Startseite ::: Leben ::: Vorbild Finnland? Jetzt kämpft auch Cornelia Funke für die Schreibschrift in Deutschland

Vorbild Finnland? Jetzt kämpft auch Cornelia Funke für die Schreibschrift in Deutschland

BERLIN. Wenn Finnland als Pisa-Champion bei der Bildung Neues plant, schauen nicht nur Experten genauer hin. Nun will das Land im hohen Norden die traditionelle Schreibschrift aufs Abstellgleis schieben. Ein Vorbild für deutsche Grundschul-Lehrpläne?

Die Kinder- und Jugendbücher von Cornelia Funke - hier bei der Bambi-Verleihung 2010 - haben eine Gesamtauflage von 20 Millionen. Foto: Hubert Burda Konzern Kommunikation / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Kinder- und Jugendbücher von Cornelia Funke – hier bei der Bambi-Verleihung 2010 – haben eine Gesamtauflage von 20 Millionen. Foto: Hubert Burda Konzern Kommunikation / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Cornelia Funke kommt bei dem Thema ins Schwärmen: «Wenn es die Schreibschrift noch nicht gäbe, müsste man sie erfinden», sagt die Autorin der Jugendbuch-Klassiker «Tintenherz» und «Die Wilden Hühner». Sie glaube «ganz fest daran, dass die Schreibschrift für Kinder und Jugendliche ein wunderbares Mittel ist, um sich selbst zu entdecken». Zugleich fordere das Computerzeitalter offenkundig Tribut: «Wenn ich hier in Amerika, wo ich lebe, Bücher signiere, fragen die Kinder oft, was ich da für Zeichen verwende.»

Schnörkelige Tradition gegen stromlinienförmige Moderne: Die von Funke verehrte geschwungene Handschrift auf der einen Seite, nüchterne Druckbuchstaben auf der anderen – was sollen Kinder in der Grundschule lernen? Spätestens seit das in Pisa-Tests so erfolgreiche und daher zum großen Bildungs-Vorbild aufgestiegene Finnland den Übergang zu einer stark vereinfachten Schrift ab Herbst 2016 ankündigte, ist die Diskussion auch in Deutschland neu eröffnet.

Zumal Finnland seine Reform ganz unverblümt mit den Zwängen der allgegenwärtigen Digitalisierung begründet: «Das flüssige Tippen auf einer Tastatur ist eine wichtige nationale Fähigkeit», erklärt Bildungsexpertin Minna Harmanen. Zugunsten von Computer-Kompetenzen der Kinder soll also die verbundene Schreibschrift von finnischen Lehrplänen weichen. Ähnliche Überlegungen oder Tests gibt es in den USA und in der Schweiz, wo die «Schnürli-Schrift» zur Debatte steht.

In Deutschland empfiehlt der Grundschulverband, Kindern im Unterricht «eine gut lesbare, leicht und flüssig schreibbare Schrift» anzubieten – eine «Grundschrift» aus Druckbuchstaben als Alternative zu den drei älteren (und komplizierteren) «Ausgangsschriften». Dagegen propagiert der Verein «Allianz für die Handschrift» das Ziel, ein «Kulturgut» zu retten. Ein Streit mit teilweise schon weltanschaulichen Zügen.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) der Bundesländer behilft sich mit einem Formelkompromiss: «Schülerinnen und Schüler lernen sowohl Druckschrift als auch eine verbundene Schrift und entwickeln ihre feinmotorischen Fertigkeiten.» Bis zum Ende der Jahrgangsstufe 4 sollten sich die Kinder «eine individuelle, gut lesbare und flüssige Handschrift» aneignen, heißt es in einer Mitte Juni beschlossenen KMK-Empfehlung, die manches offen lässt.
Ein Trend zur neuen Grundschrift mit Druckbuchstaben lässt sich in mehreren Bundesländern feststellen. Aber selbst das oft als Vorreiter genannte Hamburg ist noch vorsichtig: «Die Grundschrift als einzige Schrift wird in der Regel bei Lerngruppen angewandt, die besonders schwierige soziale und Lernvoraussetzungen haben», sagt ein Sprecher der Schulbehörde. Einige Länder lassen ihren Lehrern freie Hand.

Auch die amtierende KMK-Chefin Brunhild Kurth (CDU) will für eine traditionelle Schrift kämpfen. Denn im Gegensatz zu Buchstaben auf einem Rechner könne man Handschriftliches «nicht einfach löschen, man muss gut überlegen, bevor man schreibt. Damit wird das strukturierte Denken gefördert.» Mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat Kurth eine wichtige Verbündete, auch wenn Grundschul-Lehrpläne natürlich Ländersache sind. Wanka empfiehlt, dem Reform-Vorreiter aus dem hohen Norden Europas diesmal die Gefolgschaft zu verweigern: «Nicht alles, was Finnland macht, muss richtig sein.»

Eine Umfrage unter gut 2000 Lehrern in Deutschland, die das Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, unlängst vorlegte, lieferte weitere Argumente für das herkömmliche Schreibhandwerk: Demnach hat die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen Probleme, die gewünschte lesbare und flüssige Handschrift zu entwickeln. Das Ergebnis: Eine «Sauklaue», die viele Lehrer kaum noch entziffern können. Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, fordert, das Thema verstärkt in den Blick zu nehmen: «Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen.»

Ähnlich positioniert sich der Verband Bildung und Erziehung (VBE), eine der Lehrergewerkschaften: Zwar sei es in der deutschen Debatte «deutlich zu kurz gesprungen, nur die Rettung des Kulturguts Handschrift einzufordern», meint der Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Gleichwohl solle sich auch künftig jedes Kind «den Mühen der Handschrift unterziehen». Denn die sei «ein komplexerer Vorgang als Buchstaben nur per Tastatur aneinanderreihen zu können».

