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Wie absurd ist das? Immer noch schließen Dorfschulen – dabei kommen jetzt Hunderttausende von Flüchtlingskindern

HANNOVER. Die Schülerzahlen waren bundesweit seit Jahren rückläufig. Beispiel Niedersachsen: Immer mehr kleinen Grundschulstandorten droht dort derzeit das Aus. Dabei dürfte sich die Situation sehr schnell von Grund auf ändern: Schon jetzt besuchen im Land fast 78.000 Kinder aus Flüchtlingsfamilien spezielle Sprachförderkurse – Tendenz stark steigend. Macht es derzeit also Sinn, Schulen zu schließen? Wohl kaum.

Schon lange geschlossen: Die ehemalige Dorfschule im brandenburgischen Biesenbrow. Foto: Jonas Rogowski / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Schon lange geschlossen: Die ehemalige Dorfschule im brandenburgischen Biesenbrow. Foto: Jonas Rogowski / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Traurig rollen die Mitglieder der Initiative «Unser Lilienthal – unsere Grundschulen» ihre selbstgemalten Transparente zusammen. «Das war’s», seufzt eine Mutter und streicht ihrem Sohn tröstend über den Haarschopf. Gerade hat der Gemeinderat das Aus für zwei der fünf Grundschulstandorte besiegelt. Die Schulpolitik in der zum Landkreis Osterholz gehörenden Kommune ist kein Einzelfall. Angesichts rückläufiger Schülerzahlen und klammer Kassen bangen in Niedersachsen viele kleine Dorfschulen um ihre Existenz.

Die Zahl der Grundschulen ist seit Jahren rückläufig. Derzeit sind es nach Angaben des Kultusministeriums knapp 1700, 2005 waren es mehr als 1800. «Über die Gründung und Aufhebung von Schulen entscheidet der Schulträger in eigener kommunaler Zuständigkeit», sagt Ministeriumssprecherin Susanne Schrammar. Laut «Verordnung für die Schulorganisation» soll die Primarstufe mindestens einzügig geführt werden, mit 24 Schülern pro Jahrgang. In Ausnahmefällen sind jahrgangsübergreifende Kombiklassen möglich.

Eine einheitliche Zukunftsstrategie für Dorfschulen gibt es nicht. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Niedersachsen wirbt für «dreizügige Grundschulen mit multiprofessionellen Teams», Sozial- und Sonderpädagogen inklusive. Pauschal anwendbar sei das dreizügige Modell im Flächenland Niedersachsen jedoch nicht, räumt der Vorsitzende Eberhard Brandt ein. «Die Lage ist regional sehr unterschiedlich. Man muss gucken, wie isoliert ein Standort ist.» Eva Osterhues-Bruns vom Verband der Grundschulen Niedersachsen wirbt für die Kooperation kleiner Schulen. So könnten auch kleine Einrichtungen den stetig steigenden Anforderungen gerecht werden.

Nicht nur sinkende Schülerzahlen machen Dorfschulen zu schaffen. Auch Lehrer sind Mangelware. «Grundsätzlich ist eine sinkende Nachfrage von Bewerbern bei Angeboten in ländlichen Regionen festzustellen», heißt es aus dem Kultusministerium. «Den Typ des Dorfschullehrers gibt es nicht mehr, der ist ausgestorben», ergänzt Eberhard Brandt. Im Gegensatz zu früher seien auch an Grundschulen Fachlehrer vonnöten. «Eierlegende Wollmilchsäue, das macht keiner mehr.»

«Schulen sind für viele Kommunen ein harter Standortfaktor», gibt Stefan Bredehöft vom Landeselternrat (LER) zu bedenken. «Es gibt Kleinststandorte, die super funktionieren. Es klappt, wenn man im Dorf eine gesunde Sozialstruktur hat.» Der LER fordert einen Diskurs über Bildungsqualität. Kommunalpolitiker müssten ihr Kirchturmdenken zugunsten von Kooperationen revidieren.

Mancherorts scheitern die Schließungspläne am massiven Widerstand der Bevölkerung. So wie 2012 im Langelsheimer Ortsteil Wolfshagen (Kreis Goslar). Eltern und Geschäftsleute taten sich zum Aktionsbündnis «Lasst die Grundschule in Wolfshagen» zusammen und überzeugten die Ratsmehrheit. Nun wird die Grundschule zur Naturschule weiterentwickelt. Die Projekte reichen vom Waldklassenzimmer über den Kräutergarten bis hin zum schuleigenen Bienenstand. Bündnissprecher Heiko Schneider schätzt das familiäre Miteinander. «Man weiß über jedes Kind Bescheid, da fällt kein Kind hinten runter.»

