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Braucht es einen neuen Blick auf Diskriminierung in der Bildung?

ESSLINGEN. In den aktuellen Diskussionen um Inklusion und Flüchtlinge kommt mehr oder weniger offen ausgesprochen auch dem Themenfeld Chancengerechtigkeit, Benachteiligung und Diskriminierung im Bildungsbereich ein hoher Stellenwert zu. Nach Meinung von Wissenschaftlern geht die Diskriminierungsdebatte allerdings zumindest teilweise in die falsche Richtung. Eine Untersuchung der Hochschule Esslingen unterstreicht die Rolle der Schulsozialarbeit.

Diskriminierung ist in der Schule allgegenwärtig. Jeder vierte Schüler oder Student mit ausländischen Wurzeln fühlt sich im deutschen Bildungssystem diskriminiert. In zwei Jahren beschwerten sich allein bei der brandenburgische Landeskoordinierungsstelle für LesBiSchwule&Trans*-Belange (LKS) rund 430 junge Menschen über Ausgrenzung durch dumme Sprüche, Tätlichkeiten, Anfeindungen oder Mobbing.

Individuelle Förderung eines Schülers. Schulsozialarbeiter übernehmen wichtige Funktionen bei der Überwindung von Diskriminierung im Schulbereich. Foto: the U.S. Census Bureau / Wikimedia Commons (Gemeinfrei)

Individuelle Förderung eines Schülers. Schulsozialarbeiter übernehmen wichtige Funktionen bei der Überwindung von Diskriminierung im Schulbereich. Foto: the U.S. Census Bureau / Wikimedia Commons (Gemeinfrei)

In Politik und Schule hat das Thema einen hohen Stellenwert, möchte man meinen. Umfangreiche Programme und Maßnahmenangebote versuchen der Diskriminierung entgegenzuwirken. Auch Studien zur Diskriminierung im Bildungsbereich gibt es zuhauf. Schon 2013 bezeichnete die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) den Forschungsstand in Bezug auf den Leistungsstand einzelner Bevölkerungsgruppen und Minoritäten als „beeindruckend“. Dies beziehe sich insbesondere auf die Bereiche Mädchen und Frauen, Migranten sowie Menschen schwieriger sozialer Herkunft, heißt es in einer von Experten aus Koblenz und Dortmund erstellten sozial und erziehungswissenschaftlichen Bestandsaufnahme im Auftrag der ADS.

Problem erkannt und auf dem richtigen Weg also? Nach Meinung der beteiligten Wissenschaftler geht die Diskriminierungsforschung im schulischen Bereich zumindest teilweise in die falsche Richtung. Klare Definitionen von (Un-)Gerechtigkeit, (Un-)Gleichheit, Benachteiligung oder Diskriminierung lägen nicht vor. Gemessen würden außerdem jeweils Einzelaspekte, wie der naturwissenschaftliche Kompetenzerwerb, ohne das Problem in seiner Gesamtheit zu thematisieren.

Dabei rühre dieses Problem schon aus dem unterlegten Bildungsbegriff. Bei der Bewertung von Diskriminierung sei eine deutliche Abkehr von einer humanistischen Persönlichkeitsbildung erkennbar. Die meisten Studien zur Diskriminierung legten unkritisch ein Bildungsverständnis zu Grunde, welches das Bildungssystem lediglich als Vorbereitung zur Teilnahmen am Erwerbsleben begreife.

Die Bewertung von Diskriminierung richte sich dementsprechend meist auf eine gerechtere, aber technisch orientierte Verteilung von Bildungsabschlüssen, mithin auf ökonomische Faktoren. Benachteiligung habe aber nach Ansicht der Autoren erhebliche Auswirkungen auf das Recht der Schüler auf einen persönlichen Lern- und Entwicklungsprozess, der inhaltliche, soziale und kulturelle Aspekte umfasse.

Bildung sollte, so in der Zusammenfassung der Studie in ihrem Gehalt neu be- und überdacht werden um Benachteiligung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen zu können. Um Diskriminierung insgesamt erfassen zu können, sei eine grundsätzliche Diskussion über Funktion und Bedeutung von Schule notwendig. Zum Diskriminierungsabbau seien umfangreichere Konzepte und Veränderungen zu fordern.

Wie der Schutz vor Diskriminierung in der Praxis gestärkt werden kann und welche Rolle dabei der Schulsozialarbeit zukommt, haben Wissenschaftler der Hochschule Esslingen in einem Projekt untersucht. Zwischen November 2013 und Oktober 2015 befragten die Forscher insgesamt fast 250 Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte, Schulleitungen und Schul-Sozialarbeiter an sechs Schulen in Ostfildern, einer 35.000-Einwohner-Stadt südlich von Stuttgart.

Das Projekt zeige die alltägliche Relevanz des Themas an den Schulen. „Denn auch abseits von aktuellen Debatten etwa zur Inklusions- oder Fluchtthematik wünschen sich Kinder und Jugendliche, dass Diskriminierungen verhindert und verlässlich bearbeitet werden“, so Projektmitarbeiter Marc Holland-Cunz.

Insgesamt habe sich gezeigt, dass der Begriff Diskriminierung in der Schulpraxis nicht handlungsleitend gewesen sei. Wichtiger seien daher Aufklärung, Verständnis und Sensibilisierung für die vielen Facetten, Ebenen und Mechanismen von Diskriminierung in Schule.

Schulsozialarbeiter übernähmen dabei bereits heute vielfältige Aufgaben. Aus Sicht der Forscher sei durchaus die Gefahr erkennbar dass die Bearbeitung von kritischen sozialen Situationen oft an die Schulsozialarbeit delegiert werde.

Häufig müsse Schulsozialarbeit allerdings darum kämpfen, ausreichend „offizielle Gruppenzeiten“ zu erhalten, um die sozialen Probleme, die in den Klassen auftreten, adäquat bearbeiten zu können. Um Diskriminierung vorzubeugen müssten daher auch die Kompetenzen der Lehrkräfte gestärkt werden. Für Vertrauensbildung und für die nachhaltige Bearbeitung von Problemlagen, Konflikten und Verletzungen müssten Räume geschaffen und Zeit gegeben werden.

Eine allgemeine Voraussetzung für einen besseren Diskriminierungsschutz sei auch eine Schulkultur, die das soziale Miteinander fördert sowie den offenen Umgang mit Fehlern und Kritik ermöglicht. Denkbar sei darüber hinaus die Einrichtung einer unabhängigen Anlaufstelle, die passgenaue Lösungen für den Umgang mit Beschwerden schaffen könne. (zab,pm)

• Diskriminierung im vorschulischen und schulischen Bereich – Eine sozial- und erziehungswissenschaftliche Bestandsaufnahme (ADS)
• Projekt SalsA – «Schulsozialarbeit als Antidiskriminierungsinstrument» (Hochschule Esslingen)

• zum Bericht: Regierungsstudie: Diskriminierung in der Bildung ist allgegenwärtig

Ein Kommentar

  1. Immerhin kritisiert mal eine Studie den mittlerweile stark ökonomisch geprägten Bildungsbegriff. Zwar noch im Kontext der Diskriminierung, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.

    Männliche Schüler, heterosexuelle Schüler (m/w) und seit Generationen deutsche Schüler (m/w) können möglicherweise auf ein baldiges Ende ihrer Diskriminierung hoffen, während gegenderte LeSBiTiTiKaKaohneIQ-Verfechter mal den Berufsberater der Agentur für Arbeit aufsuchen müssen.

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