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Studie: Erfahrung beeinflusst die Notengebung – die Gesellschaft auch

ZÜRICH. Erfahrene Lehrer benoten Mädchen im Physikunterricht fairer als ihre jungen Kollegen. Das zeigt eine Länderübergreifende Schweizer Studie. Die Ergebnisse aus Deutschland verweisen dabei zugleich auf den Einfluss gesellschaftspolitischer Fördermaßnahmen auf die Notengebung.

Mädchen sollen sich stärker den naturwissenschaftlichen Fächern zuwenden. Ungezählte Fördermaßnahmen und -programme widmen sich seit Jahren diesem gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Ziel. Zugleich stellen zahlreiche wissenschaftliche Studien den naturwissenschaftlichen Unterricht auf den Prüfstand und versuchen Wege zu beleuchten, wie dieser für Mädchen attraktiver gemacht werden kann.

lernendes-Maedchen - „Wenn man schon als Mädchen in der Schule das Gefühl kriegt, dass man in den Naturwissenschaften nicht gerecht benotet wird, dann verliert man eher das Interesse daran“, so Professorin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Foto: Pedro Ribeiro Simões / flickr (CC BY 2.0)

„Wenn man schon als Mädchen in der Schule das Gefühl kriegt, dass man in den Naturwissenschaften nicht gerecht benotet wird, dann verliert man eher das Interesse daran“, so Professorin Elsbeth Stern von der ETH Zürich. Foto: Pedro Ribeiro Simões / flickr (CC BY 2.0)

Auf die Notengebung um Physikunterricht zielte etwa eine länderübergreifende Studie der Zürcher Wissenschaftlerin Sarah Hofer. Lehrer mit längerer Berufserfahrung bewerten die Leistungen von Mädchen im Physikunterricht demnach fairer als ihre jungen Kollegen. Speziell die Ergebnisse aus Deutschland legen dabei aber auch nah, dass gesellschaftliche Fördermaßnahmen die Leistungsbewertung durch die Kolleginnen und Kollegen beeinflussen.

Hofer bat Physiklehrerinnen und Physiklehrer der Sekundarschule, in einem Online-Test eine Prüfungsantwort zu benoten. Sie legte den 780 Teilnehmenden aus der Schweiz, Deutschland und Österreich dieselbe Frage aus dem Bereich der klassischen Mechanik und die genau gleich formulierte – nur zum Teil korrekte – fiktive Schülerantwort vor. Die ETH-Wissenschaftlerin variierte im Versuch jedoch eine kurze einleitende schriftliche Erklärung: Die eine Hälfte der Versuchsteilnehmenden ging daher davon aus, dass sie die Antwort «einer Schülerin» zu benoten hätten, die andere Hälfte die «eines Schülers». Über die Absicht ihrer Studie liess Hofer die Teilnehmenden im Dunkeln. Sie gab vor, es gehe um einen Quervergleich von zwei verschieden Methoden zum Korrigieren von Prüfungen.

Die Teilnehmenden benoteten die Physikaufgabe unterschiedlich. Bei Lehrerinnen und Lehrern, die seit mindestens zehn Jahren unterrichteten, hat das Geschlecht der Schüler keinen Einfluss auf die Benotung. Lehrerinnen und Lehrern in der Schweiz und Österreich, die seit weniger als zehn Jahren unterrichteten, benoten Mädchen signifikant schlechter als Knaben. Bei Lehrerinnen und Lehrern mit fünf und weniger Jahren Berufserfahrung macht die Benachteiligung von Mädchen im Schnitt 0,7 Noten (Schweiz) beziehungsweise 0,9 Noten (Österreich) aus.

Eigenartig sind die Ergebnisse der Studie für deutsche Sekundarlehrerinnen und -lehrer mit weniger als zehn Jahren Berufserfahrung: Die Lehrer benoten Schülerinnen und Schüler gleich, die Lehrerinnen hingegen verhalten sich wie ihre Schweizer und österreichischen Kolleginnen und Kollegen. Sie benoteten die „Schülerinnen“ schlechter. Bei deutschen Lehrerinnen mit fünf und weniger Jahren Erfahrung beträgt der Unterschied im Schnitt 0,9 Noten. Erklären können Hofer und Elsbeth Stern, Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung, diesen speziellen Umstand anhand der erhobenen Daten nicht. Dass die deutschen (männlichen) Lehrer wegen Förderprogrammen für Mädchen in den MINT-Fächern (Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik, Technik) speziell sensibilisiert seien als ihre Kollegen in den anderen untersuchten Ländern, könnte eine mögliche Erklärung sein. Allerdings gibt Hofer zu bedenken, dass es in allen drei Ländern solche Programme gebe.

Schon frühere Studien, meist auf das Fach Mathematik bezogen, hätten Hinweise darauf, gegeben, dass Mädchen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern für die gleiche Benotung mehr leisten müssen. «Lehrer mit wenig Berufserfahrung lassen sich bei der Benotung womöglich mehr vom Vorurteil leiten, Mädchen seien in Physik schlechter als Knaben», so Hofer.

Es sei bekannt, dass Vorurteile oder Stereotypen dann einen Einfluss auf eine Bewertung hätten, wenn dem Bewertenden nicht genügend Informationen zur Verfügung stünden oder er stark beansprucht oder gar überfordert ist. Hofer: «Lehrerinnen und Lehrer mit wenig Erfahrung lassen sich offenbar stärker von Kontextinformationen wie dem Geschlecht beeinflussen.»

Die schlechtere Benotung von Mädchen, die in dieser Studie aufgezeigt wurde, ist für ETH-Professorin Stern Teil eines grundsätzlichen Problems: «Mädchen und Frauen können sich nicht darauf verlassen, dass sie für ihre Anstrengung belohnt werden.» Mal würden sie zu gut benotet, mal zu schlecht. Ihre Noten wiederspiegelten weniger gut als bei Knaben und Männern die tatsächliche Leistung. Das mache für sie die Orientierung schwierig. Naturwissenschaftlich begabte Frauen würden sich daher zu oft anderen Fächern zuwenden, in denen sie stärker gefördert würden.

«Noten sind das Feedback, das Schülerinnen und Schüler für Ihre Leistung bekommen, und sie wirken sich stark auf ihr Selbstverständnis, ihre Motivation und ihre Anstrengungsbereitschaft aus», sagt Hofer. «Lehrerinnen und Lehrer sollen Noten daher sehr ernst nehmen», so Stern. In der Lehrerausbildung solle man der Notengebung deshalb eine noch größere Beachtung schenken.

Ganz grundsätzlich sollen Stereotypen kritisch hinterfragt werden, gerade aber auch in der Schule, sagt Hofer. Bei der Korrektur von Prüfungsfragen könne eine strukturiertere Herangehensweise mit klaren Kriterien Lehrern helfen, objektiv zu bewerten und Stereotypen auszublenden. Hilfreich sei auch, wenn Lehrer beim Korrigieren den Schülernamen abdeckten. (zab, pm)

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3 Kommentare

  1. „Hilfreich sei auch, wenn Lehrer beim Korrigieren den Schülernamen abdeckten.“ Das ist doch wohl Satire, nicht wahr?

  2. das angeprangerte kann mit einem vernünftigen Erwartungshorizont inkl. Punkteverteilung nicht passieren.

    ich gebe allerdings zu, mitunter den klassenbesten (m/w) zuerst zu korrigieren, um den tatsächlichen Schwierigkeitsgrad zu prüfen.

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