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Rasantes Hauptschulsterben in Nordrhein-Westfalen: Schon 60 Prozent ohne Eingangsklasse

DÜSSELDORF. Dass die Hauptschule keine Zukunft hat, ist bekannt – wie schnell sie stirbt, überrascht dann doch. An den meisten Schulen fehlen schon die Eingangsklassen.

Das Sterben der Hauptschulen setzt sich in Nordrhein-Westfalen in Riesenschritten fort. Nach vorläufigen Zahlen konnten 60 Prozent der öffentlichen Hauptschulen zum neuen Schuljahr keine Eingangsklasse mehr bilden. Das bedeutet: An mehr als jeder zweiten jetzt noch arbeitenden Hauptschule gehen mit dem Ausscheiden der letzten Schülerjahrgänge endgültig die Lichter aus. Das geht aus einem Bericht von Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) an den Fachausschuss des Landtags hervor. Das Thema steht dort am morgigen Mittwoch auf der Tagesordnung.

Im vergangenen Schuljahr gab es in NRW erstmals weniger Hauptschulen (485) als Realschulen (504) oder Gymnasien (511). Vorläufige Prognosen gehen davon aus, dass im neuen Schuljahr nur noch etwa 450 Hauptschulen weiterarbeiten können – vor zehn Jahren waren es noch 723. Allein innerhalb von fünf Jahren ist die Anzahl der Hauptschulen mit Eingangsklasse um etwa 65 Prozent gesunken.

Der Schrumpfungsprozess betrifft zwar nicht allein die Hauptschule, hier wirkt er sich aber am drastischsten aus: Trugen im Schuljahr 2005/06 erst drei Hauptschulen den Stempel «auslaufend», waren es im vergangenen Schuljahr schon 288. In diesem Schuljahr wird die Schülerzahl an den Hauptschulen gegenüber dem vorherigen erneut um rund 16 Prozent auf etwa 100 000 sinken.

Auch die Realschulen sind von insgesamt sinkenden Schülerzahlen, vor allem aber vom starken Zulauf für die Schulen längeren gemeinsamen Lernens stark betroffen. Von aktuell noch 499 öffentlichen Realschulen laufen 162 aus – vor fünf Jahren waren es erst 15. Anders als bei den Hauptschulen ist es hier bislang aber kaum zu Schulschließungen gekommen.

Auch die Zahl der Förderschulen geht im Zuge inklusiven Lernen an Regelschulen kontinuierlich zurück. In diesem Jahr waren es noch 571 öffentliche und private – 47 laufen aus. An Gymnasien kommt es dagegen nur in Einzelfälle zu einer Schulschließung.

Schulen, die Bildungswege länger offen halten, boomen dagegen. Mit jeweils acht neuen Gesamt- und Sekundarschulen wird im neuen Schuljahr unter 443 Dächern schulformübergreifendes Lernen angeboten – eine Verdopplung innerhalb von vier Jahren. dpa

Zum Bericht: Bouffier: «Wir geben die Hauptschule nicht auf, es gibt sie nur nicht mehr»

13 Kommentare

  1. Das gegliederte Schullsystem wird in wenigen endgültig Jahren ausgedient haben. „Schulen, die Bildungswege länger offen halten, boomen“, heißt es. Diese Charakterisierung hört sich ausschließlich positiv an. Hat „länger offen halten“ denn nur Vorteile?

    • Ich persönlich hätte nichts gegen eine sechs-jährige Grundschule, weil mir die Festlegung auf eine weiterführende Schulform nach vier Schuljahren doch recht früh erscheint. Argumente wie „Wechsel geht auch schon in der Erprobungsstufe“ oder „Mein (auf dem Gymnasium sehr gutes) Kind hat sich schon in der dritten Klasse angesichts der D**fköppe gelangweilt, wie soll das in der fünften oder sechsten Klasse aussehen?“ sind zu erwarten und auch durchaus zutreffend, besonders ersteres wird nur zu selten angewandt. Man könnte aber die Berliner Grundschulen fragen, die sehr viel Erfahrung mit diesem System haben.

      Ein wenig Angst können die Englischlehrer angesichts des Englischunterrichts in der Grundschule und die Mathematiklehrer angesichts der Mathematikkenntnisse der Grundschullehrer durchaus haben. Den Englischunterricht der Klassen 3/4 kann man inhaltlich vergessen und ich möchte nicht wissen, wie viele Grundschullehrer die Bruchrechnung ohne Taschenrechner überhaupt noch beherrschen geschweige denn vermitteln können. (Über verstehen im mathematisch sauberen Sinne rede ich da noch nicht einmal. Elementares Rechnen mit Buchstaben ist für viele ja schon ein Ding der Unmöglichkeit, das Wort Beweis erzeugt panische Angst.)

      • Ihren 2. Abschnitt kann ich nicht nachvollziehen. Pauschalisieren Sie da nicht zu sehr?
        Bei uns in Bayern müssen Grundschullehrer schon längere Zeit als mobile Reserve in der Mittelschule bis zur 6. Klasse unterrichten und selbst als Vertretung können sie die angesprochenen Themen (Ich selbst habe das auch schon als Vertretung im 6. Schuljahr unterrichtet.)
        Ich bin auch nicht der Meinung, dass man den Englischunterricht in 3/4 inhaltlich vergessen kann. Was für die weiterführenden Schulen schlecht ist, ist, dass wir in der Grundschule die Motiviation des Neuen wegnehmen, denn das Fremdsprachenlernen ab der 5. Klasse ist didaktisch anders und für die Schüler mit mehr Arbeit verbunden.
        Vielleicht sind die Ängste dann nachvollziehbar, wenn jemand in der Grundschule immer 1/2 unterrichtet. Doch alles ist eine Frage der Einarbeitung. Was ich mir jetzt andersherum schwierig vorstelle, ist, dass ein Lehrer, der höhere Klassen gewohnt ist, plötzlich einer 1. Klasse innerhalb eines Schuljahrs das Lesen und Schreiben beibringen muss in einem Tempo von ca. einem Buchstaben pro Woche und in Mathematik fast ein Schuljahr Zeit hat, ein Rechnen bis 20 beizubringen. Da gehört viel didaktisches Knwohow und pädagogisches Fingerspitzengefühl für diese Altersgruppe dazu.

