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Streit ums Schreibenlernen nach Gehör kocht wieder hoch – Online-Petition fordert Verbot der Methode

MAINZ / DÜSSELDORF. Was ist pädagogisch sinnvoller – Sechsjährige erst mal zum Schreiben zu motivieren und über Fehler zunächst großzügig hinwegzusehen? Oder von Anfang an der Rechtschreibung höchste Priorität einzuräumen? Um eine Methode, nach der die Schüler zunächst nach Gehör schreiben sollen, hat sich in Deutschland eine Grundsatzdebatte entzündet. Aktuelle Schauplätze sind Rheinland-Pfalz. Und Nordrhein-Westfalen. Dort sammelten Gegner immerhin 4.600 Unterschriften für eine Online-Petition, die die Abschaffung des Konzepts fordert.

Was passiert, wenn Kinder ihre ersten Schreiberfahrungen nach Gehör machen? Darum ist nun wieder ein Streit ausgebrochen. Foto: Auntle P / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Was passiert, wenn Kinder ihre ersten Schreiberfahrungen nach Gehör machen? Darum ist nun wieder ein Streit ausgebrochen. Foto: Auntle P / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen entwickelte die Methode „Lesen durch Schreiben“, in der Schüler über sehr frühe Erfolge beim Schreiben zum Lesen geführt werden sollen, in den 70-er Jahren. Bis heute wird das Prinzip von vielen deutschen Grundschulen praktiziert, allerdings selten in Reinform. Dabei sollen Kinder die Worte so zu Papier bringen, wie sie sie hören. Eine Anlauttabelle hilft ihnen dabei. Sie zeigt die Laute und die dazu passenden Bilder – „H“ für „Hase“, „Au“ für „Auto“ und „S“ für „Sonne“. Die Kinder können die Symbole abmalen und zu einer Klangkette verbinden, dadurch erschließen sie sich – so die Theorie – selbstständig die Beziehung zwischen Laut und Bild. Die Kinder könnten sich so eher schriftlich mitteilen, das Lesen käme begleitend dazu, heißt es.

Rheinland-pfälzische Schulanfänger sollen nach dem Willen der rot-grünen Landesregierung weiter auch nach Gehör Schreiben lernen. Das Bildungsministerium in Mainz verteidigt die teils umstrittene Methode, während die CDU-Opposition sie ablehnt. Schreiben lernen nach Gehör wird im Land nur in der ersten und zweiten Klasse eingesetzt. Das geht aus der Antwort von Bildungsministerin Vera Reiß (SPD) auf eine Anfrage der CDU-Fraktion hervor. Zum Ende des Schuljahres 2014/2015 setzten 16 von 969 Grundschulen zunächst ausschließlich eine Buchstabentabelle mit Bildern ein. An den meisten Grundschulen lernten die Kinder das Schreiben mit Elementen der geschriebenen Sprache und des Hörens.

«Das Prinzip des richtigen Schreibens ist immer das Lernziel», sagte eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage. Das gelte für das Schreiben, das sich an Lauten orientiert, wie für das sogenannte normorientierte Schreiben. Die Lehrer entscheiden laut Ministerium, welche Methode zum Einsatz kommt. Die CDU-Bildungspolitikerin Bettina Dickes hält das Schreiben lernen nach Gehör für den falschen Weg: „Gerade für lernschwächere Kinder besteht hier die Gefahr, dass sie abgehängt werden“, argumentiert sie. „Eingeübte Fehler wieder auszumerzen, macht die Sache nicht leichter, sondern schwerer.“

In die gleiche Kerbe schlagen die Initiatoren einer Online-Petition, die jetzt in Nordrhein-Westfalen Unterstützer für ihr Anliegen suchte, die Methode verbieten zu lassen – mit mäßigem Erfolg: rund 4.600 Menschen schlossen sich der unlängst abgeschlossenen Kampagne an. „Kinder aus Migranten-Familien oder mit Dialekt-Einfärbung haben große Schwierigkeiten mit dem ‚Schreiben nach Gehör‘“, so begründet Initiatorin Annekatrin Vieten-Michael die Petition, die sich an die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) richtete. „Wenn die Kinder zwei  Jahre lang nur nach Gehör schreiben und keinerlei Rechtschreibregeln lernen und sich dann von jetzt auf gleich umstellen müssen und korrigiert werden, kann das nur zu Frustration führen. Die Korrektur von Fehlern ist von den Lehrer noch nicht einmal zu Hause von den Eltern erwünscht.“

Tatsächlich bekommen die Gegner auch von Lehrerseite Unterstützung. „Sprach-Demolierung“, so nennt Brigitte Balbach, Vorsitzende des Verbands „lehrer nrw“ die Methode Reichen. Mit Blick auf schwächere Schüler meint Lars Lamowski, Grundschulreferent beim Verband Bildung und Erziehung in Rheinland-Pfalz: „Die Methode führt bei diesen Schülern in späteren Jahren zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung.“

Bereits vor zwei Jahren forderte deshalb die FDP im nordrhein-westfälischen Landtag NRW, das umstrittene Konzept (wie schon in Hamburg) zu verbieten – wegen angeblich „katastrophaler Defizite in der Rechtschreibung“.

Schulministerin Löhrmann sieht jedoch wie ihre rheinland-pfälzische Amtskollegin offenbar bislang keinen Handlungsbedarf. Es lägen keine wissenschaftliche Befunde vor, dass die Methode „Lesen durch Schreiben“ grundsätzlich nicht erfolgreich sei, so ließ Löhrmann seinerzeit mitteilen. Außerdem werde keineswegs nur nach der Methode unterrichtet. „Keine Schule verabsolutiert nur eine Methode, Lehrer decken ein ganzes Spektrum von Lehrmodellen ab“, so zitiert die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Schulministeriums.

Tatsächlich hatten auch Grundschullehrerinnen in einer Anhörung im Düsseldorfer Landtag von ihrem Unterricht mit diesem Instrument berichtet – und die Sicht derjenigen bestätigt, die ein erstes Schreiben nach Gehör als sinnvolles Instrument in einem größeren Methodenrepertoire sehen.
Der mit der Einschulung verbundene Wunsch der Kinder sei es, zügig Lesen und Schreiben zu lernen, so hieß es. Das könnten sie nur, wenn ihnen – wie mit der Anlauttabelle möglich – von Beginn an alle Buchstaben zur Verfügung stünden, erläuterte Hellmann. „Ganz klar ist aber auch, dass Kinder an Rechtschreibnormen herangeführt werden müssten“, erklärte eine Pädagogin. Freischreiben und gezielte Rechtschreibarbeit gingen Hand in Hand. Wann die Anlauttabelle wegfallen könne, entscheide sich individuell je nach Kind.

Eine Studie des Siegener Germanistik-Professors Wolfgang Steinig – der Aufsätze von Viertklässlern aus den Jahren 1972, 2002 und 2012 miteinander verglichen hatte – kam 2013 zu dem Ergebnis, dass Kinder heutzutage kreativer und kommentierender als zu Beginn der 70er-Jahre schrieben. Viele verfügten auch über einen bemerkenswerten Wortschatz. Andererseits stellte er fest, dass sich seit den 70er-Jahren die Rechtschreibung deutlich verschlechtert hat. Waren es 1972 durchschnittlich sieben Fehler pro 100 Wörter, schrieben die Schüler 2012 knapp 17 Wörter von 100 falsch. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Kommentar: Streit um „Schreiben wie Hören“: Pure Ideologie ist im Spiel

 

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