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Gauck: „Lehrer leisten Tag für Tag beinahe Unglaubliches“

HAMBURG. Den Schulen kommt nach Ansicht von Bundespräsident Joachim Gauck große Bedeutung bei der Integration von Zuwanderern zu. In seiner Hamburger Rede zur Bildung setzte er sich zugleich für mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung ein.

Bundespräsident Joachim Gauck hat eine nach wie vor zu große Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft junger Menschen beklagt. Noch immer hänge Bildungserfolg in Deutschland stark – (…) zu stark – von der sozialen Herkunft ab. Bei der Hilfe für Jugendliche seien alle gefragt und alle müssten dabei einen langen Atem haben. Nicht allein den Lehrern dürfe aufgebürdet werden, «wie Schüler zu Leistung motiviert und zum Durchhalten bewegt werden können». Wichtig sei die frühkindliche Bildung. Denn dort könnten Benachteiligungen ausgeglichen werden. Eltern müssten deshalb ermutigt werden, «sich stärker für das Fortkommen ihrer Kinder zu interessieren», so Gauck in seiner Rede beim Bildungstag der «Zeit»-Stiftung  in Hamburg.

 Jeder Mensch verdiene seine Chance, egal woher er komme, so Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: Tohma / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Jeder Mensch verdiene seine Chance, egal woher er komme, so Bundespräsident Joachim Gauck. Foto: Tohma / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Angesichts der vielen in die Bundesrepublik kommenden Flüchtlinge von geht Gauck von großen und vor allem dauerhaften Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem aus. «Die Aufgabe und die Verpflichtung, Chancengerechtigkeit in unserem Land sicherzustellen, werden uns schon deshalb dauerhaft begleiten, weil wir als Einwanderungsgesellschaft noch mehr gefordert sein werden», sagte er. Das sei aufwendig, mühsam und bringe auch Kosten mit sich. Gauck betonte in seiner Rede jedoch auch, dass jeder seine Chance verdiene, egal woher er komme. Das sei der Anspruch, «den eine Gesellschaft der Freien und Gleichen an sich selbst haben muss».

Wirkliche Chancengerechtigkeit dürfe sich jedoch nicht auf die formale Gleichheit beschränken, sagte Gauck. Gleiche Rechte könnten ungleiche Begabungen und Fähigkeiten nicht wettmachen, könnten ungleiche soziale Voraussetzungen und mentale und kulturelle Prägungen nicht gänzlich ausgleichen. «Wichtig ist es daher, formale Gleichheit durch spezifische Förderung zu ergänzen, damit Menschen das erreichen können, was ihre Fähigkeiten erlauben.» Das sei der zentrale Anspruch, «hinter den unsere Gesellschaft, besonders unsere moderne Einwanderungsgesellschaft, nicht zurückfallen darf: Bei gleichen Begabungen muss es gleiche Aufstiegsmöglichkeiten geben».

Eine besondere Rolle komme den Schulen zu. Sie «wird nicht geringer, sie wird wichtiger werden». Entsprechend sei auch die Bedeutung der Lehrer bei der Integration der Schutzsuchenden. «Nicht nur brauchen sie die nötigen sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen – sie brauchen auch das nötige Fachwissen zur Vermittlung dessen, was unsere freiheitlich demokratische Ordnung ausmacht.» Schließlich sei Schule auch ein Ort, der Werte vermitteln müsse. «Nur dann kann Bildung die Integrationswirkung entfalten, die ihr zugedacht ist.»

Bereits jetzt leisteten Lehrer «Tag für Tag beinahe Unglaubliches», sagte Gauck. Viele gingen an ihre physischen und psychischen Grenzen. Als Bundespräsident sei er ausdrücklich dankbar für deren Engagement und Idealismus – und zwar «doppelt und dreifach». Bei der Unterstützung der Jugendlichen seien jedoch alle gefragt. Auch Eltern müssten ihren Kindern Aufmerksamkeit zollen. «Aus der Forschung wissen wir, dass nicht die materielle Armut selbst, sondern deren Begleitumstände die gesellschaftlichen Chancen von Kindern mindern – zum Beispiel ein geringer Bildungsgrad, mangelnde Fürsorge oder auch fehlender Aufstiegswille im Elternhaus.» (dpa)

zum Bericht: Gauck hebt Bedeutung der Universitäten für Integration hervor

2 Kommentare

  1. Vielleicht hängt der Bildungserfolg gar nicht ursächlich von der sozialen Herkunft ab, sondern davon, wie gut sich Eltern um ihre Kinder kümmern (siehe Zusammenhang zwischen Vorlesen und Schulerfolg).

  2. Nun, zumindest die Leistungsbewertung (die ja immer als der eindeutige und unumstössliche Indikator für Bildungserfolg angesehen wird) hängt eng mit der sozialen Herkunft zusammen, wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nach Auswertung von Studien feststellt. Auch PISA, LAU und IGLU haben diese Zusammenhänge herausgestellt

    http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publikationen/Expertisen/Expertise_Diskriminierung_im_vorschulischen_und_schulischen_Bereich.pdf?__blob=publicationFile

    S. 53

    „Auf die Bedeutung soll nochmals hingewiesen werden, besagen diese Ergebnisse doch nichts
    andere, als dass die Vorstellung einer Leistungsmessung ohne Ansehen der individuel-
    len sozialen Her kunft nicht möglich ist. Dies negiert die Vorstellung einer »gerechten
    Bewertung« der schuli schen Leistung als Ausgangspunkt der persönlichen Bildungs-,
    Berufs- und Einkommensbio grafie und stärkt eine auf Chancengerechtigkeit beruhen-
    de Argumentation.“

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