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„Schule ist ein Arbeitsplatz“: Schulleiterin verbietet Schülern Jogginghosen – darf sie das?

STUTTGART. Eine Schule in Baden-Württemberg will die Jogginghose aus dem Klassenzimmer verbannen. Viele Einrichtungen stellen Kleiderregeln auf. Doch wie weit darf die Schule in Freiheitsrechte eingreifen?

Jogginghosen sind bei Schülern Kult - hier: Jugendliche beim "Internationalen Jogginghosentag". Foto: Avarty Fotos / flickr (CC BY-SA 2.0)

Jogginghosen sind bei Schülern Kult – hier: Jugendliche beim „Internationalen Jogginghosentag“. Foto: Avarty Fotos / flickr (CC BY-SA 2.0)

Eine katholische Schule in Hamburg will bei ihren Schülern weder Unterwäsche noch zu viel nackte Haut sehen, eine Schule im Nordschwarzwald sorgte im Sommer mit einem Verbot für Hotpants für Aufsehen. Jetzt soll auch die Jogginghose im Klassenzimmer tabu sein: Ein Schulcampus im schwäbischen Schwieberdingen bei Stuttgart will die Schlabberhose verbannen.

In einigen Privatschulen sind Kleidervorschriften und Uniformen Alltag. Bildungsforscher und Lehrer sind sich jedoch nicht einig: Wie sinnvoll sind Dresscodes? Für manche sind Kleiderregeln ein passendes Mittel, um einen Markenfetischismus bei Jugendlichen einzudämmen. Für andere wiegt die Freiheit des Einzelnen schwerer.

Schulleiterin Ilse Riedl ist sich ihrer Sache aber sicher. Schon seit Jahren duldet sie keine Jogginghose an der Hermann-Butzer-Schule, die Grund-, Haupt- und Realschüler besuchen. «Die Schule ist keine Chillout-Zone», sagt die Pädagogin. Die Schule sei ein Arbeitsplatz – das solle auch in der Schulordnung deutlich werden.

Für ihre Kollegin Sandra Vöhringer an der benachbarten Gemeinschaftschule ist Riedl mittlerweile ein Vorbild. Auch dort soll die Schlabberhose auf den Index. Kleidung habe auch etwas mit Haltung zu tun, hatte Vöhringer am Dienstag auf Anfrage gesagt.

Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance Berlin sagt, die Diskussion über Kleiderregeln gehöre zu guter Schulkultur dazu. Die Jogginghose passt seiner Meinung nicht ins Klassenzimmer, in dem man ein gewisses Leistungsverhalten einübe. «Dresscodes halte ich für sehr sinnvoll.»

Debatten darüber, wer welche Hosen trägt, wirken bisweilen oberflächlich und kleinlich. Hurrelmann sieht darin aber einen Aufhänger für wichtige Fragen wie: «Wollen wir uns dirigieren lassen von der Modewelt, der Werbung?» Schüler genießen es seiner Einschätzung nach, klare Regeln zu haben, die sie im Optimalfall mitausgehandelt haben und mittragen können. «Das gibt Sicherheit, weil Gleichberechtigung herrscht.»

Bildung ist Ländersache, doch für Schüler in ganz Deutschland gilt das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Ein Verbot der Jogginghose lässt sich daher aus Sicht des Kultusministeriums in Stuttgart nicht begründen. Persönlicher Geschmack von Lehrern dürfe an öffentlichen Schulen nicht zum Richtwert für die Kleidung der Schüler werden.

Gerhard Brand aus dem Bundesvorstand des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) sagt: «Es ist wirklich ein Problem, dass Schüler häufig in provokanter Kleidung in der Schule auftauchen.» Um das zu verhindern, könnten Schulen in ihrem Leitbild oder in der Schulkonferenz einen Konsens finden, welche Kleidungsstücke nicht gern gesehen sind. Am besten fruchte seiner Erfahrung nach aber noch das persönliche Gespräch, in dem man an die Vernunft des Schülers appelliere. Verbote könnten vor Gerichten keinen Bestand haben.

Der VBE-Landessprecher aus Baden-Württemberg, Michael Gomolzig, sagt: «Wenn man individuelles Lernen verfolgt, kann man nicht die Schüler in eine Uniform stecken.» Die Absicht der Schule in Schwieberdingen sei verständlich, das Problem lasse sich aber nicht mit einem Regelkatalog lösen. Die Einsicht der Schüler sei wichtig. Auch der Landeselternvertreter in Baden-Württemberg Carsten Rees lehnt Dresscodes ab: «Was hat der Staat für ein Interesse, Ästhetik zu verordnen? Keines!» Mit solchen Vorschriften nähere man sich totalitären Systemen.

Privatschulen sind frei darin, bestimmte Kleidung oder eine Uniform vorzuschreiben. Im international bekannten Internat in Salem am Bodensee gibt es eine verbindliche Kleiderordnung mit Hemden und Pullis in den Schulfarben Blau und Weiß. «Interessanterweise haben sich das die Schüler selbst gewünscht», sagt Schulleiter Bernd Westermeyer. «Sie waren unglücklich über den Markenwahnsinn. Das war für die Kinder erkennbar ein Stressfaktor.» Die Schüler fänden es schön, sich als Gemeinschaft zu zeigen.

Schulleiterin Riedl hat mit ihrem Bann gegen die Jogginghose allerdings weniger den Modewahn im Blick. Sie sieht es als ihre Aufgabe, ihren Schülern Rüstzeug fürs Leben mitzugeben. Sie fürchtet: Wer nie lerne, dass die Jogginghose am Arbeitsplatz nicht angebracht ist, gehe damit womöglich zum Vorstellungsgespräch und wundere sich, dass er keinen Ausbildungsplatz bekomme.

Zu ausgebeulter Sportkleidung im Alltag hat Modestar Karl Lagerfeld eine ganz klare Meinung: «Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren», sagte er einmal. Sein Kollege Jean Paul Gaultier sieht das anders – und half, den Schlabberlook salonfähig zu machen. Bei der Präsentation seiner Herbst-Winter-Kollektion 2014/15 schickte er «Vampire im Luxus-Jogginganzug» auf den Laufsteg.

Bereits 2009 hatten vier junge Männer aus Graz in Österreich den «Internationalen Jogginghosentag» etabliert. Zum 21. Januar 2010 riefen sie erstmals dazu auf, dem vielerorts beliebten und bequemen Beinkleid globale Anerkennung zu verschaffen – zum Leidwesen mancher modebewusster Zeitgenossen. Schon ein Jahr darauf seien dem Aufruf rund 600.000 begeisterte Jogginghosenträger in mehr als 50 Ländern gefolgt, erzählten die Veranstalter bei Facebook.

Die Geschichte des umstrittenen Kleidungsstücks begann in den 1970er Jahren. Die damals überwiegend aus Nylon gefertigten, weit geschnittenen Sportanzüge sollten Sportler auch bei schlechtem Wetter warmhalten. In den 80ern eroberten Jogginghosen aus Baumwolljersey den Markt, bevor sie in den 1990ern endgültig in den Alltag einzogen. Die Rapper- und Hip-Hop-Szene hat die Jogginghose mittlerweile  gesellschaftsfähig gemacht. Von Lena Müssigmann, dpa

Zum Bericht: Mehrheit der Bürger in Deutschland fände Hotpants-Verbot in Schulen gut – allerdings: Jüngere sind dagegen

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