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Rechnungshof deckt auf: Viele Schulen mogeln beim Unterricht – Pflichtstunden fallen unter den Tisch

DÜSSELDORF. Wenn Kinder früher aus der Schule kommen als der Stundenplan vorsieht, klagen genervte Eltern über Unterrichtsausfall. Die Dimension des Problems ist aber viel größer: An den meisten Gymnasien und Realschulen werden nicht mal alle Pflichtstunden eingeplant. Dies hat der Landesrechungshof für Nordrhein-Westfalen jetzt festgestellt. Der VBE sieht die Verantwortung beim Land.

An vielen Schulen in NRW werden Pflichtstunden offenbar gar nicht erst eingeplant. Foto: Luis Priboschek

An vielen Schulen in NRW werden Pflichtstunden offenbar gar nicht erst eingeplant. Foto: Luis Priboschek

Das Problem des Unterrichtsausfalls an nordrhein-westfälischen Schulen ist noch größer als bislang angenommen: Neben den Stunden, die zeitweise ausfallen, werden nach Feststellungen des Landesrechnungshofes an vielen Gymnasien und Realschulen etliche Pflichtstunden gar nicht erst eingeplant.

In seinem am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellten Jahresbericht 2015 hat der Rechnungshof massive Unterrichtslücken aufgedeckt: 67 Prozent der Gymnasien und sogar 76 Prozent der Realschulen haben die in der Sekundarstufe I vorgeschriebene Gesamtstundenzahl nicht erreicht. Die Kontrollbehörde hat dafür erstmals eine akribische Prüfung vorgenommen. Für die Schuljahre 2007/08 bis 2012/13 wurden die Stundenpläne aller 508 öffentlichen Gymnasien und 507 Realschulen ausgewertet. 32 Schulen bekamen zudem Besuch von den Prüfern.

«Keine einzige der vom LRH aufgesuchten Schulen hatte die Anzahl der in der Sekundarstufe I insgesamt erteilten Stunden nachgehalten», bilanziert der Rechnungshof. «Deshalb wurden im Regelfall auch keine Maßnahmen ergriffen, Ausfälle in bestimmten Jahrgangsstufen in anderen Schuljahren zu kompensieren.» Die Tragweite sei «den Schulleitungen vielfach nicht bewusst», stellt der LRH fest. «Die hohe Zahl der Unterschreitungen erfordert aus Sicht des LRH Steuerungsmaßnahmen seitens der Schulaufsicht.»

Die Sekundarstufe I der Gymnasien umfasst die Klassen 5 bis 9. Hier liegen die Gesamtwochenstunden bei 163 – mindestens jedoch bei 154. An den Realschulen umfasst die Stufe auch Klasse 10. Hier sind 188 Stunden vorgesehen – mindestens aber 179. Weit über die Hälfte der Schulen habe sogar die unterste Grenze mindestens einmal unterschritten, stellte der LRH fest. Noch krasser: In dieser Gruppe wurde in mehr als der Hälfte der Schuljahre die unterste Grenze der Unterrichtswochenstunden nicht erreicht.

In seiner Stellungnahme an die Prüfer räumte das Schulministerium die Defizite ein. Die Problematik beschäftigte die Bildungspolitik in NRW seit über 30 Jahren, heißt es dort. Eine Ursache seien falsche Berechnungen der Lehrerstellen und Wochenstunden in früheren Jahren. Im Schnitt sei aber in den Stundenplänen weniger als eine Wochenstunde pro Schuljahr und Klasse von den Vorgaben abgewichen worden, stellte das Ministerium fest.

Der LRH warnte dagegen vor «einer Nivellierung der problematischen Ergebnisse» durch Rückzug auf Durchschnittswerte. Jedes zehnte Gymnasium und fast jede vierte Realschule habe die Eckwerte ganz erheblich gerissen. «Die Abweichungen sind keineswegs als geringfügige Unterschreitungen aufgrund von individuellem Förderbedarf anzusehen.»

Das Ministerium hat zugesagt, das Bewusstsein an den Schulen für die Problematik zu schärfen und die Aufsicht zu verstärken. Inzwischen ist die Gesamtpflichtstundenzahl an der Sekundarstufe I der Gymnasien auf einen flexiblen Wert von 158 bis 163 abgesenkt worden. Hier sieht der LRH aber eine neue Baustelle. Er zweifelt, dass dies noch mit den Vorgaben der Kultusministerkonferenz in Einklang steht.

VBE-Vorsitzender Udo Beckmann meint zu dem Bericht: „Die Zahlen des Landesrechnungshofs belegen, dass den Schulen nicht hinreichend Lehrerstellen zur Verfügung gestellt werden, damit sie allen Anforderungen und Eventualitäten gerecht werden können. So kann der Mindestauftrag nicht erfüllt werden. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn wegen der mangelnden Grundversorgung Unterrichtsausfall entsteht, der letztendlich durch die Landesregierung hausgemacht ist.“ Der VBE fordert von der Landesregierung, mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen – einschließlich einer Stellenreserve von acht Prozent, damit die Schulen in die Lage versetzt werden, auf unvorhergesehene Ausfälle von Lehrkräften reagieren zu können. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: CDU will bei Wahlsieg Unterrichtsausfall in NRW regelmäßig erheben

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