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Inklusion: Schleswig-Holstein stellt zusätzliche Schulassistenten an Grundschulen ein

KIEL. Im neuen Schuljahr werden zur pädagogischen Betreuung behinderter Kinder an Schleswig-Holsteins Grundschulen sogenannte Schulische Assistenzen eingestellt. Für Ministerin Ernst (SPD) ein Meilenstein für die Inklusion, die CDU-Opposition sieht nur eine Mogelpackung.

Die bundesweit einzigartige Einführung schulischer Assistenten an Schleswig-Holsteins Grundschulen wird nach Einschätzung von Bildungsministerin Britta Ernst «zu einem großen Erfolgsprojekt» werden. Sie rechne damit, dass andere Länder diesem Weg zur Förderung behinderter Kinder an Regelschulen nachahmen werden, sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. Schleswig-Holstein hat 13,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

«Bis Oktober/November wird der Großteil der neu geschaffenen 314 Vollzeitstellen besetzt sein», sagte Ernst. Kritik von CDU und FDP, die Einführung sei überhastet und klappe nicht zum Start des neuen Schuljahres am 31. August, wies sie als «Schaumschlägerei der Opposition» zurück. Sie könne aber nicht prognostizieren, ob Anfang nächsten Jahres 5 oder 30 Prozent der Stellen noch unbesetzt seien.

"Abschaffung war ein Fehler": Britta Ernst. Foto: SPD Schleswig-Holstein / flickr (CC BY 2.0)

„Ein Meilenstein“ seien die neuen Assistenten, verspricht Schulministerin Britta Ernst. Foto: SPD Schleswig-Holstein / flickr (CC BY 2.0)

«Wir haben mit der Schulassistenz etwas auf den Weg gebracht, um die Schulen bei der Inklusion – dem gemeinsamen Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern – zu unterstützen», sagte Ernst. Die Assistenten sollen nicht nur bei der Integration der Kinder und beim Lernen helfen, sondern auch bei Projekten oder Klassenfahrten. Einzelne Schüler bekämen auch Hausaufgabenhilfe.

Die Befürchtung, es werde nicht genügend qualifizierte Bewerber geben, ist nach Angaben der Ministerin widerlegt: «Stand 18. Juli gingen 1464 Bewerbungen ein, und wir sind mit dem Niveau sehr zufrieden.» Darunter seien Erzieherinnen, Heilpädagogen und Kinderpflegerinnen. Am Ende dürften etwa 500 Assistenzen eingestellt werden, von denen viele in Teilzeit arbeiteten, sagte Ernst. Jede Grundschule werde – gestaffelt nach der Schülerzahl – mindestens eine Assistenz bekommen. «Wir haben nie davon geredet, jede Klasse zu besetzen.»

«Die Assistenz kommt „on top“, zusätzlich zu anderen Hilfen an die Grundschulen», betonte Ernst. Sie verwies auf Sonderpädagogen, Schulsozialarbeit und Schulpsychologen. «Unser Ziel ist, möglichst viele unterschiedliche Professionen einzusetzen, um die Kinder optimal zu unterstützen.»

Ernst kritisierte jene Kreise, die bis zum Beginn der Sommerferien noch keine Bewilligungsbescheide für sogenannte Schulbegleitungen für behinderte Kinder fürs neue Schuljahr erteilt hatten. In Medien war spekuliert worden, ob manche Kreise Geld für Schulbegleitung sparen wollen, weil das Land Schulassistenzen einführt und diese bezahlt.

Ernst betonte, Schulbegleitung sei ein bundesgesetzlich geregelter individueller Anspruch behinderter Kinder. Dagegen seien Schulassistenten eine Hilfe für Grundschulen. Zudem seien die Aufgaben von Schulbegleitern – etwa Hilfe bei Toilettenbesuchen von Rolli-Fahrern oder beim Anziehen – und der Schulassistenz unterschiedlich. Es gebe aber auch Überschneidungen. Ernst hielte es für sinnvoll, an Schulen einen gemeinsamen Pool von Assistenzen und Schulbegleitungen zu schaffen, um die Ressourcen möglichst effizient zu nutzen.

Laut Landesozialgericht gehören pädagogische Hilfen nicht zu den Aufgaben der von den Kreisen bezahlten Schulbegleitung, sondern sind Aufgabe der Schule und damit des Landes. In einem Moratorium wurde aber an der bisherigen Praxis inklusive pädagogischer Betreuung festgehalten – bis eine neue Lösung gefunden ist. Dafür zahlte das Land den Kreisen und kreisfreien Städten im Schuljahr 2014/2015 einmalig 15 Millionen Euro. Die Anschlussvereinbarung regelt, dass die Kreise bis zum Aufbau einer Schulischen Assistenz auch an den weiterführenden Schulen einen Festbetrag in Höhe von 5,2 Millionen Euro erhalten, der ab 2016/17 jährlich um 10 Prozent steigt.

