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Von der Theorie in die Praxis – Kommunikation im Klassenzimmer ist einfach, aber …

DÜSSELDORF. Kommunikation ist der Grundstoff der pädagogischen Arbeit. Schon im Lehramtsstudium lernen angehende Pädagogen: Der wichtigste Faktor für eine gelungene Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist die Kommunikation, egal ob es sich um gesprochene Sprache oder Körpersprache handelt. Wie die Theorie in die Praxis umgesetzt werden kann, haben wir im folgenden Text einmal durchgespielt.

 Ein Klima, in dem Vertrauen und Respekt zwischen Lehrer und Schüler herrschen, hat Wissenschaftlern zufolge die Kraft, das Lernen entweder mächtig zu fördern – oder ganz zu verhindern. Untersucht wurde das jüngst in der  Studie „Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz“ der Potsdamer Professorin Annedore Prengel.

Ergebnis: Drei Viertel der Interaktionen zwischen Schülern und Lehrern sind anerkennend, ein Viertel verletzend. Für ihre Studie haben die Forscher um Prengel rund 6.000 Beobachtungen ausgewertet, die zwischen Februar 2010 und Mai 2013 an 45 Schulen aller Stufen gemacht wurden.
Was ist aber gute Lehrer-Schüler-Kommunikation? Die Forscher definieren sie folgendermaßen: Wenn Lehrer zu Leistung ermutigen, engagiert erklären, Leistung loben, bei Kummer trösten, kleinere Kinder in den Arm nehmen, ältere freundlich ansprechen, Konflikte konstruktiv austragen und lösen, Humor und Lachen ermöglichen, zuhören, bei Fehlverhalten Grenzen setzen.

In der Schule dreht sich alles um die Kommunikation. Illu: Wesley Fryer / flickr (CC BY-SA 2.0)

In der Schule dreht sich alles um die Kommunikation. Illu: Wesley Fryer / flickr (CC BY-SA 2.0)

Theoretisch sind diese Anforderungen einleuchtend – schon fast Binsenweisheiten. Die Schwierigkeit steckt hier aber im oft stressigen Klassenzimmeralltag, meint zumindest  Marco Fileccia, selbst Lehrer an einem Gymnasium in Oberhausen. Er hat deshalb einmal im fiktiven Gedankenspiel den Versuch gemacht, alles, wirklich alles richtig zu machen:

Lob. Aus Erfahrung das einzig wirklich funktionierende Mittel der Pädagogik. Und doch so voller Tücken, wie die Klassiker der Defizitorientierung: „99 von 100 Punkten. Schade.“ Oder „Das war fast richtig.“ Oder das Gegenteil: Lehrer, die inflationär loben und alles toll und super finden und damit schnell unglaubwürdig werden. Gelingende Kommunikation soll zu Leistung ermutigen und sie loben. Klingt einfach, ist aber schwierig. Die 9b, Fach Politik, ich möchte / muss / soll / darf Ina nach einer Arbeitsphase dafür loben, einen Text hervorragend bearbeitet zu haben. Ich versuche mein Bestes:

Versuch Nummer eins: „Toll, Ina!“ und ein Lächeln. Kurz, knackig – nichts falsch gemacht, könnte man meinen. Und doch nicht zielführend, denn die Schülerin weiß nicht genau, was und warum es toll war. Und schließlich kann ein Lob auch wie eine Bewertung verstanden werden, die differenziert erklären sollte. „Feedback“ ist der neudeutsche Ausdruck dafür.

Zweiter Versuch: „Prima, Ina. Du bist ja eine wahre Textkünstlerin!“ Auf den ersten Blick ein schönes Lob. Doch wofür? Ich lobe sie für eine Fähigkeit oder ein Talent, das sie besitzt. Was passiert, sollte Ina kein großes Selbstwertgefühl haben und welche 15-jährige hat das schon? Beim nächsten Mal ist die Erwartungshaltung hoch, ebenso wie die Versagensangst und sollte es mal weniger gut klappen, ist das Schamgefühl hoch, nein sogar höher als ohne das Lob. Besser, ich versuche es anders.