Ilka Hoffmann, in der Bildungsgewerkschaft GEW Vorstandsmitglied für den Bereich Schule, gibt einer Radikalreform wie in Finnland ebenfalls keine Chance. «In Deutschland war es bereits ein weiter Weg, überhaupt erst einmal eine vereinfachte Schrift einzuführen», sagt sie. «Ich bin nicht dafür, dass man das Schreiben mit der Hand nun abschafft und nur noch mit der Tastatur schreibt. Schule hat immer noch den Auftrag, den Kindern Schrift schmackhaft zu machen.» Von Werner Herpell, dpa

Zum Bericht: Nach Umfrage unter Lehrern entbrennt bundesweite Debatte um das Handschreiben

6 Kommentare

  1. Finnland war mal Pisa-Champion. Sie sind in allen Kategorien bei den Absteigern dabei. Wie der ehemalige Pisa-Champion Champion wurde, kann hier nachgelesen werden:
    http://www.welt.de/print/wams/wissen/article143540618/Die-Entzauberung.html

    Man sollte sich als Europäer zur Zeit eher an den Niederlanden, Liechtenstein oder der Schweiz orientieren.

    • Genau den Artikel hatte ich auch im Kopf. Finnland zehrte (damals) noch von den Tugenden, die kurz vor dem PISA-Erfolg abgeschafft wurden.

      Nebenbei: Wenn alle gleichermaßen schlechter werden, ist Finnland noch immer ganz vorne mit dabei …

  2. Dieser Artikel wirft mal wieder alles in einen Topf.
    – Zunächst geht es darum, dass in Deutschland bisher verschiedene Schreibschriften gelehrt wurden.
    – In Abgrenzung dazu gibt es den Vorschlag des Grundschulverbandes, aus einzelnen Buchstaben eine individuelle Handschrift zu entwickeln.
    – Stellvertretend werden (mal wieder) Hamburg und Frau Kurth angefügt
    – Die Aussage der KMK ist nicht aus diesem Juni, sondern steht schon seit 2006 in den Bildungsstandards Deutsch für Grundschule, die für ganz Deutschland gelten. Erst DANACH haben sich weitgreifendere Initiativen entwickelt, bei denen das Erlernen einer flüssigen Handschrift nicht länger an eine der bisherigen 3 Ausgangsschriften gebunden ist.
    – Im Anschluss werden dann ältere Kommentare angefügt. Dabei kommt es dann wieder zu einer Vermischung mit der Debatte darum, ob man überhaupt noch lehren sollte, mit der Hand zu schreiben.

    Mich würde ja mal interessieren:
    – Wie sehen denn die Handschrift-Vorbilder aus, die in anderen Ländern gelehrt werden?*
    – Ist eine „Schreibschrift“ in den Niederlanden eine verbundene Schrift wie die LA oder VA oder eine „mit der Hand geschriebene Schrift“ aus einzelnen Buchstaben, wie eben auch die Grundschrift?*
    – In welchen anderen Ländern gibt es ähnliche Diskussionen, die verbundene Schrift abzulösen (z.B. Schweiz http://www.schulschrift.ch/index.htm) und in welchen Ländern gibt es die verbundene Schrift gar nicht?
    – Welche Länder haben fest vorgegebene Schul-Schriften, in denen Schreibart und -richtung eines jeden Buchstaben und einer jeden Verbindung exakt vorgegeben werden und mindestens 3 Jahre einzuhalten sind?

    – Warum können Kinder in den USA die Handschrift von Cornelia Funke nicht lesen?
    – Und warum kann oder will Cornelia Funke beim Signieren keine Schrift nutzen, die ihre Kunden lesen können?

    *Für die Niederlande habe ich selbst herausgesucht:
    Es gibt die gleiche Debatte seit langer Zeit. Ich habe ein Buch von 1941 gefunden, das dieses Thema zum Inhalt hat. Außerdem gibt es keine feste Vorgabe. Einige Kinder lernen Druckschrift (nl: blokschrift), andere Schreibschrift (nl: Schuinschrift) und etliche beginnen mit der Druckschrift und wechseln dann zur Schreibschrift.
    Eine Studie wird einen Vergleich zwischen Niederländischen und Deutschen Schreiben als Forschungsansatz zum Inhalt haben (http://www.linse.uni-due.de/linse/esel/pdf/va_sammarro.pdf)

    • Die rhetorische Frage zu Frau Funkes Schrift verstehe ich nicht. Können Sie anderer Leute Unterschriften immer lesen?

      • Frau Funke wird ihr Buch wahrscheinlich nicht mit ihrer Unterschrift, sondern einer verbundenen Schreibschrift unterschrieben haben. Ich habe im Unterricht mit siebt-Klässlern mal einen einfachen Text von vor dem zweiten Weltkrieg gelesen (möglicherweise in Sütterlin o.ä.). Es ging schleppend, war aber mit Ausnahme weniger Worte aber möglich. Mit Kindern, die nie eine verbundene Schreibschrift gelernt haben, dürfte das unmöglich sein. Die Historiker können sich schon darauf freuen, wenn die Studenten die Originalhandschriften oder alte Sütterlintexte nicht mehr lesen können und daher im ersten Semester ein Pflichtkurs Schreibschrift eingeführt wird bzw. ersatzweise Schreibschrift in drei Monaten wie beim Latinum und Graecum.

    • Danke für den lehrreichen link zu der dt./niederländ. Schriftstudie!

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*