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Studie widerlegt gängige These: Mehr männliche Lehrer helfen Jungen nicht – es hapert schlicht am Fleiß

BERLIN. Warum schneiden Jungen schlechter in der Schule ab als Mädchen? Schuld daran ist nicht der hohe Anteil weiblicher Lehrkräfte, wie oft vermutet wird. Das fand der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in einer Überblicksstudie heraus. Das Geschlecht der Lehrkraft habe demnach keinen nachweisbaren Einfluss auf den Bildungserfolg von Schülern, schreibt das WZB in einer Pressemitteilung. Marcel Helbig wertete 42 Studien mit Daten zu 2,4 Millionen Schülerinnen und Schülern aus 41 Ländern aus.

Schüler bei der Hausaufgabenbetreuung

Wenn Jungs in der Schule schlechtere Noten schreiben als Mädchen, liegt das nicht an zu vielen weiblichen Lehrkräften – das ist das Ergebnis der Studie von Marcel Helbig vom WZB. Foto: gumtau /flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Der OECD Bildungsbericht mit Fokus auf den Geschlechtern fand heraus, dass leistungsschwache Schüler häufig männlich sind als weiblich. So hätten im Jahr 2012 14 Prozent der Jungen und 9 Prozent der Mädchen das Basiswissen in den drei Kernfächern Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften verfehlt, teilten die Autoren der Studie mit. Die Studien der WZB zeigen nun, dass Lehrkräfte des jeweils gleichen Geschlechts die schulischen Leistungen von Jungen und Mädchen nicht verbessern. Mädchen profitieren nicht von Lehrerinnen, Jungen nicht von Lehrern: Sie erwerben durch sie weder höhere Kompetenzen, noch erhalten sie bessere Noten. Sie werden von ihnen auch nicht öfter für eine höhere Schulform empfohlen. „Damit fehlt die empirische Basis für politische Programme, die durch mehr männliche Lehrer die Bildungskrise der Jungen lösen wollen“, sagt WZB-Bildungsforscher Helbig.

Er fand in der Forschungsliteratur auch keinen Beleg dafür, dass sich die Schulleistungen der Jungen in den letzten Jahrzehnten verschlechtert hätten. „Mädchen bekamen schon immer bessere Schulnoten als Jungen“, schreibt Helbig, der in diesem Zusammenhang auf eine weitere Analyse von 369 Studien verweist. Sie zeige, dass es zwischen 1914 und 2011 keine Veränderung der Notenunterschiede zwischen Mädchen und Jungen gegeben hat. Dieser Befund stützt die Annahme, dass sich Mädchen seit jeher besser in der Schule zurechtgefunden haben.

Dass Jungen schlechter in der Schule abschneiden, führt Marcel Helbig auf Unterschiede in der Leistungsbereitschaft zurück. Mädchen seien oft disziplinierter und fleißiger, was sich in besseren Noten niederschlage. Das Problem: Fleißig zu sein, gilt unter Jungs als uncool. „Sich für gute schulische Leistungen anzustrengen und sich selbst zu disziplinieren, passt nicht in das geschlechtstypische Konzept von Männlichkeit“, erklärt Helbig in einer Pressemitteilung der WZB. Ob und wie Schule an diesem Rollenverhalten etwas ändern kann, sein für ihn eine offene Frage. News4teachers

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6 Kommentare

  1. Tja, wer hätte das gedacht? Ist meines Wissens nicht die erste Studie, die dies anzeigt. Dennoch wird die Sau weiter durchs mediale Dorf getrieben werden und heftigen Applaus erhalten. Der Zusammenhang „Lehrerinnen bevorzugen Mädchen“ ist eben so einfach, dass er dem gesunden Menschenverstand gefällt. Abgesehen davon ist es natürlich angenehm, für die eigene Disziplinlosigkeit Schuldige zu finden, die man einer Gruppe zuordnen kann, zu der man nicht selbst gehört.

  2. … und da es ja in der Schule ausschließlich um Noten geht und nicht etwa um Vor- oder Leitbilder, Lebensorientierung oder Selbstfindung, sind männliche Lehrer überflüssig. Es bestünde sogar die Gefahr, dass Buben am Mann männliches Rollenverhalten erlernen, was alle Errungenschaften der Ein-Elter-Familie in Frage stellen könnte. Da hat die OECD logisch gedacht.

    • Da haben Sie recht. Am Fleiß liegt es natürlich auch, jedoch _nicht_ wie die Gesellschaft und die Politik andauernd herausposaunen _ausschließlich_ am (unfähigen) Lehrer oder am (schlechten) Unterricht.

  3. Lehrerinnen interpretieren gedankliche kreativität bei jungs oft als aufsässigkeit. Lehrer agieten seltener über regeln und massnahmen sondern viel mehr über interaktion. Reine beobachtungen aus 15 jahren in der lehrerausbildung und 21 jahren als lehrer. Die datensettings und rechnereien sind häufig an statistische kategoriensetzungen gekoppelt. Ich denke aber auch das gender mainstreaming hat andere ergebnisse verhindert.

  4. Es stelle sich mal einer vor, die folgenden Ergebnisse von Studien würden gemeinsam veröffentlicht:
    1. Jungs sind einfach zu faul. Fleiß soll beim Schulerfolg helfen 🙂
    2. Deutsch Gymnasiallehrer landeten bei einer Vergleichsstudie in der Weltspitze. (TEDS-M)
    Link dazu:
    http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/paedagogen-pisa-wehe-wenn-der-mathelehrer-rechnen-muss-a-689146.html

    Das wäre ein Schlag ins Gesicht der Öffentlichkeit, die ja angeblich so genau weiß, wie man zu unterrichten hat.

    • Kleine, aber wichtige Korrektur: Die Öffentlichkeit urteilt nach vorgegebener und medial geförderter Meinung. Nicht die Öffentlichkeit mit ihrem Urteil ist zu kritisieren, sondern die Meinung, die ihr fast unteschiedslos zwingend empfohlen wird. Ich vermisse zwar nicht hier im Forum von news4teachers Meinungsvielfalt, sehr wohl aber in der politischen und medialen Öffentlichkeitsarbeit.

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