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Florierender Drogenhandel auf dem Schulhof: Wie ein Kollegium gründlich aufräumt

HENNINGSDORF. Drogen? Bei uns doch nicht. Dies bekamen Eltern früher häufiger zu hören, wenn es um Themen wie Sucht und Prävention ging. Zu sehr fürchteten manche Schulleitungen, auch Schulträger, um den guten Ruf ihrer Schule. Diese Zeiten sind vielerorts vorbei (wenngleich noch nicht überall). Immer öfter wenden sich Lehrer und Leiter an die Öffentlichkeit, wenn sie davon erfahren, dass Haschisch, Ecstasy und Co in der Schülerschaft kursieren. Aktueller Fall: An einer Oberschule im brandenburgischen Henningsdorf wird gegen 15 Schüler wegen Drogenkonsums ermittelt, fünf davon sollen gedealt haben. Und die Polizei lobt die Schule ausdrücklich für ihre Öffentlichkeitsarbeit: „Dort ist man das Problem ganz offen angegangen“, heißt es.

auch mit Ecstasy gehandelt. Foto: tanjila ahmed / flickr (CC BY 2.0)

An der Schule wurde auch mit Ecstasy gehandelt. Foto: tanjila ahmed / flickr (CC BY 2.0)

Tatsächlich wandte sich die Schulleiterin in Absprache mit der Schulpflegschaft und dem Kollegium umgehend an die Öffentlichkeit, nachdem sie von Drogen an ihrer Schule erfuhr. Sie schrieb einen Brief an die Eltern ihrer Schüler, veröffentlichte das Schreiben im Internet und schaltete die Polizei ein.

In dem Papier ist vom „Verstoß einiger Schüler gegen das Betäubungsmittelgesetz“ die Rede. „Das gesamte Kollegium spricht sich geschlossen dafür aus, unter Ausschöpfung aller Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen des Brandenburger Schulgesetzes konsequent darauf zu reagieren“, heißt es. „Alle zuständigen Gremien sind durch die Schule informiert worden. Das Kollegium erarbeitet derzeit einen Präventions- und Maßnahmenplan (verstärkte Wachsamkeit der Aufsichten, Gespräche mit Eltern, das Thema Sucht in verschiedenen pädagogischen Ansätzen und Mitteln). Wir nehmen diese Situation sehr ernst. Der Besitz von Betäubungsmitteln an unserer Schule ist scharf zu verurteilen.“ Und weiter: „Fest steht, dass wir als Schule uns verstärkt der Sache annehmen werden.“

In der Tat ist krass, was sich an der Schule ereignet haben soll. Anfang September hörte die Schulleiterin von einer Mutter, dass deren Tochter ein massives Drogenproblem habe. Und die Frau wusste offenbar Details zu berichten, die es der Schulleiterin und den Lehrern erlaubten, das Problem energisch anzupacken. Dutzende Einzelgespräche mit Schülern folgten. Am Ende waren es 21 Acht-, Neunt- und Zehntklässler, die in den Fall verstrickt sind. Nach Ermittlungen der Polizei haben mindestens 15 Schüler Drogen genommen, fünf davon sollen gedealt haben – und zwar auf dem Schulhof. Amphetamin-Pillen mit Namen wie Nike oder Kürbis sollen dort vertrieben worden sein. Auch von Ecstasy und Cannabis ist die Rede. Teilweise sollen die 14- bis 17-Jährigen zugedröhnt im Unterricht gesessen haben. Tatsächlich fand die Polizei bei einigen der Schüler Drogen, einer hatte Ecstasy-Tabletten in seinen Socken versteckt.

„Aus unserer Sicht hat die Schule richtig gehandelt, sie ist sehr offensiv mit dem Thema umgegangen“, sagte eine Polizeisprecherin gegenüber der „Berliner Zeitung“. Viele Schulen mit derartigen Problemen würden so etwas lieber intern lösen, um nicht ins schlechte Licht gerückt zu werden. Gerade um das zu vermeiden, sind die Verantwortlichen der jetzt betroffenen Oberschule aber gerade an die Öffentlichkeit gegangen wohlwissend, dass sich ein solcher Skandal nicht unter der Decke halten lässt. „Wir haben ein Problem und wollten es nicht verstecken“, so zitiert die Zeitung den Elternsprecher der Schule. Zudem wolle man nun verstärkt Präventionsarbeit an der Schule leisten. Neben einer Lehrerweiterbildung gab es bereits einen Eltern-Schüler-Abend und Gespräche in jeder Klasse.

Auch ein ehemaliger Drogenabhängiger wurde eingeladen, um den Schülern von seiner Sucht zu erzählen. „Der hat berichtet, wie er mit dem Kiffen in die Drogenszene geriet, wie er seine Freunde verlor, keine Lust mehr hatte, zu essen, zu trinken und zu schlafen. Am Ende landete er im Gefängnis. Da haben alle zugehört“, berichtet die Schulleiterin gegenüber dem „Oranienburger Generalanzeiger“. Weitere Veranstaltungen sollen folgen.

Und für die Eltern gab es Tipps, wie sie das Thema am besten mit ihren Kindern besprechen können. „Machen Sie sich kundig!“, heißt es in dem Rundschreiben. „Oft wissen Jugendliche besser über Drogen Bescheid als ihre Eltern. Nur wenn Sie selbst gut informiert sind, können Sie mit Ihrem Kind richtig diskutieren, es warnen und Hinweise geben. Merkt
Ihr Kind, dass Sie alles durcheinander bringen oder unhaltbare Horrorszenarien heraufbeschwören, dann wird es Sie nicht ernst nehmen und ist dadurch noch leichter zum Drogenkonsum zu verführen.“

Und: „Seien Sie freundlich und liebevoll! Verzichten Sie möglichst auf Vorwürfe! Jugendliche lassen sich dadurch keineswegs von Drogen abhalten. Es kann sogar zu einer Trotzreaktion kommen. Im schlimmsten Fall ziehen sich Jugendliche ganz zurück und Eltern können nicht mehr zu ihnen vordringen. Trotzdem sollten Sie immer bei Ihren Gefühlen bleiben. Zeigen Sie aber statt Zorn über die Meinung des Kindes zu Drogen eher Ihre Besorgnis. Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass Sie sich für seine Probleme interessieren.“

Ein Kriminaloberkommissar vom Sachgebiet Prävention der Polizei sagt laut Bericht der „Berliner Zeitung“: Normal sei das, was an der Schule passiert sei, auf keinen Fall – das Ausmaß sei schon besonders. Die Schule habe aber aus seiner Sicht völlig richtig gehandelt und das Problem nicht unter den Teppich gekehrt. „Hut ab vor der Schulleitung. Nicht umsonst trägt die Schule den Zusatz ,Schule mit Courage’“, sagt der Kriminalist gegenüber dem Blatt. News4teachers

Zum Bericht: Immer öfter – Kinder und Jugendliche als Drogenhändler an Schulen

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