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Jeder siebte Schüler geht zur Nachhilfe – Eltern machen (Leistungs-)Druck

GÜTERSLOH. Mehr als eine Million Schüler in Deutschland nimmt Nachhilfeunterricht – die meisten von ihnen in Mathe oder Fremdsprachen. Die Deutschen geben dafür einer Studie zufolge pro Jahr fast 879 Millionen Euro aus. VBE-Chef Udo Beckmann hält das für untragbar – und fordert bildungspolitische Maßnahmen, um den Markt auszutrocknen.

Viele Schüler in Deutsschland leiden unter Leistungsdruck - sie werden von ihren Eltern zur Nachhilfe geschickt, obwohl's gar nicht nötig erscheint. Foto: Greg Westfall / Flickr (CC BY 2.0)

Viele Schüler in Deutsschland leiden unter Leistungsdruck – sie werden von ihren Eltern zur Nachhilfe geschickt, obwohl’s gar nicht nötig erscheint. Foto: Greg Westfall / Flickr (CC BY 2.0)

Jeder siebte Schüler im Alter von 6 bis 16 Jahren nimmt einer Elternbefragung zufolge Nachhilfeunterricht. Das sind bundesweit 1,2 Millionen Schüler. Rund ein Drittel von ihnen setzt dabei auf zusätzliche Förderung, um befriedigende bis gute Leistungen zu verbessern, wie aus einer repräsentativen Bertelsmann-Studie hervorging, die am Mittwoch in Gütersloh veröffentlicht wurde.

«Wir sehen den deutlichen Trend, dass es nicht mehr nur darum geht, schulisches Scheitern abzuwenden», sagt Bildungsforscher und Studienautor Klaus Klemm auf Anfrage. Vielen Eltern gehe es offenbar darum, mit besseren Noten einerseits den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium leichter zu ermöglichen oder später mit guten Notendurchschnitten die Chancen auf Ausbildungsplatz und freie Studienfachwahl zu verbessern.

61 Prozent der Nachhilfeschüler setzen auf Förderung im Fach Mathematik, gefolgt von Fremdsprachen (46 Prozent) und Deutsch (31 Prozent). Besonders ausgeprägt ist der Nachhilfebedarf der Studie zufolge an weiterführenden Schulen, am häufigsten auf dem Gymnasium: Fast jeder fünfte Gymnasiast (18,7 Prozent) nutzt Nachhilfe.

Obwohl deutsche Schüler damit im internationalen Vergleich vergleichsweise wenig auf Zusatzunterricht angewiesen scheinen, sieht die Stiftung den Befund kritisch: «Wenn schulischer Erfolg von privat finanziertem Unterricht abhängt, ist das ein Einfallstor für Ungleichheit bei den Bildungs- und Aufstiegschancen», warnte Klemm. Er geht davon aus, dass unter größer werdendem Leistungsdruck der Bedarf nach Nachhilfe künftig eher zunehmen wird. «Es wird immer wichtiger werden, gute Noten und Abschlüsse vorzuweisen, um den Anschluss zu behalten», sagte Klemm.

Hier sehen die Experten vor allem das staatliche Bildungssystem am Zug: Viele Schulen seien noch nicht ausreichend auf die Vielfalt in ihren Klassenzimmern eingestellt, heißt es in der Studie. Dabei sei es eine Kernaufgabe der Schulen, die Potenziale von Jugendlichen so zu fördern, dass private Nachhilfe nicht mehr nötig sei, ergänzte Klemm.

Im Schnitt lassen sich die Familien den Zusatzunterricht monatlich 87 Euro kosten. Damit geben die Deutschen pro Jahr fast 879 Millionen Euro für Nachhilfe aus. Wie die Studie weiter zeigt, haben Einkommensunterschiede einen leichten Effekt auf die Entscheidung, Kinder zur Nachhilfe zu schicken: Schüler aus Familien mit einem Haushaltseinkommen über 3000 Euro nutzen die Angebote häufiger als Elternhäuser mit weniger Geld (15 Prozent zu rund 12 Prozent).
Allerdings können zahlreiche Familien auf gänzlich kostenlose Angebote zurückgreifen, wie die Elternbefragung zeigt: 26 Prozent der Nachhilfeschüler müssen nichts zahlen. Besonders groß ist der Anteil von Schülern, die kostenlose Angebote nutzen, an Ganztagsschulen. Die Forscher schließen daraus, dass Eltern auch dortige Fördermaßnahmen als Nachhilfe verstehen. Für entsprechend sinnvoll hält die Bertelsmann-Stiftung daher den Ausbau von Ganztagsschulen.

„Obwohl im Vergleich zur letzten Studie weniger private Nachhilfe in Anspruch genommen wird, ist das keine beruhigende Nachricht“, so kommentiert VBE-Vorsitzender Udo Beckmann die Studie. Es bestätige sich erneut, dass Eltern viel Wert auf die individuelle Förderung ihrer Kinder in der Schule legen. „Es gibt noch viel zu tun, um das Vertrauen der Eltern in die öffentlichen Schulen zu stärken“, betont Beckmann. „Ins Aufgabenheft der Kultusminister gehören obenan die Sicherung der schulischen Rahmenbedingungen, damit jedes Kind individuelle Förderung erhalten kann, und die Gewährleistung einer Lehreraus- und -weiterbildung, die das Unterrichten in heterogenen Lerngruppen sowie das individuelle Fördern als Schwerpunkte setzt.“

Beckmann weiter: „Der Ausbau von Ganztagsschulen in den Ländern, auch das belegt die Studie, erweist sich als wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Der VBE sieht sich bestätigt, dass das Ganztagsschulprogramm von Bund und Ländern dringend einer Fortsetzung bedarf. Auf keinen Fall dürfen Ganztagsschulen in den Sparmodus getrieben werden.“ Zufrieden könne man erst sein, wenn der private Nachhilfemarkt zum Erliegen komme, so Beckmann. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Bundesweit fehlen 30.000 Lehrer – Allen Ernstes: Nachhilfeschulen wollen einspringen

2 Kommentare

  1. – Wer in mehr als einem Fach Nachhilfe aufgrund drohender mangelhafter Noten braucht, ist an der Schulform falsch aufgehoben.
    – Die Eltern / Wirtschaft / allgemeine Entwicklung hat aber dazu geführt, dass alles unter Abitur auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt so gut wie keine Chance mehr hat.
    – Der Anteil Nachhilfe wäre noch viel höher, wenn man das fachliche Niveau der 1970er Jahre an allen Schulformen wieder einführen würde.
    – Die finanziell schlecht gestellten Eltern bleiben mit ihren Kindern auf der Strecke, weil sie die Nachhilfe nicht bezahlen können. Das Bildungsteilhabepaket ist dabei nicht mehr als ein sehr kleiner Tropfen auf einem sehr heißen Stein.

  2. Die Studie besagt aber auch, dass ein Drittel der Eltern nichts für die Nachhilfe bezahlt. Diese Eltern zählen schulischen Förderunterricht auch zur Nachhilfe – nicht nur an Ganztagsschulen. 34 % der Kinder mit Nachhilfe in Mathe haben Noten zwischen 1 und 3.

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