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Migräne – die unterschätzte schulische Belastung

MÜNCHEN/KIEL. Migräne ist eine Volkskrankheit, an der fast 18 Millionen Menschen in Deutschland leiden. Zusammen mit anderen Arten von Kopfschmerzen gehört sie zu den häufigsten Leiden von Kindern. Doch immer noch stoßen Betroffene in der Schule oft auf Unverständnis. Fachleute gehen unterdessen dem Einfluss des Wetters auf den Grund.

Kopfschmerzen gehören bereits heute zu den häufigsten Gesundheitsproblemen von Kindern im Schulalter und ihre Häufigkeit steigt seit Jahren an. Je nach Schultyp, beklagen zwischen 30 und 60% der Schüler Kopfschmerzen als wichtiges und hartnäckiges Gesundheitsproblem, ergab jüngst eine Befragung des Bremer Instituts für Suchtprävention und angewandte Psychologie an Schulen in Schleswig-Holstein. Hochgerechnet auf ganz Deutschland beträfe dies fast 4,2 Millionen Kinder.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Migräne zu den 20 Leiden, die das Leben am stärksten einschränken. Foto: Sarah / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Migräne zu den 20 Leiden, die das Leben am stärksten einschränken. Foto: Sarah / flickr (CC BY-SA 2.0)

In den letzten 20 Jahren hätten Kopfschmerzen in ihrer Häufigkeit um rund 300% zugenommen, so die Forscher. Ungefähr 660.000 Schülerinnen und Schülern schmerzt der Kopf sogar einmal wöchentlich oder öfter. Besonders erschreckend sei, dass sich aus der Studie eindeutige Hinweise ergeben, darauf, dass Kopfschmerzen ein wesentlicher Grund für die Entstehung von Suchtverhalten sind.

Als Ursachen für die Häufung von Kopfschmerzen unter Jugendlichen führen Mediziner und Psychologen Stress, Bewegungsmangel und permanente Reizüberflutung an. Schulische Maßnahmen und Konzepte zur Vorbeugung gebe es dagegen kaum. Kopfschmerzexperten wie der Kieler Neurologe Hartmut Göbel treten daher für eine nachhaltige Verankerung einer Kopfschmerzpräventionseinheit in der 7. Klasse ein.

Doch bei weitem nicht alle Arten von Kopfschmerzen – die Medizin unterscheidet über 360 verschiedene – sind stressbedingt. Wie häufig etwa eine echte Migräne bei Schulkindern ist, haben zwei Forscher aus Brasilien und den USA untersucht. Marco Arruda und Marcelo Bigal fanden heraus, dass neun Prozent der befragten Kinder aus 87 brasilianischen Städten unter episodischer Migräne litten. Unter chronischer Migräne litten zwar nur 0,6 Prozent. Allerdings hatten knapp 17,6 Prozent der Kinder Kopfschmerzen, die als „wahrscheinliche Migräne“ eingestuft wurden. Insgesamt hatten also etwa 27 Prozent der Schüler immer wieder migräneartige Kopfschmerzen.

In den meisten Fällen bringt ein Migräne-Anfall einen bis zwei Fehltage mit sich. Manche Patienten können dann nur im abgedunkelten Zimmer liegen und warten, bis es vorbei geht. Diese Jugendlichen sehen sich in der Schule vielfach besonderen Problemen ausgesetzt. Auch die Noten leiden.

So ermittelten Arruda und Bigal, dass sich die schulischen Leistungen von Kindern mit Spannungskopfschmerzen nicht signifikant von denen ohne Kopfschmerzen unterscheiden. Bei den jungen Migräne-Patienten allerdings stellte sich heraus, dass – je schwerer die Migräne und je mehr Fehltage es waren – die Schüler sich entsprechend leistungsschwächer zeigten.

Besonders belastet fühlen sich Betroffene dadurch, dass sie oft auf Unverständnis stoßen. Vielfach sehen sie sich gar dem Vorwurf des Simulantentums ausgesetzt, da ihnen die Krankheit, kaum anzumerken ist, wenn nicht ein akuter Anfall stattfindet. Ein Problem, das auch dazu führt, dass ein ärztliches Attest kaum zu bekommen sind. Ein Generalattest ist als Entschuldigung unzulässig und verstößt wie eine nachträgliche Bescheinigung gegen das ärztliche Standesrecht.

