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Mobbingstudie: Nicht alle Lehrer erkennen die Gewalt im Klassenzimmer gleichermaßen

MAGDEBURG/POTSDAM. Wie breit ist ihr Gewaltverständnis? Sehen sie schon Hänseleien und Ausgrenzung als Gewalt an, oder beginnt Gewalt erst da, wo es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt? Die Antworten auf diese Fragen haben direkten Einfluss darauf, ob ein Lehrer Mobbingfälle und die daran Beteiligten zuverlässig erkennt. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler aus Magdeburg und Potsdam, die über zwei Jahre an sächsische Schulen geforscht haben. Auch der in der Schule naturgemäß leistungszentrierte Blick auf die Schüler verstellt teilweise den Blick auf Mobbingfälle. Die positive Nachricht: Das Ausmaß der Gewalt ist zurückgegangen.

Lehrkräfte sind über Mobbingfälle in ihren Klassen nur unzureichend informiert und können die beteiligten Schüler nicht zuverlässig identifizieren. Wenn Sie jedoch von Mobbing-Vorfällen erfahren und für Mobbing sensibilisiert sind, greift die Mehrzahl der Lehrkräfte ein und versucht die Gewalt zu beenden. Erfreulich ist, dass – entgegen der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit – das Ausmaß der Gewalt an deutschen Schulen in den letzten zwei Jahrzehnten zurückgegangen ist.

Nicht immer kommt die Gewalt so eindeutig daher, wie auf diesem Gemälde (von Giulio del Torre, 1927). Dorotheum GmbH / Wikimedia Commons

Nicht immer kommt die Gewalt so eindeutig daher, wie auf diesem Gemälde (von Giulio del Torre, 1927). Dorotheum GmbH / Wikimedia Commons

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie, die in Kooperation zwischen der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Universität Potsdam durchgeführt wurde. Der Magdeburger Psychologe Dr. Ludwig Bilz und der Potsdamer Bildungsforscher Prof. Dr. Wilfried Schubarth haben hierfür mit ihren Teams über 2.000 Schüler und 550 Lehrkräfte in Sachsen befragt und legen jetzt erste Ergebnisse vor. Im Zentrum stand die Frage, wie Lehrkräfte in Mobbing-Situationen konkret reagieren, welche Auswirkungen ihr Handeln hat und wie ihre Interventionskompetenz gefördert werden kann.

Im Einzelnen zeigen die Ergebnisse, dass Lehrkräfte vor allem dann intervenieren, wenn ihr Verständnis von Gewalt breit ist, sie also z. B. auch soziale Ausgrenzung und Hänseleien als Gewalt ansehen. Lehrkräfte, deren Gewaltverständnis enger ist und sich z. B. auf körperliche Gewalt beschränkt, nehmen andere Gewaltformen seltener wahr und greifen auch seltener bei Mobbing ein. Die Daten zeigen, dass dies auch Spuren bei den Schülern hinterlässt: In den Klassen von Lehrkräften mit einem breiten Gewaltverständnis gibt es deutlich mehr Mädchen und Jungen, die in eine Mobbing-Situation eingreifen würden.

Fragt man Lehrer konkret, welche Schüler in ihren Klassen Täter oder Opfer sind, fällt ihnen die Identifikation der Beteiligten schwer und zwar für beide Gruppen gleichermaßen. Dass es Ihnen aber bei den besonders leistungsstarken und den besonders leistungsschwachen Schülern etwas besser gelingt, zeigt dass die Lehrer möglicherweise zu häufig mit der „Leistungsbrille“ auf ihre Schüler blicken.

Zum Teil benutzen die Wissenschaftler gleiche Erhebungsinstrumente und Stichprobendesigns, wie bei einer Studie aus dem Jahr 1996. Entgegen der verbreiteten Annahme einer ständigen Gewaltzunahme an Schulen zeigt sich, dass im Jahr 2014 im Vergleich zu 1996 Schüler über weniger Gewalt an Schulen berichten. Dies betrifft sowohl die Gewalt unter Schülern als auch die Gewalt von Schülern gegen Lehrkräfte. Erfreulicherweise hat in dieser Zeitspanne auch die Interventionsbereitschaft der Lehrer und Schüler zugenommen. Im Unterschied zum abnehmenden Trend bei der körperlichen Gewalt deuten einige Befunde jedoch darauf hin, dass psychische Gewaltphänomene eher zugenommen haben und weiterhin Handlungsbedarf besteht.

Aus den Untersuchungsergebnissen leiten die Forscher auch Folgerungen für die Lehrerbildung ab. So sei Lehrkräften zu empfehlen, nicht nur körperliche, sondern auch psychische Gewalt verstärkt in den Blick zu nehmen. Außerdem sollten Schüler und Schülerinnen in ihrer Gesamtpersönlichkeit und nicht nur als „Leistungsträger“ gesehen werden, was die Wahrnehmung für deren Sozialverhalten schärft. Schließlich sei Schulen anzuraten, an einem gemeinsamen Verständnis von Gewalt zu arbeiten, was als Grundlage für eine abgestimmte Strategie gegen Gewalt und Mobbing dienen kann. (pm)

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