Versuch Nummer drei: „Prima, Ina. Deine Ausarbeitung zu dem Text finde ich sehr gelungen. Weiter so!“ Endlich, könnte man meinen, habe ich alles richtig gemacht. Lob mit Erklärung sozusagen. Dazu eine Ich-Botschaft, die die Psychologen in Beratungssituationen so lieben. Aber… wieder weiß die Schülerin nicht so recht, warum ich ihre Ausarbeitung so gelungen finde. Und, nicht unwichtig, ich lobe das Ergebnis, aber nicht den Weg dorthin. Motiviert es im Sinne gelingender Kommunikation zu Leistung? Oder lobe ich nur das perfekte Produkt und sage damit indirekt, dass ich nur dies wertschätze, nicht den vielleicht steinigen Weg dorthin?

Versuch vier: „Den Text hast du toll bearbeitet, Ina. Ich finde, du hast die wichtigsten Aspekte wie die Reaktionen der West- und Ost-Medien zum 17. Juni 1953 sehr präzise und vollständig dargestellt und zutreffend analysiert. Prima!“ Schon besser, finde ich, etwas anstrengend, aber besser. Es wird nicht die Person gelobt, sondern der Prozess. Eine feine, aber wichtige Unterscheidung. Lob für Ergebnisse erzeugt Leistungsdruck, Lob für Bemühungen schafft das Bewusstsein, dass Anstrengung und Handlung die Ursachen des Erfolgs sind. Die Schülerin weiß, warum ich diese Leistung anerkenne und meine Wertschätzung gilt (auch) dem Weg.

Was ist überhaupt gelingende Kommunikation?

Das Thema scheint umso komplizierter zu werden, je mehr man sich damit beschäftigt. Vor allem, da es neben den Grundlagen keine einfach lernbare Methode für alle gibt, denn authentisch soll die Kommunikation ja auch noch sein. Tatsächlich scheinen Lehrkräfte sehr unterschiedliche Auffassungen davon zu haben, was gelingende Kommunikation ist. Denn die Forscher um Professorin Prengel haben herausgefunden, dass durchschnittlich ein Viertel der Interaktionen zwischen Lehrern und Schülern in Schulklassen nicht gelingt, also mit verletzenden Bemerkungen einhergeht.

Als Muster der Verletzung definieren die Wissenschaftler: Fehler oder Fehlverhalten diskriminierend kritisieren, Kinder anbrüllen, sarkastisch ansprechen, lächerlich machen, beschämen, ignorieren, unterbrechen, nicht anhören, am Arm schütteln, vor die Tür schicken, Hilfe durch Peers verbieten, Kummer und körperliche Schmerzen ignorieren, bei Verletzung durch Peers nicht intervenieren, bei Fehlverhalten keine Grenzen setzen.

Dafür gilt in Situationen, in denen Negatives gesagt werden muss (noch viel mehr als in den verhältnismäßig einfacheren positiv geprägten Situationen): kompetent handeln, nicht verletzen – meint unser Autor Marco Fileccia. Auch dazu hat er sich Gedanken gemacht:

Kritik. Eine Fünf für Max , 9b, in der Sonstigen Mitarbeit im Informatik-Kurs. Das Gegenteil von gelingender Kommunikation ist die kommentierte Verkündigung im Plenum, die sich auch aus Gründen des Datenschutzes verbietet und ohne Einverständnis sogar verboten ist. Der Schüler würde vorgeführt, bloßgestellt werden und sicherlich verletzt. Auch wenn ein 15-Jähriger dies vor seinen Freunden cool abtun würde als etwas, das ihn nicht sonderlich interessiert. Aus dem Schreckenskatalog der Schwarzen Pädagogik heißt dies: „Fehler diskriminierend kritisieren“ oder „Lächerlich machen“ oder „beschämen“. Gelingende Kommunikation geht anders. Doch wie schaffe ich es, auf der einen Seite Max gerecht zu benoten und auf der anderen zu einer Verbesserung seiner Leistung anzuspornen – ohne ihn zu verletzen? Nicht einfach. Ich bitte alle Schüler der alphabetischen Reihe nach zum vertraulichen Einzelgespräch zu mir. Auch Max.