Doch jetzt entsteht eine neue Situation. Durch die vielen Flüchtlingkinder, die in diesen Wochen nach Deutschland kommen, dürften die Schülerzahlen vielerorts deutlich steigen. Im brandenburgischen Golzow war die Lage wie vielerorts in Niedersachsen – die örtliche Grundschule sollte schließen, weil nicht genügend Kinder für die Eingangsklasse angemeldet worden waren. Plötzlich kamen drei syrische Flüchtlingskinder hinzu, und die Schule ist (vorerst) gerettet. Derzeit erscheint es also wenig sinnvoll, eine Dorfschule zu schließen. Der Gemeinderat Lilienthal sollte seinen Beschluss noch einmal überdenken. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Reportage: Wie syrische Flüchtlinge eine Grundschule in Golzow retten

16 Kommentare

  1. Was ist daran absurd? Auf die Länder werden die Asylbewerber nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt. Innerhalb der Bundesländer werden sie weiterverteilt entsprechend der Größe der Kommunen.

    Das wiederum bedeutet, dass eine Komune wie Köln mehr Flüchtlinge aufnehmen muss als das Bundesland MecVorPom. In den einwohnerarmen Ländern werden die Asylbewerber mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls in den kreisfreien Städten (In MV 3) und den größeren Städen ( 5) und vormaligen Kreisstädten angesiedelt. Die Dörfer werden also nicht durch die Aufnahme von Flüchtlingen ihr demographisches Problem lösen können. Da ist die Schließung von Zwergschulen also durchaus nachvollziehbar.

  2. Ich finde diese kleinen Schulen schön. Ich meine, statt Massenschulen mit um die 1000 Schülern sollte man generell auf kleinere Einheiten (Schulen, Klassen, Kollegien) setzen! Bildung darf nicht nur dem „Markt“ unterworfen sein und möglichst billig sein.

    • Ganz meine Meinung, liebe(r) sofawolf!!

      • Schulen mit 1000 SuS ohne Oberstufe sind schlichtweg die besseren, organisatorischen Einheiten. Bezüglich der Kosten sind sie viel effektiver als mehrere kleinere Einheiten.

        Hinzu kommt dass sie ein wesentlich differenzierteres und vor allem breiteres Angebot machen können. Ich bin dafür, alle einzügigen Schulen dicht zu machen und die Untergrenze für die Klassenteiler in der Primarstufe bei 14 SuS und in der Seki bei 22 SuS festzusetzen. Kurse kleiner als 16 SuS sollten grundsätzlich aus wirtschaftlichen Erwägungen gar nicht erst stattfinden.

        • Offensichtlich haben Sie als Sch oder L niemals das idyllische Arbeiten an kleinen Schule kennen gelernt.

          Wo kann eigentlicher gezielter auf die Lernbedürfnisse von Sch eingegangen werden, als in Schulen mit einer geringen Schülerzahl?
          In anonymen Massenschulen wird das kaum möglich sein. Zudem kommt es hier zu deutlich mehr Konflikten als in kleinen Schulen.
          Kosten sind nicht unwichtig, an erster Stelle steht aber die pädagogische Arbeit.

          Fast bietet sich der Vergleich den Massenunterkünften für Flüchtlinge an.

          • An großen Schulen, da sie ein größeres differenzierteres Angebot machen können. Sie verfügen dafür über entsprechende räumliche, materielle und personelle Ressourcen.

          • @dickebank
            Ein „größeres differenzierteres Angebot“ wiegt m. E. nicht die Vorteile von kleinen Schulen auf, die vor allem im Bereich des sozialen Lernens liegen. Dieses kann man allerdings nicht in Zahlen und Ziffern ausdrücken, weswegen das Vorrechnen von schulischen Unterhaltungskosten oder Anzahlen von Kursangeboten nur eine Seite der Medaille ist, deren Vorteile für Kinder m. E. wesentlich geringer sind als die kleiner Schulen.
            Ich erinnere mich noch an die Zeit, als teure Sprachlabore überall als Nonplusultra zum Erlernen der Fremdsprachen galten. Kleine Schulen wurden geschlossen, damit die Kinder an größeren ebenfalls in den Genuss dieser Wundereinrichtung kamen und nicht „benachteiligt“ waren. Das Ganze stellte sich als Märchen heraus.
            Wo sind sie geblieben, diese kostbaren Sprachlabore, in denen die Kinder angeblich so spielend leicht Fremdsprachen erlernen, dass kleine Schulen ohne diese Zauberwerkstatt aufgelöst werden müssen?

          • Wieso verhindern große Schulen soziales Lernen?

            Wie viele Angebote bei Wahlpflichtfächern , die ja Folge einer Neigungswahl sind, können denn zweizügige „Mikrokosmen“ anbieten?

            Sprachlabore waren didaktische Hilfsmittel in den Siebzigern, das sind die hörsaalförmig eingerichteten Fachräume auch gewesen – ja und? Wieso stellen Sie die Sprachlabore in den Gegensatz zu großen Schulen?

