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Leserrezension: Kleine Kinder sind große Lehrer – Das Genie der frühen Jahre

BAD ZWISCHENAHN. Es geschieht jetzt häufiger und lässt jedes Mal die Frage entstehen: Kann das denn was werden?, dass ein berufsfremder Autor nicht nur Eltern, sondern auch Lehrkräften und Erzieherinnen eine vermeintlich pädagogisch best begehbare Sichtweise verdeutlichen will.

Bei Marco Wehr, 1961 in Wuppertal geboren und heute international erfolgreicher Tänzer, promovierter Physiker und Philosoph, gelingt das durchaus. Wer mit Kindern beruflich zu tun hat, ganz besonders im Kindergarten- und Grundschulalter, wird sich von diesem Buch angesprochen fühlen und mindestens nachdenken oder sogar erstaunt darüber sein, wie viele Chancen und Freiräume in der eigenen Arbeit bisher übersehen blieben. Freiräume, die zu entdecken sind durch die „zumutbare Zumutung“, vor allem die Kinder genauer zu beobachten, wie der Autor meint. Dann lehrten uns Kinder, wie man lernt, und Pädagogen könnten bewusster erleben und nutzen, dass Kinder immer bereits mit einem evolutionären Lernprogramm ausgestattet sind, bei dem allein Neugier und Motivation, über Individualisierung und Differenzierung eingesetzt, zu ungeheuren Lernleistungen führen.

Tatsächlich finden wir dazu das meiste bereits in reformpädagogischen Ansätzen des letzten Jahrhunderts. Die bei Wehr wieder aufgegriffenen Lernstrategien werden allerdings heute durch Einsichten der Hirn- und Emotionsforschung bestätigt, wie zum Beispiel
• die Vorbildfunktion der Eltern bzw. Lehrkraft in punkto Begeisterungsfähigkeit, Gerechtigkeit, Zuversicht, aber auch Pünktlichkeit.
• Oder, dass vernetzte Inhalte der Curricula (Epochenunterricht) nachhaltigere Ergebnisse befördern können als die weit verbreitete Belieferung der Kinder mit Fachunterrichts-Happen.
• Auch die heute erstmals in Orientierungs- oder Rahmenplänen eingearbeitete Forderung nach einer fehlerfreundlichen (Schul-)Kultur gehört dazu, wo nach den Ressourcen gesucht wird, nicht nach Mängeln und Fehlern und wo Selbstwirksamkeitserfahrungen und Verantwortungsübernahme die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) der Heranwachsenden stärken sollen.
• Und schließlich belegt die heutige Neurobiologie, dass „das Gehirn nur lernt, was ihm bedeutsam erscheint“ (G. Hüther), so dass heute besonders im Elementarbereich nach einem konstruktivistischen Bildungsverständnis gearbeitet wird, bei dem Themen, Lernwege und Lernziele sehr individualisiert und differenziert bleiben.

Das aktuelle Buch des Tänzers und Physikers Wehr.

Das aktuelle Buch des Tänzers und Physikers Wehr.

Marco Wehr applaudiert diesen „modernen“ Grundlagen für das Lernen. Aber anders als die von ihm skeptisch auf Abstand gehaltenen „Bildungsforscher“, die etwa über PISA das „Humankapital“ im Blick behalten, stellt Wehr hier die Wertefrage: „Welche Einsichten, Fertigkeiten und Charaktereigenschaften benötigt man eigentlich, um ein geglücktes und gelungenes Leben zu leben?“

Obwohl der Autor an dieser Stelle die „schwierige“ Frage nach dem Glück des Menschen ausklammert, gerät er implizit mit seinen Forderungen hier in Konflikt mit großen Teilen des herrschenden Schulsystems. Denn dieses investiert heute noch kaum oder gar nicht in die „4 Z“ als die nach Wehr entscheidenden Bedingungen dafür, dass Kinder Selbst- und „Könnensbewusstsein“ für immer anspruchsvollere (Lebens-)Aufgaben entwickeln, nämlich „Zeit, Zuneigung, Zuwendung, Zutrauen“.

