Startseite ::: Praxis ::: Regensburger Domspatzen: Misshandlungen und Missbrauch an jedem 3. Schüler – über Jahrzehnte

Regensburger Domspatzen: Misshandlungen und Missbrauch an jedem 3. Schüler – über Jahrzehnte

REGENSBURG. Bei den Regensburger Domspatzen hat es wesentlich mehr Misshandlungsfälle gegeben als bisher angenommen. Von 1953 bis 1992 seien mindestens 231 Kinder von Priestern und Lehrern des Bistums misshandelt worden, sagte der von Bistum und Chor mit der Klärung des Skandals beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber in einem Zwischenbericht – vermutlich jeder dritte Schüler. Zudem seien 50 Kinder auch Opfer sexueller Gewalt geworden. „Die sexuellen Übergriffe reichten von Streicheln bis zu Vergewaltigungen“, betonte der Rechtsanwalt.

Eine über 1000-jährige Geschichte: die Regensburger Domspatzen 2011. Foto: Michael Vogl / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Eine über 1000-jährige Geschichte: die Regensburger Domspatzen 2011. Foto: Michael Vogl / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Weber hat seit Mai 2015 mit Dutzenden Opfern, Verantwortlichen und dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums gesprochen. Zudem hatte er Einblick in die Geheimarchive, Personalakten des Bistums sowie die persönlichen Notizen des Generalvikars.

Weber geht davon aus, dass die Dunkelziffer der misshandelten Kinder noch deutlich höher liegt. Er rechnet damit, dass etwa jeder dritte der rund 2100 Vorschüler zwischen 1953 bis 1992 unter körperlicher Gewalt litt – also rund 700. Die Betroffenen hätten von Prügeln, blutigen Schlägen mit Rohrstock, Schlüsselbund oder Siegelringen berichtet. „Bettnässern wurde die Flüssigkeitsaufnahme verweigert“, erläuterte Weber.

Wie perfide Priester und Lehrer auch die Kinder selbst in ihr System aus Prügel und Schweigen eingebunden häben, schildert Weber laut „Süddeutscher Zeitung“ an einem Vorfall aus den 60er-Jahren. Damals sei ein Internatsschüler „erheblich verletzt worden“, worauf dessen Mutter Anzeige gegen einen Kirchenverantwortlichen erstattete. Weil Mitschüler aber „gedrängt wurden, über einen Treppensturz zu berichten“, konnten die Prügel nicht bewiesen und nicht bestraft werden. Am Ende verließ nicht der Täter das Internat, sondern das Opfer.

Die Übergriffe waren offenbar über Jahrzehnte intern bekannt, führten nach Angaben von Weber aber nicht zu personellen Konsequenzen oder strukturellen Veränderungen. Der Missbrauch habe überall stattgefunden: in der Domspatzen-Vorschule in Pielenhofen und Etterzhausen, aber auch im Musikgymnasium, im Internat und im Chor in Regensburg.

Auch der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI., Georg Ratzinger, der den Chor von 1964 bis 1994 geleitet hatte, dürfte laut Weber von den Vorgängen gewusst haben. „Davon muss ich nach meinen Recherchen ausgehen“, betonte Weber. Ratzinger selbst bestritt, von den Missbrauchsfällen im Chor gewusst zu haben. „Von sexuellen Missbräuchen habe ich überhaupt nichts gehört in meiner Zeit. Mir ist nicht bekannt geworden, dass sich damals ein sexueller Missbrauch ereignet hätte“, sagte der 91-Jährige der „Passauer Neuen Presse“.

Im vergangenen Februar hatte das Bistum Regensburg noch mitgeteilt, dass Berichte von 72 früheren Mitgliedern des weltberühmten Chors aus den Jahren 1953 bis 1992 vorlägen. Bischof Rudolf Voderholzer hatte mitgeteilt, die Straftaten anzuerkennen und den Opfern ein Schmerzensgeld in Höhe von jeweils 2500 Euro zu zahlen. Weber betonte, dass die jetzige Zusammenarbeit mit dem Bistum konstruktiv und zielführend sei. Wann er einen Abschlussbericht vorlegen kann, sei noch unklar.

Die Regensburger Domspatzen sind Deutschlands ältester Knabenchor und einer der berühmtesten Chöre der Welt. Die reisefreudigen Singknaben der Kathedrale zu St. Peter feierten 1976 ihr 1000-jähriges Bestehen. Die Knaben und jungen Männer haben schon vor Papst Benedikt XVI. gesungen. Seit 1994 leitet der Nicht-Geistliche Roland Büchner den Chor. Das renommierte Internat am Ostrand der Altstadt von Regensburg besuchen derzeit etwa 170 Jungen, viele werden in der Tagesschule vom Unterrichtsende bis zum Abendessen betreut. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Missbrauch bei den „Regensburger Domspatzen“ – Ehemalige Schüler erheben neue Vorwürfe

3 Kommentare

  1. Eine Sammelbezeichnung wie „Misshandlungen und Missbrauch“ macht es schwer, aus den Zahlen irgendetwas Sinnvolles abzulesen. Misshandlung, das könnte die Ohrfeige sein, die unseren Vätern noch selbstverständlich erschien, aber auch der zertrümmerte Brustkasten. „Von Streicheln bis zu Vergewaltigungen“ ist auch ein weiter Bogen gespannt. Was war denn nun wirklich los?

  2. Steht doch in dem Artikel: Die Betroffenen hätten von Prügeln, blutigen Schlägen mit Rohrstock, Schlüsselbund oder Siegelringen berichtet. Bettnässern wurde die Flüssigkeitsaufnahme verweigert. Dazu kam sexueller Missbrauch – bis hin zu Vergewaltigung. Und vertuscht wurde auch alles. Reicht das noch nicht?

    • Angelika Oetken

      Auf der Homepage von „Regensburg-Digital“ gibt es zahlreiche Berichte. Auch der Bayerische Rundfunk und viele regionale Tageszeitungen berichten seit Jahren intensiv über die systematische Misshandlung und sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen an Einrichtungen der Regensburger Domspatzen.

      Was das „Streicheln“ betrifft. Da verhält es sich wie mit körperlichen Misshandlungen, wie zum Beispiel Ohrfeigen und Prügel. Kinder nehmen sehr wohl war, ob ein Erwachsener sie streichelt, weil er sie mag, ob er aus einer Überforderung heraus überreagiert und zuschlägt. Oder ob der Erwachsene das tut, um sich sexuell zu erregen und zu befriedigen. So etwas empfinden Kinder als ekelhaft. Erst recht, wenn sie in Internaten eingesperrt sind und Eltern haben, die in Folge unaufgearbeiteter eigener Traumatisierungen unfähig sind ihnen beizustehen und für Sicherheit zu sorgen.

      Die Regensburger Domspatzen sind eine dieser typischen Einrichtungen, mit denen eine Gesellschaft komplexe Selbsttäuschungen betrieben hat, indem sie Kinder und Jugendliche opferte. Und auch die von geschmacklosen Sentimentalitäten umrankten Darbietungen dieses Kinderchores und der für ihn Verantwortlichen sagen eigentlich schon alles.

      Schon allein die aufgerissenen Münder der Jungen und die Kleriker, die breitbeinig in der ersten Stuhlreihe davor sitzen und die Sänger unverholen mit süffisanter Miene anstarren…. Einfach ekelhaft. Unglaublich, dass die Öffentlichkeit erst so spät reagiert hat.

      Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*