1. Versuch. „5, Max! Der Nächste!“ Indiskutabel.

2. Versuch. „Lieber Max, du hast dich in letzter Zeit wenig angestrengt und offensichtlich nicht immer alles verstanden. Außerdem quatschst du die ganze Zeit mit Emre. 5.“ Irgendwie ein zutreffender Situationsbericht aus dem Unterricht, aber doch wenig zielführend. Die Kritik ist nicht konstruktiv, der Schüler weiß nicht, was er wie besser machen könnte. Und sie ist nicht konkret genug. Was heißt „wenig angestrengt“? Und der Vorwurf, nicht immer alles verstanden zu haben grenzt an eine Beleidigung der Person, unterstellt irgendwie mangelnde geistige Fähigkeiten. Ebenso unterstellend ist „die ganze Zeit“… besser ich versuche es anders.

Versuch Nummer 3: „Hallo Max. Ich muss dir leider eine 5 in der Sonstigen Mitarbeit geben. Ich finde, du hast nicht gut mitgearbeitet in letzter Zeit und dich nicht angestrengt.“ Die berühmten Ich-Botschaften sind ein guter Ansatz, der Anflug einer Entschuldigung im „leider“ signalisiert mein Mitgefühl, meine Betroffenheit über die Notwendigkeit. Versteht ein Schüler dies? Oder vielleicht einen Hauch von Sarkasmus? Besser ich lasse es weg. Außerdem ist die Ansprache zu unkonkret, und weiß Max nun, was er wie besser machen könnte? Wohl kaum.

4. Versuch der gelingenden Kommunikation über eine misslungene Schülerleistung: „Hallo Max. Ich gebe dir eine 5 für die Sonstige Mitarbeit. Ich finde, du hast beispielsweise in den Gruppenarbeitsphasen beim Thema Privatheit vs. Öffentlichkeit nicht viel zum Ergebnis beigetragen und auch im Plenum dich sehr selten gemeldet und mitgearbeitet. Schön fand ich es aber, wie du dich am Tag der Offenen Türe engagiert hast. Versuche doch in nächster Zeit, dich öfter zu melden und bringe dich stärker in die Gruppenarbeit ein. Ich bin sicher, dann kannst du deine Note auch wieder verbessern. Wie siehst du das?“ Der Schüler erhält eine konkrete Rückmeldung auf sein Verhalten, nicht auf seine Person! Die Aussage ist konstruktiv, zeigt deutliche und auch machbare! Möglichkeiten zur Verbesserung und nennt auch positive Dinge, wenn auch auf einem Nebenschauplatz.

Scheinbar benötigt gelingende Kommunikation mehr Worte als schlechte. Anerkennung zu zeigen, dauert länger, als zu verletzen, ganz zu schweigen von Ambivalenz. Im Alltag sicherlich anstrengend, wirkt diese Kommunikation leicht etwas künstlich. Doch lohnt sie auf lange Sicht. Denn über die Einzelbeziehung hinaus hat das Verhalten von Lehrkräften großen Einfluss auf die ganze Klasse. In der Studie heißt es dazu: Gleichaltrige ließen sich tendenziell leicht hinsichtlich Freundlichkeit und Feindseligkeit vom Stil der Lehrkraft anstecken. MarcoFileccia/Nina Braun

2 Kommentare

  1. Jau – und das mit 30 Kindern in der Klasse während 45-minütiger Unterrichtszeit …

    In welchem zeitfenster wird jetzt unterrichtet? 3 Minuten Einstieg, 2 Minuten Gelenkstelle mit Hinleitung zur Erarbeitungsphase, anschließend Erarbeitung in verschiedenen Sozialformen ca. 20 Min. Anschließend Vorstellen der Arbeitsergebnisse im Plenum und Diskussion der Arbeitsergebnisse etwa 10 Min. Anschließend wortreiche Bewertung der vorgetragenen Schülerarbeiten in „gelingendem Kommunikationsstil“. Dafür lassen wir die Sicherungsphase weg, es bekommt ja jeder der Angesprochenen mit, was an seinem beitrag gut oder weniger gut war. Hoffentlich bekommen diejenigen, die nicht direkt betroffen sind auch noch etwas mit. Im regelfall klinken die sich nämlich aus, da sie ja nicht direkt vom Lehrer angesprochen worden sind.

    Ich bin begeistert von der Analyse und den Schlussfolgerungen. Die Bewertungsrituale im „circus maximus“ bei den Gladiatorenkämpfen waren zwar knapper, dafür aber eindeutiger:)

    • Lesen Sie sich mal den wikipedia-Eintrag von Frau Prengel durch, insbesondere ihre Forschungsgebiete und ihre Buchtitel. Sehr vielsagend …

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