Auch Lehrer berichten von Unverständnis unter Kollegen und der Schulleitung. Eine Erfahrung, die überraschen mag, sollte statistisch doch beinahe jeder jemanden kennen, der an der Krankheit leidet. Sieben bis zehn Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen in Deutschland zählen zu den Patienten.

Hinsichtlich Ursachen und Anfallsvorbeugung liegt noch vieles im Unklaren. Mediziner gehen davon aus, dass die Veranlagung weitgehend erblich bedingt ist. «Was das Migränehirn vom normalen Hirn unterscheidet, ist die Schwierigkeit, abzuschalten», sagt Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. «Sie sind wie ein Hund, der immer ein Ohr aufgestellt hat – sie kriegen viel mehr mit.» Damit komme das Gehirn schneller an die Belastungsgrenze. «Wenn Sie einen Migränepatienten fragen: Was ist Ihre größte Schwäche? Dann würde er sagen: Perfektionismus.»

Auf bestimmte Reize werden Botenstoffe ausgeschüttet, es gebe elektrische Reize. «Die bringen eine Kaskade von Schmerz, Veränderung an den Gefäßen und auch entzündungsähnliche Prozesse in Gang.»

Das Gehirn von Betroffenen reagiert vor allem sensibel auf Wechsel: bei der Ernährung, im Flüssigkeitshaushalt des Körpers, im Schlaf- und Wachrhythmus. Beispiel «Wochenendmigräne»: Gerade wenn die Patienten ausschlafen wollten, holten sie Anfälle ein, sagt Stefanie Förderreuther, Ärztin und Generalsekretärin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Den Umgang mit der Krankheit lernen könne bedeuten, sich auch am Wochenende den Wecker zu stellen – und dann nochmals weiterzuschlafen. «Migräne mag es sehr gleichmäßig.»

Die Beobachtung vieler Betroffener, das Wetterwechsel einen Anfall auslösen können, bekräftig diesen Befund. Wissenschaftlich erwiesen ist das allerdings noch nicht. Wissenschaftler der Hochschule Hof untersuchen mit der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein und der Universität Rostock seit 2011 anhand von Online-Patientenmeldungen Faktoren, die Migräne auslösen können. Es geht bei dem Migräne-Radar auch darum, ob ein Zusammenhang zwischen Migräne und Wetterwechseln nachweisbar ist. «Wir haben aus der ersten Projektphase Hinweise», sagt Projektleiter Jörg Scheidt. Der Abgleich von 20 000 Kopfschmerzattacken ergab: «Wenn sich die Temperatur um fünf Grad ändert, haben wir 20 Prozent mehr Anfälle.»

Die Ergebnisse seien jedoch noch unsicher und statistisch nicht sehr signifikant, betont Scheidt. In einer neuen Projektphase sollen deshalb die Daten anonymisiert Betroffenen zugeordnet werden. Die Forscher vermuten, dass nur bestimmte Patienten auf das Wetter reagieren. «Wir hoffen, dass wir schon Ende des Jahres oder im Frühjahr erste Ergebnisse haben.» Ob die Patienten in dem vergangenen heißen Sommer besonders litten, ist bisher nicht ausgewertet.

Auch Chefarzt Gaul geht davon aus, dass nur eine Gruppe bei Wetterwechseln leidet. «Wir können am Wetter natürlich nichts ändern. Aber die Patienten könnten motiviert werden, eine vorbeugende Behandlung zu machen, Ausdauersport und Entspannungsverfahren, damit sie insgesamt gegenüber diesen äußeren Einflüssen weniger empfindlich werden.» (zab)

• Kopfschmerzwetter der Migräne-Liga Deutschland
• Deutsche Migräne und Kopfschmerz-Gesellschaft
• Unterrichtssequenz zur Kopfschmerzprävention „Drei Schulstunden gegen Kopfschmerzen und Migräne“

• zum Bericht: Pausenloses Multitasking führt zu mehr Kopfschmerzen bei Schülern

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