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Traumatisierte Flüchtlingskinder: Lehrern droht Überforderung – Experten fordern mehr Schulpsychologen

NÜRNBERG. Flüchtlingskinder haben in ihrer alten Heimat und auf dem Weg nach Deutschland oft schlimme Erlebnisse machen müssen. Experten wie der renommierte Nürnberger Schulpsychologe Bernhard Jehle fordert deshalb psychologische Betreuungsangebote für Flüchtlinge an allen Schulen – und für deren Lehrer. Denn die sind häufig mit der Situation überfordert.

Schlimme Erfahrungen auf der Flucht: An der Grenze zu Ungarn wurden Kinder unter dem Stacheldraht hindurch geschoben. Foto: Freedom House / flickr

Schlimme Erfahrungen auf der Flucht: An der Grenze zu Ungarn wurden Kinder unter dem Stacheldraht hindurch geschoben. Foto: Freedom House / flickr

Angesichts vieler Flüchtlingskinder fordert Jehle, Leiter des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie Nürnberg (IPSN), den verstärken Einsatz von Psychologen an Schulen. «Man bräuchte im Grunde an jeder Schule eine schulpsychologische Beratung. Einerseits für die Flüchtlinge, die fast alle in irgendeiner Weise traumatisiert sind. Andererseits aber auch für die Lehrer, die oft mit dieser Situation überfordert sind», sagte er auf Anfrage.

Das Kind oder der Jugendliche habe vielleicht auf der Flucht jemanden neben sich tot niedersinken oder ertrinken sehen. «Für ein Kind kann es auch traumatisierend sein, wenn ein Elternteil in der Heimat zurückgelassen werden musste.» Solche Probleme brächten die Flüchtlinge mit in die Schulen. «Und da braucht es Psychologen.»

Rund zwei Drittel der Kinder, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland kommen, sind nach einer Schätzung des Marburger Traumaexperten und Psychotherapeuten Georg Pieper im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung traumatisiert. Wie sich das bemerkbar macht? „Traumatisierte Menschen stecken gedanklich und mit ihren Gefühlen in einem Erinnerungsgefängnis. Ohne es steuern zu können, werden sie immer wieder von ihren schrecklichen Erinnerungen überfallen und empfinden Panik und Todesängste. Traumatisierte Kinder sind dünnhäutiger, schneller krank und nicht so stressbelastbar. Sie haben im Leben eine schlechte Ausgangsposition. Besonders schlimm ist es, wenn Kinder allein nach Deutschland kommen oder auf der Flucht ihre Eltern verloren haben. Traumatische Erlebnisse wirken dann besonders stark, wenn die schützende Familie fehlt oder gar umgekommen ist“, erklärte er in einem Interview mit heute.de.

Auf die Frage, was mit diesen Kindern auf Lehrer und Erzieher zukomme, antwortete er: „Für sie ist es zunächst schwierig, die Situation richtig einzuschätzen und damit umzugehen. Wenn Kinder Krieg oder Erschießen spielen, sind die Betreuer oft vollkommen überfordert. Dabei spielen traumatisierte Kinder häufig das, was sie erlebt haben, immer wieder durch. Lehrer sollten sich davon nicht erschüttern lassen, es ist ein Ausdruck der Nöte und Qualen der kindlichen Seele. Diese Art der Beschäftigung mit schlimmen Erlebnissen kann sogar hilfreich sein. Das gilt aber nur dann, wenn die Kinder darin unterstützt werden, einen positiven Ausgang für die gespielten Szenen zu finden.“

Auch bei aggressivem Verhalten, das ein Zeichen für sehr schlimme Erfahrungen über einen langen Zeitraum sein könne, sollten Lehrer immer bedenken, „ dass das Kind nicht böse ist, sondern eine verletzte Seele hat“, appellierte der Fachmann. Auch er konstatierte allerdings: Lehrer seien mit der Situation „oft vollkommen überfordert“. News4teachers / mit Material der dpa

7 Kommentare

  1. genauso wie in Deutschland wird es überall auf der Welt charakterlich ruhige wie aggressive Menschen geben. sind letztere dann wie der Artikel suggeriert dann trotzdem nicht böse?

    was ist mit Jungen, denen von Geburt an beigebracht wurde, dass Frauen nichts wert sind? deren Eingliederung wird unabhängig von den traumatischen Erlebnissen positiv formuliert eine Herausforderung, ehrlich formuliert sehr sehr schwer.