Nach Ansicht der CDU-Schulexpertin Heike Franzen wird die pädagogische Betreuung in den Schulen nur von den Schulbegleitern verlagert auf die Assistenzen. Diese seien also nicht «on top», wie Ernst sagt. Dem widersprach das Ministerium. Bereits 2013 habe es Gespräche gegeben mit den Kommunen, um die Schulbegleitung mit einem schulischen Unterstützungssystem zu verbinden.

Zum Ausbau der Inklusion setzt Ernst auf Qualität und nicht vorrangig auf eine immer höhere Quote: Rund 67 Prozent der behinderten Kinder gehen bereits auf eine Regelschule. «Wir haben mit Bremen damit die höchste Quote». In Schleswig-Holstein dürfen Eltern schon seit 1990 entscheiden, ob sie ihr behindertes Kind auf ein Förderzentrum oder in eine Regelschule schicken. Andere Länder erlaubten dies erst viel später. «Ich übe keinen Druck aus für höhere Inklusionsquoten, denn wir haben hervorragende Förderzentren, die für einige Kinder der richtige Ort sind», sagte Ernst.

Fast alle sprachbehinderten Kinder seien inzwischen auf Regelschulen, und bei lernbehinderten Kindern sei der Anteil sehr hoch, sagte Ernst. Anders sei dies bei geistig behinderten Kindern oder Kindern mit Mehrfachbehinderungen. Aber auch hier müsse es Fortschritte geben, denn: «Eine inklusive Gesellschaft wird nicht funktionieren, wenn die Schulzeit exklusiv organisiert ist.» dpa

5 Kommentare

  1. 314 Vollzeitstellen bedeutet, dass jede öffentliche Grundschule mit einer 2/3-Stelle Schulassistenz versorgt wird (488 öffentliche Grundschulen 2012/13), was etwa 18 Schulstunden (bei 27 Wochenstunden eines Lehrers) oder 25 Zeitstunden (bei 37,5-Stunden-Woche eines Angestellten) entspricht. Bei einer durchgehend zwei-zügigen Schule entspricht das vier Unterrichtsstunden pro Klasse und Woche.

    Die Sätze «Wir haben nie davon geredet, jede Klasse zu besetzen.» und“Jede Grundschule werde – gestaffelt nach der Schülerzahl – mindestens eine Assistenz bekommen“ in Kombination mit „. Am Ende dürften etwa 500 Assistenzen eingestellt werden, von denen viele in Teilzeit arbeiteten“ finde ich sehr entlarvend: Bei der Inklusion geht es in erster Linie um Kosten(ersparnis). Besser als nichts ist es allemal.

    Das Argument «Die Assistenz kommt „on top“, zusätzlich zu anderen Hilfen an die Grundschulen» ist nur halbherzig, weil besonders die Sonderpädagogen, deren eigentlich vorgesehene Schulform aufgelöst wird, bis zu ihrer Pension vorhanden sind und egal ob sie arbeiten oder nicht bezahlt werden (müssen).

    • Danke!!! Sie wissen schon wöfür. „Bei der Inklusion geht es in erster Linie um Kosten(ersparnis).“ So sehe ich das auch. Ob das notdürftige Stopfen allzu großer Löcher bei der Inklusion allerdings besser als nichts ist, bezweifle ich.
      Symptomkuriererei hilft nur, Krankheiten zu lindern oder zu verschleiern. Vielleicht wäre es besser, den Karren vor die Wand fahren zu lassen, um endgültig Klarheit zu schaffen.

      • Sie sprechen mir aus der Seele.

        Von den 488 Grundschulen werden die 24 größten, also etwa 1 von 20, eine volle Assistenzstelle erhalten oder die 12 größten zwei 2/3-Assistenten (500 2/3-Stellen sind 12 mehr als es Schulen gibt). Ihren Kommentar kann man auch damit weiter untermauern.

      • Stimmt, je schneller die Fehlkonstruktion „Inklusion“ vor die Wand fährt, desto besser. Vielleicht sind dann die letzten Förderschulen noch zu retten.
        Wie die „Inklusion“ jemals als Menschenrecht und Gewinn für alle Kinder, insbesondere die behinderten, verkauft werden konnte, werde ich nie verstehen. Überhaupt ist mir unverständlich, was so alles an Irrsinn verkauft werden kann, sobald dafür per Spitzfindigkeit ein moralisches Muss geschaffen wird.

        • Ich finde das auch alles unglaublich. Wo sind eigentlich die Stimmen der gutausgebildeten Sonderschullehrer, die doch immer ihren Job unter guten Bedingungen bestmöglich machen konnten.

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