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Ausländerbeiratsvorsitzender: Gesteuerter Spracherwerb geht nur in der Schule

FRANKFURT/MAIN. 399 Deutsch-Intensivklassen gibt es derzeit an Hessens allgemeinbildenden Schulen, 3 davon an der Frankfurter Sophienschule. Flüchtlingskinder und EU-Zuwanderer lernen hier gemeinsam Deutsch. Auf einen Schulplatz müssen viele aber lange warten.

Afrika, Asien und Europa: Sechs Jugendliche aus drei Kontinenten lernen in der Frankfurter Sophienschule gemeinsam Deutsch. Tafel, Mäppchen, Wörterbuch – Lehrerin Anke Wölbing gibt der Gruppe 20 Begriffe aus dem Schulalltag vor. Die Schüler aus zwei Intensivklassen sollen die im Klassenzimmer verteilten Gegenstände möglichst schnell erreichen. Die Stoppuhr läuft mit. Die 15-jährige Rabiatou aus Kamerun gewinnt – und strahlt vor Freude.

Nach einem Jahr Deutsch-Intensivklasse wechseln die Schüler in den regulären Unterricht.  Foto: DFID - UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

Nach einem Jahr Deutsch-Intensivklasse wechseln die Schüler in den regulären Unterricht. Foto: DFID – UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

Müqeem aus Afghanistan macht die Aufgabe sichtlich Spaß, er lacht und ist zugleich hochkonzentriert. «Schere, Schere», rufen seine Mitschüler, weil der Zwölfjährige nicht gleich weiß, welcher Gegenstand gemeint ist. Auch als Müqeems zwei Jahre älterer Bruder Halim den Zeichenblock mit dem Zeigestock verwechselt, helfen die anderen, rufen und zeigen wie wild auf das gesuchte Utensil. Müqeem und der in Griechenland geborene Sikh Roban Jot Singh (14) wollen nach dem ersten Durchgang noch mal antreten – und verbessern ihre Zeit deutlich.

399 Deutsch-Intensivklassen gibt es derzeit an den allgemeinbildenden Schulen in Hessen, 3 davon an der Sophienschule. Mehr als 100 sind im neuen Schuljahr dazu gekommen, wie der Sprecher des Kultusministeriums, Stefan Löwer sagt.

Die Schülergruppe, zu der noch Anton (15) aus Bulgarien und Luka (14) aus Kroatien gehören, ist auch dann noch voll bei der Sache, als Müqeem die Hausaufgaben vorliest: Eine lange Reihe von Substantiven mit Artikeln, die die Schüler alphabetisch ordnen sollten. Als die Stunde zu Ende ist und es klingelt, springt keiner auf und will weg, die Schüler bleiben erwartungsvoll sitzen.

«Die Schüler kommen gerne in die Schule», sagt Enis Gülegen, Vorsitzender der Ausländerbeiräte in Hessen und wie Wölbing Lehrer für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) an der Frankfurter Hauptschule. «Sie sind sehr motiviert und lernbegierig», lobt der Lehrer. «Sie sind auf Kommunikation angewiesen.» Viele seien auch dankbar für den geschützten Raum. «Schule im Ausland ist nicht immer das, was wir uns hier vorstellen», sagt Gülegen, der selbst vor Jahrzehnten in der Türkei zur Schule ging. «Der Anfängerunterricht ist das Schönste.» Die Fortschritte seien enorm. «Am Ende des Jahres kann man sich richtig unterhalten.»

Nach einem Jahr Deutsch-Intensivklasse wechseln die Schüler in den regulären Unterricht. Die Einstufung sei aber oft schwierig, sagt Gülegen und nennt einen 15-Jährigen als Beispiel. Der Junge habe sich mit 13 Jahren allein von Mittelafrika auf den Weg nach Deutschland gemacht, zur Schule ging er nur fünf Jahre. «Ihm fehlen also fünf Jahre. In einem Jahr ist er 16 und könnte dann mit viel Nacharbeiten die 7. Klasse schaffen.» Dies erschwere seine Chancen auf einen Abschluss, weil Schulpflicht und -berechtigung mit 18 Jahren enden.

«Unter den Klassenbesten sind immer Schüler aus den früheren Intensivklassen», berichtet Gülegen von seiner Schule. Dies liege auch daran, dass sich bei den Schülern bereits eine Muttersprache verfestigt habe und sie Deutsch darauf aufbauen könnten. Viel schwieriger sei das für Kinder aus Zuwandererfamilien, die in Deutschland aufwachsen und weder die Sprache ihrer Eltern noch Deutsch richtig könnten.

«Der gesteuerte Spracherwerb ist das A und O des Sprachenlernens und der Integration», betont Gülegen. Das gehe aber nur in der Schule. Auf der Straße lernten die jungen Leute Sätze wie «ich bin Schule» und «ich gehe Zeil». Solche Fehler wieder los zu werden, sei schwieriger, als eine neue Fremdsprache zu lernen.

Die Unterrichtszeit sei aber – auch wegen des steigenden Bedarfs – in den vergangenen Jahren von 28 auf 22 Wochenstunden gekürzt worden. Die Lerngruppen seien mit bis zu 16 Schülern zudem zu groß. Zwölf Schüler sollten nach Gülegens Auffassung das Maximum sein: «Es kommen ja während des Schuljahres jeden Monat neue dazu.»

Warum sind die Intensivklassen an der Sophienschule mit fünf bis zehn Schülern dann aber so klein? Das Aufnahme- und BeratungsZentrum (ABZ) für Seiteneinsteiger beim Staatlichen Schulamt wirke angesichts des gewachsenen Andrangs wie ein Flaschenhals, sagt Gülegen. «Viele, viele Schüler warten derzeit zu Hause auf ihr Erstgespräch.» Ohne diese Einstufung der Fachleute und die anschließende Untersuchung beim Gesundheitsamt dürfen die Jungen und Mädchen nicht zur Schule. Ohnehin müssen die Kinder erst einer Kommune zugewiesen werden, bevor sie schulpflichtig sind. «Je später wir die Kinder aufnehmen, desto schwerer wird es für sie und für uns», mahnt Gülegen. (Ira Schaible, dpa)

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