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Studie zur freien Grundschulwahl – „gleich und gleich gesellt sich gern“

ESSEN. In NRW können Eltern ihre Kinder seit 2008 auf eine Grundschule ihrer Wahl schicken. Die Folge: In Ballungsräumen bleiben die Kinder der einzelnen Schichten immer mehr unter sich, stellt die Bertelsmann Stiftung fest.

Nicht immer gefällt die nächstgelegene Grundschule den Eltern von Vorschulkindern. In Nordrhein-Westfalen schaffte die CDU/FDP-Regierung daher zum Schuljahr 2008/09 die Schulbezirke ab und ermöglichte die freie Wahl. Getto-Bildung einerseits und Entstehung von Elitegrundschulen andererseits befürchteten damals Kritiker. Schon zwei Jahre später hatten sich die Wogen geglättet: Die meisten Kinder in Nordrhein-Westfalen besuchen nach wie vor eine wohnortnahe Grundschule, berichteten Vertreter der kommunalen Spitzenverbände im November 2010 im Landtag. Ein Ansturm auf bestimmte Schulen hatte es nicht gegeben.

Auswirkungen hat die Wahlfreiheit gleichwohl, wie jetzt – knapp acht Jahre nach der Gesetzesänderung – eine Studie der Bertelsmann Stiftung feststellt. «Gleich und gleich gesellt sich gern» ist sie überschrieben. Untersucht wurde das Wahlverhalten von Eltern in Mülheim an der Ruhr über einen Zeitraum von vier Jahren: 2008 bis 2011. Knapp 4000 Kinder wurden in diesen Jahren eingeschult.

Die Dortmunder Grundschule Kleine Kielstraße wurde 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Foto: Björn Hänssler, Deutscher Schulpreis

Die Dortmunder Grundschule Kleine Kielstraße liegt in einem sozial schwierigen Stadtteil – und wurde 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Foto: Björn Hänssler, Deutscher Schulpreis

Besuchten vor der Freigabe unter anderem durch Ausnahmegenehmigungen etwa 10 Prozent der Kinder eine andere als die zuständige Grundschule, hat sich der Anteil seit 2011 bei gut 25 Prozent eingependelt – mit zuletzt leicht steigender Tendenz. Studienautor Thomas Groos stellt nun fest, dass die freie Wahl zu einer Zunahme der sozialen und ethnischen Trennung geführt habe. Mit anderen Worten: Sozial benachteiligte Kinder bleiben durch die freie Wahl noch stärker unter sich.

Eltern mit niedriger Bildung wählten vor allem nahe gelegene Schulen. «Kinder mit Migrationshintergrund besuchen eher die ehemals zuständigen Gemeinschaftsgrundschulen als Nichtmigranten. Dies gilt vor allem dann, wenn der zu erwartende Migrantenanteil an der ehemals zuständigen Gemeinschaftsgrundschule hoch ist.» Sozial privilegierte Eltern wählten insgesamt nicht so häufig eine nicht zuständige Grundschule wie Eltern mit mittlerem Sozialstatus. Sie wohnten in Quartieren, in denen die ehemals zuständigen Grundschulen in der Regel «sozial privilegierte Grundschulen» sind. Auch führe die freie Grundschulwahl an einigen Schulen zu einem massiven Schülerschwund.

Groos schlägt die Einführung eines sogenannten Sozialindex vor. Der soll die soziale Struktur der Schulen transparent machen. Benachteiligte Schulen in sozialen Brennpunkten könnten dann besser ausgestattet werden etwa mit mehr Lehrern. Damit könnten diese Schulen so gut werden, «dass ihre Qualität auch bildungsaffine Eltern überzeugt».

Andere Städte haben nach eigenen Angaben keinen so starken Anstieg wie den in Mülheim registriert. «In den ersten Jahren nach Umsetzung der neuen Regelungen konnte festgestellt werden, dass nur wenige Eltern von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, ihr Kind außerhalb der früheren Schulbezirksgrenzen anzumelden», sagt Dagmar Wandt, Leiterin des Schulverwaltungsamtes in Düsseldorf. Auch in Essen habe sich im Großen und Ganzen nicht viel verändert, sagt Regine Möllenbeck, Amtsleiterin des Fachbereichs Schule in Essen. Die Stadt sei auch schon vor der Änderung recht großzügig bei der Schulwahl gewesen. Durch die Änderung sei «kein großer Schultourismus» ausgelöst worden.

