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Bildungstechnologische Werkzeuge nutzen (statt) lernen

KREMS. Im Zusammenhang mit dem neuen Design von eEducation 10, der im Frühjahr 2016 an der Donau-Universität Krems startet, wird Univ.-Prof. Dr. Peter Baumgartner nach und nach über einige damit zusammenhängende Neuigkeiten berichten. Abgesehen davon, dass  die einzelnen Module überarbeitet wurden und nun stärker auch auf Social Media abzielen, gibt es auch neue Entwicklungen zum curricularen Design.

Univ.-Prof. Dr. Peter Baumgartner: Ich möchte ein didaktisches Konzept beschreiben, dem wir uns in eEducation schon seit Beginn verpflichtet haben: Es besteht aus zwei Strategien:

  • Statt bildungstechnologische Zusammenhänge bloß theoretisch zu reflektieren, lernen unsere Studierenden auch eine Reihe von (Software-)Werkzeugen kennen, wie moderne didaktische Konzepte technologisch umgesetzt werden können. Der Lehrgang schließt zwar keine Programmierausbildung ein, bildet aber im technisch versierten Umgang mit diesen Werkzeugen aus.
  • Ein Grundprinzip des Lehrgangs dabei ist es, dass bildungstechnologische Software nicht direkt als eigenständiges Lernobjekt im Fokus des Interesses steht, sondern dass ihre Funktion als Werkzeug für bildungswissenschaftliche Erkenntnisse und für den didaktischen Gestaltungsprozess praktisch genutzt wird.

Salopp formuliert also: Werkzeuge lernen, indem sie genutzt werden.

WordPress-Plugins als Fallbeispiel zur streitbaren Diskussion

Ich habe mich in den letzten Tagen viel mit diversen Plugins für WordPress beschäftigt. Es ist aber nicht WordPress selbst, das ich hier als die zentrale Innovation, diesen Prototyp „in Betaversion“ vermitteln möchte. Sicherlich: WordPress ist ein tolles Werkzeug, aber ich sehe es erst einmal als einen „Container“, eine „Plattform“ auf der viele dieser Innovationen – in Form von Erweiterungen (Plugins) – aufbauen.

Es ist dieser Überschwang an zig-tausenden Open Source– und kostenfreien Erweiterungen (40.000 Stück lt. Wikipedia), die eine Brutstätte innovativer Entwicklungen darstellen. Es ist gerade der „schnelle Flop“, die diskontinuierliche Entwicklung, die nach Steven Weber den Erfolg von Open Source Software ausmacht.1 Vorhaben in Open Source-Software scheitern viel schneller als langfristig geplante Projekte von Apple, Google, Microsoft, IBM etc. Die Opportunitätskosten sind deshalb viel niedriger und Open Source-Entwicklungen können es sich daher leichter leisten zu scheitern. Sie können mehr Risikobereitschaft zeigen und neue Wege gehen.

Die Konkurrenz dieser Erweiterungen schafft erst das Klima einer Innovationsbrutstätte, wo einerseits hunderte Plugins nicht (mehr) funktionieren, wo aber auch andererseits Juwelen versteckt sind, die – zwar häufig im Hintergrund eine kommerzielle PRO-Version haben – sich aber in ihrer kostenlosen Variante trotzdem erst einmal in diesem Nährboden der „Nobodies“ bewähren müssen.

Univ.-Prof. Dr. Peter Baumgartner

Univ.-Prof. Dr. Peter Baumgartner

Ich halte dies nicht nur für eine interessante Lernerfahrung, in diese Mikrowelt einzutauchen, sondern es sind auch andere Kriterien für prototypische Ausbildungsprodukte erfüllt:

  • Vielfalt: Wie gesagt, es gibt an die 40.000 Plugins, zu allen möglichen und unmöglichen Themen. Das reicht von (multimedialen) Annotationswerkzeugen, über Chats, Open Badges, Gamification-Tools bis hin zu Quiz-Werkzeugen und ausgewachsenen Lernmanagement-Systemen.
  • Zugang: Die Plugins sind frei (kostenlos) zugänglich und können ohne viel technischen Aufwand installiert werden. Eine breite Nutzung innovativer Plugins ist zwar nicht sicher gestellt, aber durch die große Verbreitung von WordPress möglich, ja fast wahrscheinlich. (WordPress läuft auf mehr als 60 Mio. Websites, fast jeder vierte, der weltweit besten 10 Mio.-Websites nutzt WordPress, es ist derzeit das weltweit-beliebteste Bloggin-System.)
  • Wirkung: Durch den hohen Verbreitungsgrad einerseits, aber auch durch die Kommunikation und „Nähe“ der Entwickler/innen ist es leichter möglich Wirkung und Relevanz zu entfalten.

Aber mein Argument der „Brutstätte von Innovation“ ist nicht als Selbst- und Endzweck zu sehen. Es soll nur zweierlei  nahelegen:

  • Einerseits, dass in einer solchen Atmosphäre leichter innovative Produkte gefunden werden können und
  • andererseits, dass durch die Vielfalt  leichter 2-3 Produkte zu finden sein sollten, die eine prototypische Funktion für das Curriculum  (den berühmten „roten Faden“) wahrnehmen können.

Aus heutiger Sicht könnte ich mir beispielsweise die Kombination des Lernmanagement-Systems Namaste mit dem Quiz Watu in solch einer Funktion durchaus vorstellen. Sie haben nicht nur einen direkten didaktischen Bezug, sondern sich auch entsprechend komplex, mit  vielen Funktionen und Zusätzen ausgestattet: Am Beispiel alleine von Watu: Gamification, Likert-Skala, Umfrage, Praxis- und Prüfungsmodus, Chained Logic, Kompetenzmessung, Badges/Zertifikate, Punkte- und/oder Notensystem und last not least stehen auch responsive Entwickler dahinter). Und das alles ist zwar nicht mehr im Betastadium, aber auch bisher noch kaum in der Anwendung von didaktisch sinnvollen Szenarien erforscht und genutzt. Ein weites Feld also für einen forschend/produktiven Lehrgang, wie er eEducation darstellt.

  1. Weber, Steven. 2005. The Success of Open Source. New Ed. Harvard University Press.

Zum Blog von Prof. Baumgartner: http://peter.baumgartner.name/2015/08/26/eeducation-10-innovative-curriculare-aspekte/

Zur Videobotschaft: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=bNHleVCldHQ

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