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Wie viel Technik und Medien verkraften Kinder?

BERLIN. Der Einsatz digitaler Medien an Schulen schreitet voran, gefördert von Schulpolitikern und –verantwortlichen. Kritik aus dieser Richtung wird kaum laut. Allerorten ertönen eher Rufe nach weiterer Verbesserung der Ausstattung. Die Meinungen von Ärzten und Experten über Nutzen und Gefahren der digitalen Medien für Kinder und Jugendliche gehen dagegen weit auseinander.

Schon Dreijährige zeichnen auf dem Tablet, manche Grundschüler haben ein Smartphone in der Tasche. Das ist mittlerweile Normalität an deutschen Schulen und Kindergärten. Tablets und Co. sind längst in die Hände der Kleinsten gelangt. Experten streiten darüber, was das für Kinder bedeutet. Kern der Debatte: Wie viel Technik und Medien verkraften Kinder, und ab welchem Alter sollten sie damit in Berührung kommen? ein Zuviel an digitalen Medien gefährdet die Entwicklung, sagen die einen. Die Geräte ermöglichen besseres Lernen, behaupten die anderen.

Mobile Geräte ziehen Kinder nahezu magisch an. Foto: Honza Soukup / flickr (CC BY 2.0)

Mobile Geräte ziehen Kinder nahezu magisch an. Foto: Honza Soukup / flickr (CC BY 2.0)

«Wir Kinder- und Jugendärzte sind von deutlichen gesundheitlichen und psychologischen Beeinträchtigungen überzeugt, sehen diese täglich in unseren Praxen», berichtet Till Reckert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. «Wir warnen auch vor den Folgen, die die Kinder erleiden müssen von Eltern, denen ihr Smartphone wichtiger ist als der Kontakt zum eigenen Kind», sagt Reckert.

Mit seiner Meinung ist der Kinderarzt nicht allein. Immer lauter werden die Alarmrufe der Mediziner, die den mobilen Geräten in Kinderhänden kritisch gegenüberstehen. So warnte etwa im vergangenen Herbst ein Ärztearbeitskreis aus Stuttgart vor den gesundheitlichen Folgen des zunehmenden Einsatzes digitaler Medien an Schulen. 20 Ärzte verschiedenster Fachrichtungen gehörten dazu.

Die von dem Ulmer Psychiater und Gehirnforscher Manfred Spitzer nachgewiesenen negativen Folgen für die Gehirn – und Lernentwicklung bestätigten sich in ihrer ärztlichen Praxis, hieß es. Die Befunde: ein besorgniserregender Anstieg an Überforderung, Kopfschmerzen, ADHS und psychischen Erkrankungen. Der mit der wachsenden Nutzung der digitalen Medien zusammenhänge.

Mit ihren Warnungen hinken die Ärzte der Realität an Kindergärten und Schulen allerdings hinterher: Dort ist das Internet Studien zufolge längst angekommen. Es wird schon von Dreijährigen genutzt und gehört bei fünf Jahre älteren Kindern zum Alltag, heißt es in dem jüngst veröffentlichten Report «Kinder in der digitalen Welt», den das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) zusammen mit dem Institut Sinus nach Umfragen bei 1832 Eltern Drei- bis Achtjähriger und bei 1029 Kindern erarbeitet hat.

Nach Angaben des Digitalverbands Bitkom besitzt bereits die Hälfte der 10 bis 11-Jährigen ein eigenes Smartphone. Aus Sicht vieler Eltern sind die Risiken größer als die Chancen, deshalb verbieten zwei Drittel der Väter und Mütter ihren Kindern, ins Internet zu gehen. Als größte Gefahren gelten nicht kindgerechte Inhalte, Kontakte zu Unbekannten und Cybermobbing.

Doch egal ob in der Schule, an der Bushaltestelle oder auf dem Bolzplatz – viele Kinder kleben vor den mobilen Bildschirmen. Die leichte Bedienung und der intuitive Zugang machten sie bei Kindern beliebt, sagt Sabine Eder vom Bundesvorstand der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur. Durch die Geräte würden Kinder häufig «wie durch Zauberhand, magisch angezogen.»

«Dies übt einen Sog aus, dem man sich nur schwer entziehen kann», sieht Kinderarzt Reckert diese Anziehungskraft kritischer. Doch Kinderexpertin Eder sieht auch die Vorteile: Schon für Dreijährige gebe es viele digitale kindgerechte Angebote. Ein dosierter Umgang könne die «kreativen Fähigkeiten, die Reaktionsgeschwindigkeit, das logische Denken und sogar die Motorik von Kindern fördern».

In einem sind sich alle Experten einig: Bewegung, Tobezeiten, Spiel, frische Luft dürfen die Geräte nicht ersetzen. «Wenn Kinder dauerhaft mit elektronischen Medien beschäftigt sind, dann besteht die Gefahr, dass solche Erfahrungen zu kurz kommen und Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden», sagt Kinderexpertin Susanne Rieschel vom Elternratgeber «SCHAU HIN!». Kinder könnten dann eine krankhafte Angst entwickeln, etwas zu verpassen. Zudem unterdrücke das gleißende Licht der Bildschirme das Hormon Melatonin, das die Schlaf- und Wachphasen regelt.

Doch ab wie früh und wann wird es gefährlich? «Das optimale Einstiegsalter für Smartphones gibt es nicht», sagt Expertin Rieschel. Vielmehr komme es auf die individuelle Reife an. «Ob das mit 11, 12 oder erst mit 13 Jahren ist, müssen letztlich die Eltern entscheiden.» Expertin Eder betont: Bis zum Alter von drei Jahren sollte die reale Erfahrung im Fokus stehen: «Das Tablet als Babysitter sollte also tabu sein.» (Jonas Schöll, dpa)

• zum Bericht: Pausenloses Multitasking führt zu mehr Kopfschmerzen bei Schülern
• zum Bericht: „Stress pur“: Lehrerverband kreidet Medienverwahrlosung von Schülern an

5 Kommentare

  1. Mit 11-13 ein Smartphone bedeutet insbesondere, dass Grundschulkinder keines besitzen sollten. Wie real ist das noch? Aus meinen Erfahrungen aus der 5. Klasse halte ich das für sehr unwahrscheinlich.

    Wirklich _brauchen_ tun die wenigsten Menschen ein Handy geschweige denn ein Smartphone. Nice to have ja, aber im Bus muss niemand eMails lesen, im Wartezimmer des Arztes liegen genügend Zeitschriften, der Freund kann auch mal 10 Minuten auf den Festnetzanruf an Stelle von Whatsapp/SMS warten und Internet gibt es zu Hause am Rechner.

  2. „…gefördert von Schulpolitikern und –verantwortlichen.“
    Warum denn wohl ? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt 😉
    Ich wünsche mir, dass die Kritiker noch lauter werden.

  3. smartphones lassen sich dank serienmäßiger, preiswerter oder kostenloser apps prima als gtr, stoppuhr, lupe etc. im unterricht nutzen.

    das passiert allerdings nur selten und ist auch nur selten mit einem tatsächlichen mehrwert verbunden. die kinder hängen sehr häufig vor den dingern, wirkliche ahnung von der materie haben sie nicht.

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