Die Leiterin der zweizügigen Ardeyschule im Essener Süden, Anke Seifert, kann ebenfalls keine große Änderung feststellen. «Jedes Jahr gibt es ein bis fünf Kinder, die aus nördlichen Stadtteilen kommen, wo die Eltern sagen, dass sie nicht möchten, dass ihr Kind dort zur Schule geht. Die meisten Eltern wollen aber, dass ihr Kind dort zur Schule geht, wo es auch wohnt.»

Die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) begrüßt, dass die meisten Eltern nun zufriedener sind. «Grundschulen nutzen überdies immer mehr die Möglichkeit, sich über Profile gegenseitig abzuheben», sagt der VBE-Landesvorsitzende NRW, Udo Beckmann. Trotzdem halte sich die Konkurrenz unter den Schulen in den meisten Regionen in Grenzen. Der größte Teil der Eltern wähle für ihre Kinder immer noch die Schule mit der geringsten Entfernung. Negativ sei, dass Eltern ohne Migrationshintergrund häufig lieber die Schulen mit weniger Migranten wählten. «Schulen, die von vielen Kindern mit Migrationshintergrund besucht werden, haben es immer schwerer, eine Mischung zwischen deutschstämmigen Kindern und Migrantenkindern herzustellen.» Helge Toben

9 Kommentare

  1. Überraschung: Eltern wählen tendenziell die geographisch am nächsten liegende Grundschule !! Viel mehr gibt die Studie für mich nicht her. Das wusste die Bertelsmann-Stiftung natürlich auch schon vorher, muss aber das viele Geld der Auftraggeber in irgendwelche Excel-Tabellen verwandeln, um es nicht zurückzahlen zu müssen.

    Da mit dem Bildungsstand der Eltern auch die Kinderzahl abnimmt (Akademikerinnen sind häufig schon über 30 beim ersten Kind), müssen bei diesem Sozialindex finanziell schwächer gestellte Kinder tendenziell häufiger durch die Stadt gekarrt werden als umgekehrt. Der Artikel suggeriert aber eher, dass die Kinder reicher Eltern in die sozialen Brennpunkte gekarrt werden müssen. Ob die finanziell schwächer gestellter Kinder insgesamt davon mehr profitieren als die finanziell stärker gestellten Kinder davon (möglicherweise) benachteiligt werden, mögen andere Studien klären.

    Gleich und gleich gesellt sich übrigens auch in Partnerschaften gern und geben diese genetischen Grundlagen an ihre Nachkommen weiter. Bei deutlichen Unterschieden haben Frauen deutlich bessere Aufstiegschancen als Männer. Die Gleichberechtigung gibt es beim Begriff „Hochschlafen“ aktuell noch nicht (vollkommen unabhängig davon, dass ich von hochschlafen rein garnichts halte).

    • Doch das tut sie. Sie zeigt auf, dass in den größeren Städten es ohnehin zu einer Entmischung der der bevölkerung nach Bildungsstand und Einkommen gibt. Schön zu sehen sowohl an dem Mühlheimer als auch an dem Essener Beispiel.

      Der Süden der Ruhrgebietsstädte entlang der B1 (A40) wird ohnehin von priviligierteren Bevölkerungskreisen besiedelt. Deren Kinder besuchen Grundschulen in der Nachbarschaft. Warum sollten die auch in den Essener Norden, etwa nach Katernberg oder Altenessen oder Karnap.

      Spannend ist die Situation z.B. in Duisburg, wo der gesamte Mittelstand mit türkischen Wurzeln die angestammten Stadtteile verlässt und sich Richtung Süden umorientiert. Für diese Eltern ist es dann auch kein Problem ihr Kind an der nächsten konfessionellen Grundschule anzumelden.

