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Studie zeigt überraschenden Zusammenhang auf: Emotionale Intelligenz beugt ADHS vor

LÜNEBURG. Kinder haben später weniger Aufmerksamkeitsprobleme, wenn sie schon früh ein gutes Verständnis ihrer eigenen und der Emotionen anderer entwickeln. Das belegt eine kürzlich in der Zeitschrift Kindheit & Entwicklung veröffentlichte Studie der Leuphana Universität Lüneburg und der George Mason University (USA). Die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Maria von Salisch aus Lüneburg hat die Untersuchung geleitet.

Die Wissenschaftlerinnen befragten im Rahmen ihrer Studie zur Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen 261 Kinder, deren Eltern und Erzieherinnen aus 33 Kindergärten in Niedersachsen. In der ersten von zwei Untersuchungsphasen lag das durchschnittliche Alter der Kinder bei fünf Jahren. 14 Monate später wurde die Befragung wiederholt. Getestet wurden das Emotionsverständnis, die behavioriale Selbstregulation, die komplexe Gedächtnisspanne und das rezeptive Sprachverständnis. Der soziodemographische Hintergrund und das Geschlecht der Kinder wurden ebenfalls berücksichtigt.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, welche Faktoren es Kindergartenkindern erleichtern oder erschweren zu lernen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Dabei spielt das sogenannte Emotionswissen eine entscheidende Rolle. Es bezeichnet die Fähigkeit, Emotionen bei sich und den Mitmenschen zu erkennen, mit Worten zu benennen und das eigene emotionale Ausdrucksverhalten zu steuern. Die Studie zeigt, dass Kinder, die zum Zeitpunkt der ersten Befragung über ein umfangreiches Emotionswissen verfügten, ein gutes Jahr später weniger Schwierigkeiten mit ihrer Aufmerksamkeitssteuerung hatten, als Kinder mit einem anfangs niedrigen Emotionswissen.

Hunderttausende Kinder in Deutschland bekommen Medikamente gegen ADHS. Illustration: SquadLeader / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Einfühlungsvermögen und Aufmerksamkeit stehen laut den Forschern im Zusammenhang. Illustration: SquadLeader / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Aufmerksamkeitsprobleme von Kindern mit großem Emotionswissen verringern sich im Zeitablauf sogar überdurchschnittlich. Dieses Ergebnis hat auch dann Bestand, wenn die Einflussfaktoren Geschlecht, Sozialschicht und Sprachverständnis in die Bewertung mit einbezogen werden. „Das eigene Erleben und Verhalten und das Verhalten anderer Menschen wird mit fortschreitendem Emotionsverständnis vorhersagbarer. Das bindet weniger Aufmerksamkeit und begünstigt prosoziales Verhalten“, erklärt Professor von Salisch den Befund. „Kinder mit beschränktem Emotionswissen erscheinen hingegen oft abgelenkt. Ihre Aufmerksamkeit wird davon in Anspruch genommen, sich ihre eigenen Gefühlszustände oder negative Emotionen anderer zu erklären und die eigenen daraus entstehenden Emotionen zu regulieren.“

Die Studie erweitert den bisherigen Forschungsstand zur Entstehung von Aufmerksamkeitsproblemen bei Kindern. „Die bislang gängige Annahme in der Forschung ist, dass vor allem ein Defizit bei den exekutiven Funktionen (EF) ausschlaggebend für die Entstehung von ADHS ist“, so von Salisch. Diese Funktionen entwickeln sich im Vorschulalter in schnellem Tempo und umfassen – unter anderem – die willentliche Steuerung der Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und Fähigkeiten zur Unterdrückung kognitiver und motorischer Impulse. „Mit unserer Studie haben wir nun nachweisen können, dass neben den EF eben auch das Emotionswissen ein entscheidender erklärender Faktor für die Entstehung von Aufmerksamkeitsproblemen ist“, so die Wissenschaftlerin. Das Emotionswissen solle daher in künftigen Studien viel stärker als bisher in den Fokus rücken.

Die Ergebnisse stammen aus dem vom Niedersächsischen Forschungsverbund für Bildung und Entwicklung und von der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft geförderten Forschungsprojekt „Elefant – Emotionales Lernen ist fantastisch“.

Mehr Informationen zur Studie

von Salisch, Maria; Hänel, Martha; Denham, Susanne A. (2015). Emotionswissen, exekutive Funktionen und Veränderungen bei Aufmerksamkeitsproblemen von Vorschulkindern, in: Kindheit und Entwicklung 24 (2), 78-85.

