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Josef Kraus: Deutschlands bekanntester Lehrer hat sich aus der Schule verabschiedet – aus der Politik nicht

VILSBIBURG. Deutschlands prominentester und streitbarster Pädagoge hat sich in den Ruhestand verabschiedet, als Schulleiter jedenfalls. Als bildungspolitischer Akteur will Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, jedoch weiterhin ganz vorne mitmischen.

Ein Mann der klaren Worte: Josef Kraus. Foto: Deutscher Lehrerverband

Ein Mann der klaren Worte: Josef Kraus. Foto: Deutscher Lehrerverband

Böse Zungen, so meinte der Bayerische Rundfunk, hätten mit einem Schmunzeln behauptet, der Minister habe mit seinem Besuch am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium nur sichergehen wollen, dass sich der scheidende Direktor wirklich aus dem aktiven Schuldienst zurückzieht. Die Rede ist vom bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle – und von Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands. Kraus, der wohl prominenteste und streitbarste Pädagoge in Deutschland, ist als Schulleiter in den Ruhestand getreten, als Lehrerfunktionär nicht. Zur Verabschiedung kam Spaenle persönlich nach Vilsbiburg, wo Kraus seit 20 Jahren als Schulleiter gewirkt hat. Ob sich der Minister tatsächlich darüber freut, dass der Autor von etlichen Bestsellern und regelmäßige Gast in sämtlichen namhaften Fernseh-Talksshows künftig mehr Zeit für seine Öffentlichkeitsarbeit haben wird? Kraus kündigte bei seiner Verabschiedung schon an, auch weiterhin bei bildungspolitischen Themen Klartext reden zu wollen.

Und das tut Kraus, Bundesverdienstkreuzträger und Gegenstand eines eigenen „Wikipedia“-Beitrags, vernehmbar seit mehr als 30 Jahren; er ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Wer „Josef Kraus“ in die Suchmaske von news4teachers eingibt, stößt auf zahlreiche Kommentare von ihm. Ob er vielen deutschen Kindern und Jugendlichen ein „Luxusproblem“ attestiert („Je besser die Lebensumstände sind, desto mehr wird auf hohem Niveau gejammert“) , ob er Teilen der Elternschaft vorwirft, ihre Kinder zu sehr zu verwöhnen, oder in der Debatte um die digitale Bildung äußert, „Maß und Mitte“ nicht zu verlieren und vor einer „totalen Zwangsdigitalisierung“ von Schule warnt – Kraus ist stets präsent und scheut sich nicht, klare Positionen zu beziehen.

In seinem letzten Buch spricht Kraus, Lehrer für Deutsch und Sport, – mal wieder – vielen seiner Kollegen aus der Seele. Titel: „Helikopter-Eltern“. Darin seziert der auch als Psychologe ausgebildete Pädagoge den Teil der Elternschaft, der durch Überbehütung seinen Kindern kaum weniger schadet als verantwortungslose Eltern auf der anderen Seite des Spektrums.

Bei seinen Beobachtungen hat Kraus, der mit kräftigem bayerischem Idiom und Humor gesegnet ist, eine ironische Typologie der Helikopter-Eltern herausgearbeitet. „Transporthubschrauber“ sind diejenigen, die einen Taxi-Hol- und Bringdienst für ihre Kinder einrichten. Sie fürchten, dass auf dem Weg zum Fußballtraining oder zur Schule Katastrophen lauern könnten – und halten es für sicherer, vor der Turnhalle oder Schule ein Verkehrschaos auszulösen. „Rettungshubschrauber“ möchten ihre Kinder vor Unannehmlichkeiten und Niederlagen bewahren. Sie bringen ihren Schützlingen den zu Hause liegengelassenen Turnbeutel direkt zum Sportunterricht. Die „Kampfhubschrauber“ greifen ein: Dazu gehören der Besuch jeder Elternkonferenz – und Beschwerden über Lehrpläne, Disziplinarmaßnahmen, das Schulessen und vor allem die Notengebung.

Ein wichtiges Thema stieß Kraus unlängst an: die zunehmenden Schwierigkeiten von Schülern beim Handschreiben. Gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, initiierte Kraus eine bundesweite Umfrage unter Lehrern. Ergebnis: Vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen meinen, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. Sogar 83 Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler als Voraussetzung für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, in den vergangenen Jahren verschlechtert haben.

Josef Kraus forderte angesichts dieses Befunds die Kultusminister der Länder auf, das Thema Handschreiben verstärkt in den Blick zu nehmen: „Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen.“ Die Erzieherinnen und die Grundschullehrkräfte benötigten dafür angesichts der wachsenden Herausforderungen mehr Unterstützung. Zugleich kritisierte Kraus: „Die zunehmenden Probleme vieler Schüler mit der Schreibschrift muss sich auch eine Schulpolitik ankreiden lassen, die dem Schreiben und insgesamt der sprachlichen Bildung immer weniger Bedeutung beimisst.“ Als Beispiel nannte Kraus den reduzierten Grundwortschatz, die Arbeit mit Lückentexten und Multiple-Choice-Tests sowie die Flut an Kopien, die sich tagtäglich über die Schüler ergießt. Kraus betonte, dass es tendenziell einen Zusammenhang zwischen Lernleistung von Schülern und der Güte ihrer Handschrift gebe. „Wer gut und versiert schreibt, der prägt sich Geschriebenes besser und konzentrierter ein, er ist intensiver bei der Sache, er schreibt bewusster, setzt sich intensiver mit dem Inhalt und dem Gehalt des Geschriebenen auseinander“, erklärte Kraus.