            Ich kann ja verstehen, dass den Landeiern der Arsxx auf Grundeis geht. Erst wurde die ehemals selbständige Gemeinte Ortsteil des nächsten Regionalzentrums, dann die örtliche Polizeiwache aufgelöst, dann das örtliche Postamt geschlossen und jetz geht auch noch die „Dorfschule“ flöten. Die ansässigen Geschäftsleute haben längst die Segel wegen Überalterung gestrichen und die Dorfkneipe zugemacht. Es ist aus mit der Kuscheligkeit. Die letzten Familien mit Kindern haben bis auf tragische Einzelschicksale die Dorfgemeinschaft verlassen und der Nachwuchs geht auf die nächstgelegene vierzügige Mittel-/Real-/Sekundarschule, die alle mindestens 700 SuS besuchen. Um auf 1000 SuS in der SekI zu kommen muss es schon eine Gesamtschule sein, die sechszügig geführt wird.

            Die vielgepriesenen GY sind alles keine kleinen Schulen – mindestens dreizügig mit 8 Jahrgängen a 30 SuS, also über 700 Schüler.

            Im übrigen rede ich von weiterführenden, allgemeinbildenden Schulen und nicht Grundschulen am Rand der westlichen Ziviisation.

          • „Rand der westlichen Zivilisation“ gefällt mir. Mitteldeutsche Zivilisation am östlichen Ende des Heidkopftunnels tut es aber auch schon.

  3. Das ist ja schon naher Osten! Ich meinte alle Bereiche östlich von Dortmund. Hinter Unna ist doch nur noch ostwestfälische bzw. südwestfälische Pampa:)

    • lol. Interessant, wo bei Ihnen die westliche Zivilisation aufhört.

      Ich bin da etwas großzügiger: Zivilisation sind Orte, in denen es mehr als eine Filiale eines Discounters gibt, also 2x Aldi oder 2x Lidl oder 2x Netto etc. innerhalb eines Ortes.

      • Da Sie schon so exakt definieren, erläutern Sie bitte, ob das „oder“ eine mathematische oder sprachliche Verknüpfung ist. Ich sehe im mathematischen Sinne des Operators „oder“ sonst eher eine Mittelstadt mit über 50000 Einwohnern vor mir.

  4. @dickebank
    Zum Artikel „Schulrebellen von Seifhennershorst“ haben Sie dies geschrieben:
    „(…) Wird doch keiner gezwungen auf dem land zu leben, folglich können die Schulen, die nicht mehr gebraucht werden, geschlossen werden. Die Dorfkneipen und die Postämter und Polizeistationen haben das doch auf dem platten land auch schon hinter sich.
    PS Die letzten klappen bitte die Bürgersteige hoch und machen das Licht aus. Stadtluft macht frei!“

    Zu meiner Meinung, dass kleine Schulen vorteilhaft seien für das soziale Lernen, haben Sie gefragt: „Wieso verhindern große Schulen soziales Lernen?“ Ich meinte nicht „verhindern“, sondern „behindern“ oder „erschweren“.
    Dazu Ihre Behauptung „Stadtluft macht frei!“. Was Sie „frei“ nennen, bedeutet für mich bindungslos. Je größer Wohnorte und Schulen sind, desto weniger kennt einer den anderen, desto weniger fühlen sich die Menschen verbunden und für das Gemeinwesen mitverantwortlich.
    Rein äußerlich sehen Sie in Dörfern nicht so viel Müll auf den Straßen herumliegen wie in Städten. In kleinen Gemeinden und Schulen sind die Menschen eben nicht so „frei“, asoziale Verhaltensweisen an den Tag zu legen und davon auszugehen, dass sie damit in der anonymen Masse verschwinden.
    Bei „Freiheit“ ist immer auch zu fragen „wovon?“ und „wozu?“.

    • Kennen Sie den unterschied zwischen „Kehrwoche“ und „Heranziehungsbescheid zur Straßenreinigung“?

      Warum selbst kehren, wenn die Stadt dafür die Gebühren kassiert.

      btw in Städten findet sich auch selten das Straßenverkehrsschild „Viehtrieb“ und entsprechende Straßenverunreinigungen sind auf dem Land deutlich häufiger anzutreffen.

    • Ihre Meinung, Beate, teile ich hundertprozentig – erst recht nach dickebanks Antwort.

  5. Liebe Diskussionsteilnehmer,

    ich freue mich über die vielen positiven Diskussionsbeiträge zum Thema kleine Grundschulen. Was nicht heißt, das negative Kommentar sich dadurch ausschließen. Jeder Mensch hat ein Recht auf seine eigene Meinung und Kritik, insbesondere in konstruktiver Form, ist stets zu begrüßen. Es hilft ja nicht durch eine rosarote Brille zu schauen und sich seine Ansichten schön zu malen. Leider sind die meisten Diskussionsteilnehmer hier aber wohl einem Troll aufgesessen. Als Troll bezeichnet man im Netz eine Person, welche die Kommunikation im Internet fortwährend und auf destruktive Weise dadurch behindert, dass sie Beiträge verfasst, die sich auf die Provokation anderer Gesprächsteilnehmer beschränken und keinen sachbezogenen oder konstruktiven Beitrag zur Diskussion enthalten. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen. Also am besten nicht auf Trolle reagieren.

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