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Überraschender Befund: Freier Elternwille bei der Schulwahl bringt Kinder aus sozial schwachen Familien aufs Gymnasium

BERLIN. Wenn Eltern nach Ende der Grundschulzeit bestimmen dürfen, ob ihr Kind das Gymnasium besucht, verschärft dies die soziale Ungleichheit im Bildungssystem nicht. Zu diesem Befund kommen die Berliner Bildungsforscher Stefanie Jähnen und Marcel Helbig nach Auswertung von 13 Reformen der Übergangsempfehlung zwischen 1949 und 2009. In Bundesländern, die die verbindliche Grundschulempfehlung durch die Lehrer abgeschafft haben, wechselten wider Erwarten nicht mehr Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern auf das Gymnasium. Bisher hatte man angenommen, dass durch die Freigabe des Elternwillens Kinder aus höheren sozialen Schichten beim Zugang zum Gymnasium einen Vorteil haben.

Links oder rechts? Für immer mehr Eltern scheint es nur eine Richtung zu geben. Illustration: pixabay.de / (CC0 1.0)

Verbindliche Vorgaben in Sachen Schulwahl sind in Deutschland selten geworden- der Elternwille ist fast überall frei. Illustration: pixabay.de / (CC0 1.0)

Die Studie, die am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) entstand, ist die bisher umfangreichste Analyse zum Zusammenhang von Schullaufbahnempfehlung und Bildungsungleichheiten. Konkret haben die WZB-Wissenschaftler untersucht, welchen Effekt die Abschaffung beziehungsweise die Einführung der verbindlichen Grundschulempfehlung auf die soziale Ungleichheit beim Gymnasialzugang hat und ob nach der Reform mehr oder weniger Kinder das Gymnasium besuchten.

Dass die Freigabe des Elternwillens nicht zu mehr sozialer Ungleichheit führt, widerspricht bisherigen Erkenntnissen. Die aktuellen Befunde der WZB-Forscher werden durch eine ebenfalls 2015 erschienene Studie der Mannheimer Soziologen Tobias Roth und Manuel Siegert gestützt.

Wie erklärten die Berliner Forscher jetzt den überraschenden Befund? Für Helbig ist es laut „Tagesspiegel“ die einzige plausible Erklärung, dass Lehrer bei verbindlicher Gymnasialempfehlung den vermeintlichen Wunsch von bildungsnahen Eltern zu sehr antizipierten. Die Abschaffung der bindenden Gymnasialempfehlung nehme dann einen falsch verspürten Druck von den Lehrern, Schülern aus bildungsnahen Familien mit schwächeren Leistungen für das Gymnasium zu empfehlen – was zumindest den Effekt hat, dass deren Anteil unter den Fünftklässlern nicht noch ansteigt. Eingehend analysiert seien die Zusammenhänge gleichwohl nicht. Helbig spricht gegenüber der Zeitung von einem „blinden Fleck in der Forschung“.

Einen eindeutigen Effekt wiesen Jähnen und Helbig gleichwohl für die Gymnasialquote nach: Insgesamt gehen mehr Kinder aufs Gymnasium, wenn eine verbindliche Empfehlung abgeschafft wurde, und weniger, wenn sie eingeführt wurde. In Bundesländern, die den Eltern die Entscheidung beim Übergang in die Sekundarstufe überlassen, besuchen demnach mehr Kinder das Gymnasium. In den meisten Bundesländern gibt es derzeit keine verbindliche Übergangsempfehlung (mehr) durch die Schule. Der Befund deute darauf, dass es tatsächlich wichtigere Baustellen als den immer wiederkehrenden Streit um Gymnasialempfehlungen gebe, meinen nun die Autoren der Studie. Zumindest einer davon, Koautor Marcel Helbig, hat damit bereits umgedacht: Noch 2013 hatte er sich mit Verweis auf den damaligen Forschungsstand für die Einführung von verbindlichen Übergangsempfehlungen ausgesprochen. News4teachers

2 Kommentare

  1. Für mich widerspricht der Artikel der Überschrift, weil dies gerade nicht überrascht.

  2. Untersuchte die Studie die Anmeldungen (das anfängliche Besuchen) am Gymnasium oder das erfolgreiche Absolvieren desselben? Der Unterschied ist groß und kann viele Jahre Leiden auf beiden Seiten bedeuten …

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