Dies trug Kraus vor der Bundespressekonferenz in Berlin vor. Wo sonst, als auf der größtmöglichen medialen Bühne? Nach ihm trat dort Regierungssprecher Steffen Seibert vor die Hauptstadt- Journalisten, um ihnen die neuesten Entwicklungen zur Griechenland-Krise zu schildern. Seibert hatte weniger Zuhörer. News4teachers

Zum Bericht: Gymnasiallehrer warnen vor „Einheitschule“ – Kraus fordert zur „bürgerlichen Revolte“ auf

9 Kommentare

  1. Wahrscheinlich hat Josef Kraus nun mehr Zeit, „Als bildungspolitischer Akteur“ ganz vorne mitzumischen. Ich schätze diesen Mann sehr wegen seines klaren Blicks und seiner deutlichen Worte. Im Gegensatz zu anderen Akteuren ist er nie jedem pädagogischen Trend nachgelaufen, wenn er ihn als Irrweg ansah, sondern hat eindringlich gewarnt und seine Warnungen auch begründet.
    Danke an die Redaktion von news4teachers, dass sie diesem Mann zu seinem Eintritt in den Ruhestand einen so ausführlichen und treffenden Artikel gewidmet hat!

    • Aber wer oder was ist der deutsche Lehrerverband?

      Die Namensgebung ist bereits ein Zeichen von Hybris. Im Umkehrschluss müssen nämlich alle, die dem Verband nicht anghören oder angehören wollen, entweder nicht deutsch oder nicht Lehrer oder beides nicht sein.

      Mir fällt dazu nur Heines Nachtgedicht ein.

      • Geht es hier um den Deutschen Lehrerverband oder die Person Josef Kraus?

        • Es geht um den dlv, eine absolut überflüssige Vereinigung im DBB.

          • Wieder mal Lust, mit gleich zwei Falschbehauptung in einem Sätzchen zu provozieren?

          • Was ist falsch? Der DLV soll nicht Mitglied im DBB sein? Alle Berufsverbände der Lehrer sind entweder Interessenvertretungen – also Lobbyorganisationen oder eben, um in Entgeltverhandlungen eintreten zu können, Mitglied des DBB. Nur so ist eine Möglichkeit vorhanden die Entgelte im Rahmen der Tarifunion zu verhandeln.

            Für die „Lehrer“ als tarifbeschäftigtem Personal ist nämlich nur die GEW als Mitgliedsorganisation des DGB tariffähig. Besoldungsforderungen beamteter Lehrkräfte kann die GEW nämlich gar nicht durchsetzen, da Beamte nicht in Tarifverhabndlungen durch die Dienstleistungsgewerkschaft vertreten werden können. Dies ist ja einer der Gründe für die Tarifgemeinschaft aus GEW und DBB.

  2. Milch der frommen Denkungsart

    Mit noch so argumentativen Nebelkerzen werden Sie jenen offenbar schwer an Ihnen nagenden Minderwertigkeitskomplex gegen alles, was mit dem Gymna-sium und vielmehr noch dessen verbeamteter Lehrerschaft zu tun hat, ver-schleiern können – fassen Sie doch endlich die Courage zum outing !

    • Minderwertigkeitskomplex – ja, es ist der Dienstherr bzw. Arbeitgeber, der die Leistung von Lehrern außerhalb von GY, BK und FöS als minderwertig einstuft und den dort eingesetzten Lehrkräften trotz Master-Abschluss und abgeschlossenem Vorbereitungsdienst die Eingruppierung in den höheren Dienst verweigert.

      Bei der Eingruppierung tarifbeschäftigter Lehrkräfte wird nach Gutsherrenart entschieden und die Lehrereinguppierungsordnung von der Tarifgemeinschaft der Länder verhindert.

      Die Eingruppierungsgrundsätze für Lehrkräfte im Seiteneinstieg mit abgschlossenem Vorbereitungsdienst sind außerhalb des höheren Dienstes eine Frechheit gegenüber den Seiteneinsteigern. 430 EUR je Monat weniger Bruttogehalt bei gleicher Berufserfahrung als ein grundständiger, tarifbeschäftigter Lehrer sind eine Benachteiligung. Es geht nicht darum, ob ich mich minderwertig fühle, es geht einzig und allein darum, dass die erbrachte Leistung nicht wertgeschätzt wird. Und da unsere Anerkennung der beruflichen Leistung über die Entlohnung funktioniert, bleibt nur zu konstatieren, dass nicht die erbrachte leistung minderwertig sondern die dafür aufgewendete Entlohnung minderwertig ist.

      Deshalb bin ich ja auch um mich zu outen für eine Eingangsbesoldung für alle Lehrkräfte auf Grundlage von A12 bzw. E12 und schaffunf von ausreichend Leitungs- und Koordinatorenstellen in allen Schulformen, um eine Beförderung zu ermöglichen. An vielen Gymnasien einer Stadt gibt es mehr Beförderungsstellen als an allen anderen Schulformen im gleichen Stadtgebiet. Da liegt die Ungerechtigkeit – A12 bis zur Unterflurlegung ist keine Perspektive in akademisch geprägten Berufsfeldern des öffentlichen Dienstes. Außerhalb von Schule ist es mit Bachelor-Abschluss leichter möglich die Besoldungsstufe A13 zu erreichen.

      Ferner bin ich aus Gründen des Gleichheitsgrundsatzes für die Abschaffung der StR-Zulage, die es zumindest hier in NRW gibt.

  3. Herr Kraus ist leider ein selbstverliebter Poser, dem es vorgeblich um das Wohl der Schüler und das Humboldt’sche Bildungsideal geht, der im Kern aber ein Vertreter bornierten Lehrerdünkels ist, feist und altbacken.

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