      Was die Studie verschweigt ist, dass gerade in den Mittelstädten es zu einem deutlich stärkeren Trend zur Entmischung kommt und Eltern ganz dringend auf dem Besuch der nächstgelegenen konfessionsgebundenen Grundschule für ihr Kind bestehen. In einigen Städten hat es sogar Anträge auf die errichtung neuer konfessionsgebundener Grundschulen gegeben. Die B.-Stiftung hätte nur nicht auf das „Ruhrgebiiet“ schielen müssen, sondern sich ihr näheres Umfeld in Ostwestfalen-Lippe ansehen müssen.

      Schultechnisch betrachtet ist das Ruhrgebiet nämlich kein zusammenhängendes Gebiet. Alles Nordwestlich von Essen gehört zum Regierungsbezirk D’Dorf, alles nordöstlich von Gelsenkirchen zum Regierungsbezirk Münster und alles andere südöstlich von Bochun zum Regierungsbezirk Arnsberg. Da die Regierungspräsidenten traditionell nicht aus den gleichen Parteienlagern kommen, verstehen die Weisungen aus D’dorfs Ministerien und der Staatskanzlei grundsätzlich vollkommen anders …

      Des Weiteren ist die Umkehr der von XXX angestellten Betrachtung ja das nicht genannte Ziel der B.-Siftung. Entweder die Schülerszusammensetzung einer GS spiegelt die gesamten sozioökonomischen Verhältnisse der ganzen Stadt paritätisch wider oder es gibt Sozialpunkte. Schulen im Brennpunkt bekommen dann wegen des geringen Sozialindexes mehrStellen zugewiesen. Es gibt ja nicht umsonst in NRW die Unterscheidung der Schulen in fünf Standorttypen, die die sozioökonomischen Verhältnisse der Schulnachbarschaft widerspiegeln. Standorttyp 1 ist z.B. Köln-Hahnwald oder Essen-Stadtwald, während Standorttyp 5 eben Köln-Chorweiler oder Essen-Katernberg ist.

      Spannend ist also, was die Studie entweder nicht veröffentlicht bzw. gar nicht untersucht hat. Städte unterhalb von 100.000 Einwohnern zeigen nämlich verstärkt die Tendenzen, dass die angemeldete Schülerschaft einer Grundschule nicht den Bevölkerungsquerschnitt der Schulnachbarschaft repräsentiert und in solchen Fällen die Gültigkeit der Forderung „Kurze Beine – Kurze Wege“ sehr schnell beiseite geschoben wird.

      • die von ihnen genannte entmischung kann man auch durch den mietspiegel erklären. wer es sich leisten kann, zieht nach oder bleibt in essen stadtwald, wer nicht halt nicht. entmischenden sozialer wohnungsneubau gibt es so gut wie nicht, weil der Bauträger an maximal 5-7€/qm kalt in Verbindung mit dem vorurteilsgemäß höheren renovierungsbedarf kaum was verdienen kann.

        ghettoisierung der anderen art …

        • Für Essen Stadtwald ist der Mietspiegel unerheblich, da gilt der Index für die Grundstückspreise als Wertmaßstab:)

          • so oder so kann man sich mit einem Facharbeitergehalt weder eine teure Wohnung mieten noch ein teures Grundstück inkl. Haus darauf kaufen. Wir haben uns aber beide verstanden und darauf kam es mir an. Wirklich erhellend ist die Studie so oder so nicht, Bertelsmann Stiftung eben.

          • Na dann ist ja gut. Wenn es einen Facharbeitermangel gibt, dann kann es ja keinen Wohnraummangel geben. Auf gut Deutsch, der Wohnraum in diesem Preisegment ist für Facharbeiter unerschwinglich und kann deshalb von Besservedienenden „fehlbelegt“ werden. Das eingesparte Geld können dann diese fehlbelegenden besserverdiener dazu nutzen, ihre Kinder in die Grundschulen zu transportieren, in denen bestverdienende Hausbesitzer überwiegen. Die einen mit dem SUV nach Köln-Hahnwald, die anderen mit nicht verkehrssicheren Schulbussen von billigst anbietenden Busunternehmern nach Chorweiler – into the ghetto!

  2. Das Neueste vom Bertelsmann-Ministerium …

  3. Tja da sieht man mal wieder, dass die freie Schulwahl nicht den Wettbewerb fördert, sondern die Verhältnisse zementiert – diese Erfahrung musste auch Schweden schon machen.

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