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125 Jahre Walter Eucken: Wissenschaftler ist der Erfinder des Wirtschaftswunders

Walter Eucken hat am Schreibtisch das erarbeitet, was Ludwig Erhard später politisch verkörperte: Er schuf mit der Sozialen Marktwirtschaft das Wirtschaftsmodell der Bundesrepublik. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Wirtschaftswunder und sozialer Gerechtigkeit zum Erfolgsmodell. Und gilt bis heute. Am 17. Januar wäre der Freiburger Wirtschaftswissenschaftler 125 Jahre alt geworden. Zum Jubiläum sprach die Bundeskanzlerin. Und Euckens Erben veröffentlichen dessen Nachlass.

Die Jugendstilvilla am Rande der Freiburger Innenstadt ist mit Eucken, der 1891 in Jena in Thüringen geboren wurde und 1950 in London starb, eng verbunden. In der badischen Universitätsstadt wirkte der Ökonom, in dem Haus waren seine Wohn- und Arbeitszimmer. Heute hat das 1954 gegründete Walter Eucken Institut in den Räumen seinen Sitz, zudem wohnt eine Tochter Euckens im Haus.Walter_Eucken2

Walter Eucken (Quelle : Wikimedia/CC BY-SA 3.0/)

Mitten im Krieg schuf Eucken hier die Grundlagen für die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland. Er gründete in den 1930er Jahren die sogenannte Freiburger Schule, die sich dem Ordoliberalismus verpflichtet fühlt: Dieser sieht einen freien Markt vor, für die der Staat einen ordnungspolitischen Rahmen absteckt. Eucken gilt neben dem ebenfalls in Freiburg wirkenden Friedrich August von Hayek (1899-1992) als der bekannteste Vertreter dieser Wirtschaftslehre, die Deutschland heute prägt und nahezu unverändert Bestand hat.

«Ohne Walter Eucken wären der Wiederaufbau Deutschlands nach dem verlorenen Krieg und der wirtschaftliche wie soziale Aufstieg der Bundesrepublik nicht möglich gewesen», sagt Lars Feld. Der 49 Jahre alte Ökonom und «Wirtschaftsweise» ist Leiter des Walter Eucken Instituts. Dieses hat die Stärkung der freien Marktwirtschaft sowie die Debatte um Ordnungs- und Wirtschaftspolitik zum Ziel.

Für Euckens Idee müsse immer wieder neu geworben werden, sagt Feld. Sie propagiert eine Marktwirtschaft ohne Eintrittshürden, die sich innerhalb von Leitplanken bewegt, die der Staat setzt und die für soziale Gerechtigkeit sorgen sollen. Verstaatlichungen von Unternehmen oder Wirtschaftszweigen im großen Stil, staatliche Eingriffe in die Preisbildung oder ausufernde Subventionen sind demnach tabu.

Den Beginn des Eucken-Jubiläumsjahrs setzte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch in Freiburg mit einer wirtschaftspolitischen Grundsatzrede. Sie nannte Eucken einen «Glücksfall der Geschichte». Zudem haben Wissenschaftler aus Freiburg und Jena von der Familie den aus Schriften, Aufzeichnungen und Tagebüchern bestehenden Nachlass Euckens erhalten und mit der Aufarbeitung begonnen. In 15 Bänden soll er im Laufe der Jahre veröffentlicht werden, erzählt Uwe Dathe, Philosoph an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der daran federführend arbeitet. Die NS-Zeit spielt dabei eine zentrale Rolle.

«Die Veröffentlichung des Nachlasses ist ein wichtiger Schritt, weil er letzte Zweifel ausräumt, welche Rolle Eucken im Nationalsozialismus hatte», sagt Institutschef Feld. Als Anhänger des NS-Regimes galt Eucken zwar nie. Doch durch den Nachlass wird nach Ansicht von Feld und Dathe deutlich, dass der Wissenschaftler ein erklärter Gegner Adolf Hitlers war. An der Freiburger Universität galt er demnach als Gegenspieler des dort lehrenden Philosophen Martin Heidegger (1889-1976), der mit Hitlers Machtergreifung Uni-Rektor und NSDAP-Mitglied wurde, 1934 vom Amt des Rektors aber zurücktrat und durch einen NS-Funktionär ersetzt wurde.

«Auch wirtschaftspolitisch engagierte sich Eucken in den sogenannten Freiburger Kreisen für einen Bruch mit dem Nationalsozialismus», sagt Feld: «Sein Konzept war explizit für eine Wirtschaftsordnung nach dem verlorenen Krieg gedacht.» Die Lenkung der Wirtschaft durch den Nationalsozialismus war dem freiheitlich denkenden Eucken ein Gräuel.

Bundespräsident Joachim Gauck hat Eucken fast auf den Tag genau vor zwei Jahren gewürdigt, als das Institut 60 Jahre alt wurde. «Hier in Freiburg haben unabhängige Geister, in Zeiten totalitärer Herrschaft, eine Ordnung der Freiheit entworfen», sagte Gauck damals: Eucken habe Deutsche durch seine Wirtschafts- und Sozialordnung mit Marktwirtschaft und Wettbewerb befreundet, der Bundesrepublik Freiheit und Wohlstand gebracht und so das Land erneuert.

Doch vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werde Euckens Lehre bedroht, warnt Ökonom Feld: «Von den einen, die einen zügellosen Markt mit maximalem Profit wollen, und anderen, die auf den Staat als aktiven Teil der Wirtschaft setzen.» Beides gehe nicht, es brauche stets einen Ausgleich: «Das hat als einer der ersten Ludwig Erhard erkannt.» Der CDU-Politiker (1897-1977) folgte in den 1950er und 1960er Jahren als Bundeswirtschaftsminister Euckens Lehre. Und gilt so in der Öffentlichkeit als Vater der Sozialen Marktwirtschaft und des deutschen Wirtschaftswunders. (Jürgen Ruf, dpa)

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