        • Ihre Befürchtungen über Sek I-Lehrer, die mehr oder weniger unvorbereitet Grundschülern das Schreiben beibringen müssen, teile ich unwidersprochen.

          Beim Englischunterricht spreche ich von NRW, wo im 3. Schuljahr etwa 100 und im 4. Schuljahr etwa 150 Vokabeln vorgesehen sind mit Materialien, die (aus meiner Sicht als Gymnasiallehrer, nicht für Englisch, aber mit sehr guten Englischkenntnissen) an Lächerlichkeit kaum zu Überbieten sind, und wo Gymnasiallehrer (Englisch) den Englisch-Förderunterricht für die guten Grundschüler mit den Materialien übernehmen. Man muss spekulieren, ob das wegen Personalmangel an den Grundschulen oder aus fachlichen Gründen, weil das Englisch vom Grundschulpersonal zu schlecht ist. Bei den Mathematikkenntnissen spreche ich aus Erfahrung aus meinen letzten Studententagen vor etwa 10 Jahre, in denen ich Übungsgruppenleiter bei Hauptstudiumsstudenten Mathematik, Lehramt Grund- und Hauptschule war. Inhaltlich entsprach der Stoff etwa dem aus meinem zweiten Semester Fachstudium, die Studenten konnten Zahlenrechnen, viel mehr aber nicht. Möglicherweise ist es in Bayern anders als (damals) in NRW.

          • Aber für das Unterrichten von Mathematik in der Grundschule soll man ja auch vor allem Didaktiker und nicht Mathematiker sein. Keine Angst, das Fachwissen, das in der Grundschule verlangt wird, beherrschen wir schon. Dafür mangelt es in den Gymnasien oft an den didaktischen Grundlagen der Lehrer. Unterricht läuft doch oft nur mit den guten Schülern, der Rest schreibt von der Tafel ab und versteht Bahnhof. Zitat eines Lehrers: „Und wer das jetzt nicht verstanden hat, der hat ein Problem.“ Sorry, xxx, aber oft ist es so.

  2. Und auch in „nicht-gegliederten“ Schulsystemen wird man dann merken, dass es auf den Lehrer ankommt. Ich nehme mal an, dass sich in punkto Pisa im besten Fall nichts verändern wird.

    • Richtig. Die Guten werden gebremst, damit die Schlechten länger mitgeschleppt werden können. In der Summe geht es damit langsamer voran als vorher.

      • Ich weiß nicht, wie das in anderen Bundesländern aussieht. Aber in BaWü soll ja der Englischunterricht eigentlich „nur“ mündlich ablaufen. Kommunikation ist das Zauberwort. Die Tests bestehen oft aus Hörverstehen und ankreuzen. Das Schreiben von Wörtern darf man nur verlangen, wenn diese irgendwo auf dem Arbeitsblatt auftauchen. Aus „Verzweiflung“ schreiben wir in Klasse 3 und 4 aber trotzdem oft Wörter und Sätze, denn wie soll man sich Wortbilder anders einprägen, die Aussprache des Englischen ist doch oft sehr anders als die geschriebene Sprache. Das führt in den weiterführenden Schulen dazu, dass es große Unterschiede gibt bei dem, was die Kinder aus der Grundschule mitbringen.

        • So hat By auch einmal angefangen, doch man hat schnell nachgebessert. Es gibt schon länger einen verbindlichen aktiven Wortschatz, d.h. die Wörter müssen auch geschrieben werden können, was aber bei den wenig Englischwochenstunden oft nicht so richtig sitzt. Die neue Tendenz ist, dass man sich so eine Art freies Schreiben (kleine Geschichten) mit diesen Wörtern vorstellt. Ansonsten viel Hörverstehen und viel aktives Englischsprechen (Dialoge zu Alltagssituationen z.B.). Die Grammatik spielte die ganze Zeit keine Rolle, es wurden eher Sprachfloskeln eintrainiert, allerdings gewinnt sie jetzt mit dem neuen Lehrplan ab diesem Schuljahr etwas an Bedeutung. Entspannend finde ich, dass kein Notendruck besteht, es gibt allerdings Zeugnisbemerkungen und es werden Tests geschrieben.

  3. Oh, bei uns gibt es Noten, der Schwerpunkt liegt allerdings auf dem Mündlichen. Man überlegt aber, die 1.Fremdsprache erst in Klasse 3 einzuführen, weil man sieht, dass 4 Jahre Grundschulenglisch nicht hält, was es verspricht.

  4. Sind die Hauptschulen ohne Eingangsklassen dann in einigen Jahren verschwunden oder werden sie hochwachsend in andere Schulformen (etwa z.B. Gemeinschaftsschule) umgewandelt? Dann könnte es sich unter Umständen auch um Namenswechsel wie bei Mittelschule, regionale Schule, Werkrealschule, Oberschule, Stadtteilschule, Realschule Plus usw. handeln.

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