10 Kommentare

  1. Als Nicht-Wissenschaftlerin erlaube ich mir, die genannte Studie – die angeblich einen „überraschenden Zusammenhang“ aufdeckt – um eine Aussage zu erweitern: Emotionale Intelligenz gedeiht dort, wo Kinder konsequent erzogen werden, indem ihre Mitmenschen Wünsche und Forderungen an sie stellen, anstatt die lieben Kleinen ständig nach Lust und Laune gewähren zu lassen. So lernen alle Menschen auf die Befindlichkeiten und Bedürfnisse anderer zu achten, was dann auf Neudeutsch „emotionale Intelligenz“ heißt.
    Dass diese nicht vom Himmel fällt, sondern auf Erziehung bzw. Training von Selbstdisziplin und Rücksichtnahme beruht, ist uraltes Erfahrungswissen.
    Die Studie der Uni Lüneburg belässt es bei der Hälfte dieser Lebensweisheit. Das eröffnet die Möglichkeit zu weiteren einträglichen Studien. Sie könnten unter dem Motto laufen: „Welche Faktoren dienen der Entwicklung emotionaler Intelligenz und der Vermeidung von ADHS?“

    • Wie wahr!!!!!!

    • Also ist ADHS nur ein Erziehungsproblem? Da muss man aber schon arg borniert sein, um das Leid von Eltern zu ignorieren, deren Kinder mit ADHS erkrankt sind. Das fällt in die Kategorie: Weniger fernsehen, dann hat sich das … Tragen Sie Ihre These doch mal Betroffenenverbänden vor – die werden begeistert sein.

      Und emotionale Intelligenz, Frau Prasuhn, gedeiht dort, wo Kinder geliebt und wertgeschätzt werden – und ihnen das auch vermittelt wird. Dazu kommen Vorbilder, die Empathie und Mitmenschlichkeit vorleben. Mit Zucht und Ordnung hat das nichts zu tun.

      • Komisch, dass es die Krankheit ADHS als Seuche und das tonnenweise Schlucken der Psychodroge Ritalin erst seit wenigen Jahrzehnten gibt. Ist da etwa eine geheimnisvolle virale Erkrankung ausgebrochen?
        „Emotionale Intelligenz gedeiht dort, wo Kinder geliebt und wertgeschätzt werden.“ Welch umwerfende Erkenntnis, Bernd!!
        Worin äußern sich denn Liebe und Werschätzung? Darin, dass alles erlaubt ist, dem Kind jede Mühe erspart wird, ihm alle Wünsche von den Augen abgelesen werden und andere immer die Schuld kriegen für seine Fehler?
        Toll, da wird aus dem Kind sicher ein sozial kompetenter Erwachsener mit großer emotionaler Intelligenz, der gelernt hat, dass andere nach seiner Pfeife tanzen und ihm unter die Arme greifen müssen.

  2. Was ist Ursache was ist Wirkung? Dazu wurde nichts gesagt. Haben Kinder weniger ADHS weil sie emotional intelligent sind oder sind Kinder weniger emotional intelligent weil sie ADHS haben? Die Studie beantwortet diese Frage nicht.

    • Das ist doch heute wissenschaftlicher Standard, dass nicht mehr zwischen Kausalität und Korrelation differenziert wird.

      Fäkalien sind schmackhaft, Millionen Fliegen können nicht irren:)

  3. Wenn man diese ganzen Studien hier verfolgt, kann einen das schon betrüben. Das Abitur ist nichts mehr wert, lesen und schreiben können auch viele nicht richtig, die Lehrer versagen, Eltern auch, Erziehung gibt es nicht mehr, die Kinder sind verwöhnt und können nichts mehr.

    • Ja, die Entwicklung ist wirklich betrüblich, obwohl die Bildungswelt seit Jahrzehnten immer voller ist mit „großartigen“ Strategien und Versprechungen. Während früher das Sprichwort galt „Nur das Erreichte zählt und nicht das Erzählte“, müsste es heute heißen „Das Erzählte reicht und nicht das Erreichte“.

  4. „Emotionswissen“ ist ein kurioses Wort.

  5. „AD(H)S“ ist die Bezeichnung für einen bestimmten Symptomkomplex dessen Ursachen multifaktoriell sind. Auf jeden Fall fällt es den betroffenen Kindern schwer, sich die Folgen ihres Handelns vorzustellen und ihre Impulse entsprechend zu steuern. Das soziale Lernen ist dadurch erschwert, häufig sind diese Kinder emotional unreif. Insofern überrascht das Ergebnis der Studie nicht. Kinder, die schon früh dadurch auffallen, dass das, was wir als „Emotionale Intelligenz“ bezeichnen bei ihnen nicht so gut entwickelt ist, werden bei einer späteren Testung auch unterdurchschnittliche Fähigkeiten aufweisen, ihre Aufmerksamkeit zu steuern.
    Es gibt eine familiäre Disposition. Genetische Faktoren treffen da häufig mit lebensgeschichtlichen zusammen. Sind nahe Bezugspersonen psychiatrisch erkrankt (PTBS, Depression, Borderline, Sucht) steigt das Risiko für die Kinder, die mit diesen Menschen zusammen leben, Kennzeichen einer Aufmerksamkeitsstörung zu entwickeln. Nicht selten stellt die angesichts der Probleme der erkrankten Erwachsenen sogar eine angemessene Bewältigungsstrategie der Kinder dar. Darauf wird leider bei Diagnostik und Behandlung immer noch viel zu wenig geachtet.
    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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