässt, wird nichts bewegt.
    Hat sich die GEW eigentlich noch nicht gemeldet und Protest kundgetan?
    Ich würde gerne mal wissen, ob die häufige Äußerung, dass eine deutliche Mehrheit der Lehrer die Inklusion befürwortet, der Wahrheit entspricht. Ich kann das mir das kaum vorstellen.

    • Doch, das kann ich mir durchaus vorstellen oder haben Sie nennenswertes Aufbegehren mitbekommen bezüglich dieser „super“ Methode „Schreiben nach Gehör“ oder der allenthalben paktizierten „konstruktivistischen Didaktik“, auf die sich das „individuelle Lernen“ oder die ach so „fortschrittliche“ Grundschularbeit stützt?

      • So extrem, wie Sie die Dinge darstellen, werden sie in der Grundschule nicht gehandelt. Man kann höchstens sagen, es fließen bestimmte Ansätze mit in den Unterricht hinein – vom Frontalunterricht bis zum entdeckenden Lernen – es wird aber nicht nach einer bestimmten pädagogischen Ideologie unterricht. Es wird auch keine Grundschullehrerin Schreiben nach Gehör in der Reinform unterrichten. Aber diese Diskussion hatten wir ja schon.

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