  2. Lehrer sollen also immer bedenken, „dass das Kind nicht böse ist, sondern eine verletzte Seele hat“. Welche Binsenweisheit, mit Verlaub!
    Um das zu wissen, brauche ich keinen Psychologen. Und dieses Wissen hilft mir in konkreten Situationen, wo ein Kind seinen Seelenschmerz an den Klassenkameraden und mir austobt, auch nicht weiter. Es macht mir nur Schuldgefühle, dass ich ihm nicht helfen und die Klasse vor ihm beschützen kann.
    Mit Schulpsychologen habe ich leider auch nicht die besten Erfahrungen. Schwierigen Kindern und mir haben sie selten helfen können, aber viel kluggeschwätzt.

  3. Sind diese Traumata nun Spekulationen oder beobachtet worden? Kann Jehle arabisch?
    Geht es den kleinen Syrern schlimmer als den Kindern, die im Südsudan, in Darfur oder in Bangla Desh zurückgeblieben sind? Ist eine Flucht nach Europa traumatischer als ein Leben in einer philippinischen Favela? Fragen über Fragen.

  4. Und welchen Sinn würden die Antworten ergeben? Es geht in dem Beitrag doch darum, angesichts einer großen neuen Schülerklientel der Politik dringend benötigte Ressourcen für die Schulen abzuringen. Aber dazu bedarf es erstmal der Feststellung, dass diese neue Schülerklientel stark förderbedürftig ist. Sonst geht wie bei der Inklusion – und zusätzliche Mittel gelten als unnötig, weil sich mit ein bisschen Lehrer-Fortbildung und eines fröhlichen sozialen Miteinanders in der Klasse die Förderung angeblich von selbst ergibt. Wollen Sie etwa bestreiten, dass wir hier eine besondere Herausforderung haben?

    • Danke Anna, ich frage ich auch, was die Fragerei von Pälzer soll.

      Meint er, dass das alles nicht so schlimm sein soll? Oder das die sich mal nicht so haben sollen? Oder das man – mit Verweis auf Probleme in anderen Ländern und Kontexten – jetzt einfach nicht reagieren braucht, weil das global gesehen ja irgendwie alles normal ist und zur schlimmen Welt halt dazugehört?

      Fragen über Fragen…

    • Danke für Eure Rück-Fragen. In der Tat, unter dem Aspekt, dass man einfach Geld für eine wichtige Aufgabe locker machen will, sind die beschriebenen Äußerungen wohl berechtigt. Aber andererseits ist das alles dermaßen nebulös und allgemein formuliert, dass mir die Vergleiche, die ich nannte, unwillkürlich kommen.
      Jehle und Pieper dramatisieren. Verglichen mit der glücklichen, sorglosen schwäbischen Mittelstandsfamilie geht es sicher vielen Flüchtlingskindern schlecht. Aber mir fiele noch ein Dutzend weiterer typischer Kind-Situationen ein (darunter die meisten in den Ursprungsländern der Geflohenen), die vermutlich belastender sind als die Ankunft in einem deutschen Heim für unbegleitete Minderjährige und doch für Millionen in einem traurigen Sinn „normal“. Das sollte in einem Expertenbeitrag auch anklingen. Der Blickwinkel aus dem deutschen materiellen Schlaraffenland ist nicht repräsentativ.

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