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Landesbeauftragter: „Behinderte Kinder an der Regelschule sind noch lange keine Inklusion“

KIEL. Schleswig-Holstein sieht sich in einer Vorreiterrolle bei der Inklusion: Rund zwei Drittel aller Kinder mit «sonderpädagogischen Förderbedarfs» lernen an Regelschulen. Das heiße aber bei weitem nicht, dass ein so hoher Anteil der Schulen inklusiv aufgestellt sei, sagte der Landesbehindertenbeauftragte Ulrich Hase am Freitag zu seinem Tätigkeitsbericht für die letzten zweieinhalb Jahre. Allenfalls für zehn Prozent könne man das sagen. «Wer von einer Inklusionsquote spricht und damit die Zahl der behinderten Schüler meint, die eine Regelschule besuchen, hat Inklusion nicht verstanden», äußerte Hase in Richtung Bildungsministerium.

Wichtig seien die Qualität des Unterrichts und vor allem die professionelle Förderung behinderter Schüler wichtig. Dazu forderte Hase vom Ministerium, ein Qualitätsmanagement auf die Beine zu stellen. Inklusion bedeute nicht, Förderschulen zu schließen und alle Schüler in die Regelschule zu schicken. Viele Lehrer fühlten sich auch überfordert und hielten mehr Stellen für erforderlich. Ein funktionierendes und mit ausreichendem Personal hinterlegtes Inklusionskonzept gebe es nicht, kritisierte die CDU-Landtagsabgeordnete Heike Franzen.

Bei dem Thema gehe es im Übrigen nicht nur um die Schulen, sondern um die gesamte Gesellschaft, betonte Hase. Von den gut 2,8 Millionen Einwohnern Schleswig-Holsteins sind mehr als 500 000 behindert, rund 330 000 davon schwer. «Was wir für Menschen mit Behinderung tun, tun wir für die Gesamtbevölkerung», sagte der Landesbeauftragte.

Autistisches Kind in einer Förderschule für geistig Behinderte. Foto: Flickr

Autistisches Kind in einer Förderschule für geistig Behinderte. Foto: Flickr

Insgesamt ist das Land nach Hases Einschätzung beim Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen in den letzten Jahren deutlich vorangekommen. Dennoch fehle in weiten Kreisen der Gesellschaft noch das Verständnis dafür, dass Inklusion als Querschnittsaufgabe von allen umgesetzt werden müsse. Viele fühlten sich überfordert, wenn sie Menschen mit Behinderungen beteiligen sollen. Der SPD-Sozialpolitiker Wolfgang Baasch forderte die Arbeitsagentur auf, Anreize für Arbeitgeber zu schaffen, damit sie mehr Behinderte beschäftigen.

Beim Thema Barrierefreiheit sei die Zahl der Beschwerden deutlich gesunken, auch wenn sie in vielen Bereichen noch nicht umgesetzt sei, sagte Hase. Auch bei Neubauten gebe es noch Defizite. Architekten und Ingenieure sollten das Thema nicht unterschätzen. Mit Sorge sieht der Landesbeauftragte die Zukunft des barrierefreien Tourismus. Nach Abschluss eines Projektes im April dieses Jahres befürchte er Stagnation und das Ausbleiben nachhaltiger Effekte.

Hase rief dazu auf, sich rechtzeitig um die Belange behinderter Flüchtlinge zu kümmern. Es bestehe dringender Handlungsbedarf bei der Erfassung, Unterbringung und Versorgung mit Hilfsmitteln für behinderte Zuwanderer. Wie viele Flüchtlinge behindert sind, sei unbekannt. dpa

5 Kommentare

  1. Überraschung !! Die Politik versteht unter erfolgreicher Inklusion die Beschulung möglichst vieler Kinder mit Förderbedarf in barrierefrei ausgebauten Regelschulen. Generell werden Schüler immer intelligenter, weil immer mehr das Abitur bestehen (und auch immer mehr mit dem Schnitt 1,0-1,2).

    Unter den richtigen Bedingungen sind Volkswagen-Dieselmotoren auch extrem umweltfreundlich. Wie die Realität aussieht, weiß mittlerweile jeder …

  2. Mir ist unwohl, wenn Landesbeauftragte Aufgaben definieren, die dann aber nicht sie, sondern alle anderen zu erledigen haben. Denn es gibt dann die Tendenz zu unerfüllbar hohen Ansprüchen.

    • Solche Forderungen sind ja auch einfach zu Papier gebracht. Aus demselben Grund ist Opposition im Landtag so einfach. Lösungen brauchen sie nicht zu nennen.

  3. Schaut man einmal genau hin, so sind ja nicht mal alle „Regelschüler“ inkludiert. Es gab in jeder Schulklasse schon immer Außenseiter, oder nicht?

    • Diese Außenseiter sind aber die dicken, pickligen Brillenträgerstreber mit der 1 in Mathe und der 4 in Sport — _nicht_ die verhaltensgestörten erziehungsschwierigen hyperaktiven spastisch gelähmten autistischen Taubstummblinden mit Trisomie 21. Erstere besuchen schon seit je her die Regelschule und sind daher per def bereits inkludiert, letztere müssen dank einer (bewusst?) falsch übersetzten UN-Resolution auf die Regelschule.

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