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„Hier tötet keiner“: Vier jugendliche Flüchtlinge erzählen, warum sie nach Deutschland gekommen sind

HANNOVER. Wie verzweifelt müssen Eltern sein, wenn sie ihre Kinder allein auf die Flucht schicken? Häufig ist es der älteste Sohn einer Familie, der allein den gefährlichen Weg nach Europa wagt. Vier junge Flüchtlinge berichten von ihren Erlebnissen.

wischen 20 000 und 30 000 junge Flüchtlinge treffen Schätzungen zufolge in diesem Jahr ohne ihre Eltern in Deutschland ein. Für sie zuständig sind die Jugendämter jener Städte, in denen die Jungen und Mädchen ankommen. An diesem Freitag befassen sich Bundestag und Bundesrat mit einem Gesetzentwurf zur besseren Versorgung und Betreuung dieser Kinder. In Deutschland sind sie endlich in Sicherheit, jedoch leiden viele unter traumatischen Kriegserlebnissen und der Trennung von ihren Familien. Vier Jugendliche, die jetzt in Hannover zur Schule gehen, erzählen.

Jodi (15) aus Syrien: «Ich bin mit zwei Cousins vor dem Krieg geflohen, durch die Berge in die Türkei. Wir sind an der Grenze in den Stacheldraht gefallen, alles hat geblutet.» Schlepper brachten sie von Istanbul in den Laderaum eines Frachtschiffes. Fünf Tage ohne Essen, nur mit Wasser. «Ich konnte nicht atmen, es war so stickig.» In einem Bus ging es weiter nach Hannover, wo das Jugendamt Jodi in Obhut nahm. Der 15-Jährige hat Angst um seine Eltern und seine drei jüngeren Brüder. Seit der Flucht vor einem Jahr hat er von ihnen nichts mehr gehört. In seiner Heimatstadt Al-Kamischli gab es Explosionen. «Wir Kurden werden von der IS enthauptet», sagt er.

Jodi hofft, seine Familie nach Deutschland holen zu können. «Ich kann nächtelang nicht schlafen und schlecht lernen.» In Syrien war er ein sehr guter Schüler und Fußballspieler. «Jetzt ist der Fußballplatz in meiner Stadt zerstört, gar nichts ist geblieben. Deshalb wollten meine Eltern auch, dass ich die Flucht versuche.»

Sikran (14) aus dem Irak: «Es gibt keine Zukunft in meiner Heimat, deshalb bin ich hierher gekommen.» Dem Jungen aus einem Dorf in der Nähe von Mossul, einer Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), gelang die Flucht vor einem halben Jahr zusammen mit Verwandten. Seine Eltern und vier jüngere Geschwister ließ er zurück, sie sollen aber nachkommen. Allein 23 Stunden dauerte die Fahrt bis in die Türkei, danach ging es im Bus weiter bis nach Deutschland. «Ich möchte Deutsch lernen und an einer Uni Architektur studieren», sagt Sikran. Einmal die Woche telefoniert er über das Internet mit seiner Familie. Das ist nur möglich, wenn die Eltern zum Markt in einen größeren Ort fahren.

Flüchtlinge

Junge Flüchtlinge auf Lampedusa. Foto: noborder network / flickr (CC BY 2.0)

Merhawi (18) aus Eritrea: «Meine Flucht begann ich mit 14 Jahren mit sechs Kumpeln, vier von uns wurden gleich von der Armee erschossen.» Fast ein Jahr arbeitete der Junge auf dem Bau in Äthiopien, später saß er monatelang im Sudan und in Libyen im Gefängnis, wie er auf Deutsch erzählt. Die Gefängnisleute hätten seinem Vater gedroht, den Jungen zu töten, falls er kein Geld überweist. Merhawi erzählt von Schlägen und Hinrichtungen nachts am Strand. Alle Christen sollten getötet werden, er habe sich als Moslem ausgegeben. Im Frühjahr 2014 kam er in Hannover an: «Hier ist Sicherheit, ich will nie zurück. Meine Mutter rufe ich nicht mehr an, danach geht es mir sehr schlecht.» Merhawi will nun den Hauptschulabschluss machen und absolviert ein Praktikum in einer Autowerkstatt.

Rasheed (17) aus dem Irak: «Im Irak und in Syrien haben Christen und Jesiden kein Leben. Wir haben keine Chance, ein Geschäft zu eröffnen.» Der 17-Jährige flüchtete vor neun Monaten allein nach Deutschland, wo sein älterer Bruder bereits seit sieben Jahren lebt. Seinen Vater konnte er bereits nachholen, die Mutter aus Kostengründen noch nicht. Der Bruder hat einen Frisörsalon. Was ihm an Deutschland gefällt? «Hier wird nicht gefragt: Bist du Moslem? Bist du Jeside? Bist du Christ? Und: Keiner tötet.» Christina Sticht/dpa

Gesetzentwurf zur Verteilung von Flüchtlingskindern

Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter

Bundesverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge

Unicef-Studie von 2014 zu Flüchtlingskindern in Deutschland

5 Kommentare

  1. Nur im langen persönlichen Kontakt zeigt sich allmählich, welche dieser Geschichten wie zu beurteilen sind; diesen Realismus haben wir aus unseren Begegnungen mit Flüchtlingen annehmen müssen. Dennoch lohnt es sich, Kontakt zu knüpfen, Freundschaften zu schließen und sich mit der ganz anderen Kultur der Neuankömmlinge zu beschäftigen. Das hilft uns auch, unseren eigenen reichen Überfluss deutlicher wahrzunehmen.
    Beängstigende Botschaften von Helfern in den Kriegsgebieten, im Libanon und Jordanien sagen uns allerdings, dass es oft nur die reichen und privilegierten überhaupt bis nach Europa schaffen, wer wirklich bedürftig ist, sitzt noch heute im IS-Gebiet oder im Libanon fest.

  2. mehrnachdenken

    Eine etwas andere Sicht auf (angeblich) jugendliche Flüchtlinge. Ein aufschlussreicher Beitrag mit Infos, über die die offizielle Politik schweigt, und über die viele Medien nicht berichten.

    http://www.rolandtichy.de/meinungen/wenn-integration-mit-unehrlichkeit-beginnt/

    Besonders lesenswert sind m.E. auch viele Kommentare.

    • mehrnachdenken

      Ich freue mich, dass ich diesen Beitrag hier hineinstellen kann. Es ist aber weiterhin nicht möglich, meinen Kommentar von gestern zu veröffentlichen.
      Sollte es sich um ein techn. Problem handeln, kann mir die Redaktion das gerne mitteilen.

  3. mehrnachdenken

    Da ich den Beitrag woanders nicht unterkriege, setze ich ihn einfach hier hinein:

    Dhttp://www.rolandtichy.de/kolumnen/eigenartig/sex-luegen-video-und-das-wort-zum-sonntag/

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