Was dieses Buch jedoch leistet, ist eine ebenso bedachtsame wie überzeugende Erinnerung an evidenzgestützte Lernstrategien, deren Einsatz heute auch von verschiedenen Wissenschaften sinnvoll begründet werden kann. Wer dieses Lernen und Arbeiten mit Kindern übernehmen will, kann bei Marco Wehr für sich und die dafür notwendige Haltung anregende und stichhaltige Argumente finden, die sich im Kern alle gegen die betriebswirtschaftlich betriebene Ökonomisierung unseres Bildungssystems wenden. Arnold Hopf

2 Kommentare

  1. Sorry, wenn ich den Namen G. Hüther höre und lese („Jedes Kind ist hochbegabt“), der zusammen mit H. Precht postuliert, nur eine Bildungsrevolution könne Deutschland noch retten, „verdrehe ich die Augen“ und mir wird ganz unwohl.

    Ja, nach dem konstruktuvistischen Bildungsverständnis wird vor allem in der Grundschule gearbeitet. Segen oder Fluch? So begeistert wie der Rezensent bin ich keineswegs.
    Hier eine kritische Sichtweise, der ich mich voll und ganz anschließe:

    http://stolzverlag.de/de_blog_permalink_572.html

  2. Ich bin Schülerin eines Gymnasiums und komme im neuen Schuljahr in die 11. Klasse.
    Immer mal wieder besuche ich Ihre Seite, weil mich viele Themen interessieren. Auch wenn ich nicht alles verstehe, finde ich die Diskussionen meistens spannend und anregend.

    Aktuell habe ich eine Frage zu der Buchbesprechung von Arnolf Hopf „Kleine Kinder sind große Lehrer – Das Genie der frühen Jahre“.
    Der Autor schreibt, dass heute besonders im Grundlagenbereich nach einem „konstruktivistischen Bildungsverständnis“ gearbeitet würde.
    Kann mir jemand aus dem Forum kurz und verständlich diese Fragen beantworten:

    1. Was verstehe ich unter der „konstruktivistischen Didaktik“?
    2. Warum findet der Bewerter diese Unterrichtsform gut?
    3. Gibt es im Forum dazu auch abweichende kritische Meinungen?

    Ich beschreibe im Folgenden zwei gängige Unterrichtsstunden an meiner Schule. Enthalten sie auch Elemente der zur Debatte stehenden Didaktik oder wie müssten sie verändert werden, damit sie diesem Anspruch gerecht werden?

    a)
    Zu einem Thema wird viel vom Lehrer erläutert. Manches sollen wir uns selbst erarbeiten (Texte, Tabellen oder Diagramme). Am Ende der Stunde vergleichen wir die Ergebnisse. Meistens lesen nur die guten Schüler vor, und wir müssen das dann übernehmen. Über die Ergebnisse wird wenig bis gar nicht gesprochen.
    b)
    Es gibt auch Stunden, in denen der Lehrer fragt, und wir versuchen zu antworten. Diese Stunden gefallen mir, weil ich mir in verschiedene Richtungen Gedanken machen kann. Wenn sich viele in der Klasse beteiligen, lerne ich auch viel.
    (Grundsätzlich gefallen mir diese Stunden am besten, weil ich mir die ganze Zeit in verschiedene Richtung Gedanken machen kann.)
    c)
    Unterrichtsexperimente (Chemie, Physik) werden im Vorfeld ausführlich besprochen. Wir erörtern die Zusammenhänge und das Ergebnis, aber auch Negativergebnisse. Zur Arbeit selbst schreiben wir ein Protokoll, was in der darauf folgenden Stunde besprochen wird.
    Kurz zusammengefasst lerne ich am besten: Wenn ich selber aktiv werden kann, es gleichzeitig noch sehe und höre oder darüber rede und das Ganze im Anschluss noch anwende.

    Vielen Dank für Ihre Hilfe!

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