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Wie wird ein Jugendlicher zum Terroristen? Experten fordern: Lehrer und Eltern müssen aufmerksam sein

PARIS. Auf den ersten Blick wirkt es wie das Facebook-Profil eines normalen Jugendlichen: ein Foto mit Freunden auf einem Spielplatz, ein anderes zeigt ihn halbnackt am Pool, ein drittes mit einem Cocktail in der Hand. Doch der harmlose Bilderreigen trügt. Die (mittlerweile vom Netz genommene) Seite gehörte einem der Selbstmord-Attentäter von Paris, dem 20-jährigen Bilal Hadfi. Wie ist es möglich, dass sich bis dato unauffälliger junger Mann sich offenbar innerhalb weniger Monate derart radikalisiert, dass er zum Terroristen wird? Eine Frage, die zunehmend auch die Politik beschäftigt. So appelliert Bundesinnenminister Thomas de Maizière an Eltern, Lehrer und Freunde, die Behörden zu verständigen, sollte es bei jungen Menschen Anzeichen für eine Radikalisierung geben.

Bilal Hadfis Radikalisierung lässt sich auch auf seinem Facebook-Profil erkennen. Screenshots

Vom normalen Jugendlichen zum Terroristen: Bilal Hadfis Radikalisierung lässt sich auch auf den Fotos von seinem Facebook-Profil erkennen. Screenshots

Die Bedrohungslage in Deutschland und Europa sei „wirklich ernst“, betont de Maizière und meint: „Es ist kein Verrat am eigenen Sohn, an der eigenen Tochter, an der eigenen Familie, am eigenen Kollegen, kein Verrat am Mitschüler, sondern ein Ausdruck von Sorge und ein Zeichen von Liebe und Gemeinschaft, wenn man dafür sorgt, dass solche Radikalisierungsprozesse abgebrochen werden“. Niemand solle sich schämen, wenn er auf verdächtige Veränderungen von Menschen hinweise.

Aber: Was sind verdächtige Veränderungen? Und: Lassen sich „Radikalisierungsprozesse“ tatsächlich abbrechen? Gibt es Möglichkeiten der Prävention? Fragen, mit denen sich auch die Schulen in Deutschland künftig zunehmend beschäftigen müssen. Betroffene „haben zunächst das Gefühl, angekommen zu sein, sich befreit zu haben, neu geboren zu sein. Plötzlich eröffnen sich ihnen viele neue Chancen und Möglichkeiten. Aber das ist kein Dauerzustand. Es ist eine Art Anfangshoch, auf das aber bald extreme Belastungen folgen. Es verlangt einem Menschen schließlich viel ab, eine Ideologie zu leben. Das sind strenge, teilweise brutale Anforderungen. Denen gerade im Alltag gerecht zu werden, kann aufreibend sein“, so berichtet der Berliner Islamismus-Experte und Psychologe Ahmad Mansour in einem Interview mit Jetzt.de.

Grundsätzlich könne es jeden Jugendlichen treffen, unabhängig von Schicht und Bildung – so wurde unlängst der Fall von einem deutschen Zwillingspaar aus Castrop-Rauxel bekannt, zwei 25-Jährige, die sich im Irak als Selbstmord-Attentäter in die Luft gesprengt haben sollen. Polizistensöhne mit Abitur, die keine familiären Beziehungen zum Nahen Osten oder zum Islam hatten, aber in kurzer Zeit konvertierten, sich radikalisierten und dem IS anschlossen. Tatsächlich sind Abiturienten, Studenten und Facharbeiter unter den rund 700 Deutschen vertreten, die von den deutschen Sicherheitsbehörden zurzeit in Syrien vermutet werden – und keineswegs nur sogenannte „Bildungsverlierer“.

Mansour: „Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, die zur Radikalisierung führen können. (…) Jugendliche können in der Radikalität eine Identität suchen oder eine Vaterfigur – oder auch nur etwas, das ihren Alltag strukturiert. Sie wollen sich befreien oder durch die Ideologie eine Art von Aufwertung erfahren. Was wohl die meisten eint: Sie waren vorher unzufrieden. Sie haben eine Last mit sich herumgetragen. Und sie haben durch die Ideologie das Gefühl bekommen, von dieser befreit zu werden. Neu anfangen zu können.“

Das Einstiegsalter hat sich dem Experten zufolge in den letzten Jahren nach unten verschoben – bereits 15-Jährige seien gefährdet. Wenn ein Jugendlicher in den Extremismus abgeglitten sei, dann gebe es kaum mehr eine Chance, ihn dort herauszuholen. „Das Problem beginnt viel früher: an den Schulen, auf den Straßen. Da müssen wir die Jugendlichen erreichen. Diejenigen, die bereits Anschläge verüben wollen, sind für uns verloren. Die müssen wir mit dem Sicherheitsapparat bekämpfen“, sagt der gebürtige Palästinenser.

Er fordert mehr Ressourcen für die Schulen, um sich dem Thema stellen zu können, um überhaupt sich stärker der Demokratie-Erziehung zu widmen. Jugendliche wollten über aktuelle politische Themen reden, bekämen im Unterricht aber zu wenige Antworten, kritisiert Mansour.  „Leider merke ich, dass viele, viele Schulen damit überfordert sind.“ Die Jugendlichen suchten dann Informationen im Internet – und landeten bei Rechtsradikalen oder Islamisten.

Dabei seien Anzeichen für eine Gefährdung erkennbar. Mansour: „Am auffälligsten ändert sich die Rhetorik. In Gesprächen, aber auch beispielsweise bei Facebook-Posts. Man muss sehen: Verändert sich seine Argumentation? Zieht er sich bei bestimmten Themen ganz zurück? Ändert sich das Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber? Dafür muss man aber natürlich tiefergehende Gespräche führen. Nur auf die Kleidung zu schauen, wie das viele leider tun, genügt nicht.“

„Armut oder schlechte Bildung allein führt nicht zu Terrorismus“, sagt auch Michael Kiefer, Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück gegenüber der „Welt“. „Wenn es so wäre, wäre die Welt voller Radikaler.“ Das Problem sei nicht in erster Linie sozialer, sondern psychologischer Natur. Die meisten der Neu-Dschihadisten seien jung, zwischen 15 und 21 Jahren alt. Nur fünf Prozent von ihnen seien bereits zuvor wegen kleinerer Delikte aufgefallen. Aber: 40 Prozent von ihnen litten an einer Depression.

Die Radikalisierung des späteren Selbstmord-Attentäters Bilal Hadfi war aufgefallen – nämlich seiner Lehrerin in Belgien, wie die „Bild“-Zeitung berichtet. Die Pädagogin beobachtete, dass der junge Mann plötzlich keine Musik mehr hörte, da dies „verboten“ sei. Dass er den Anschlag gegen das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ im Frühjahr in Paris begrüßte. Sie informierte seinerzeit die Behörden. Doch die unternahmen nichts. Hadfi reiste nach Syrien. Und kehrte als Mörder zurück. News4teachers

Zum Bericht: Experten: Sehnsucht nach Männlichkeit führt zu Radikalisierung – Lehrerbildung und Religionsunterricht wirken dagegen

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