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Interview: Autor Janosch wird 85 – „Ich wollte ohne Arbeit Geld verdienen – ging nicht“

DÜSSELDORF. Janosch ist einer der bedeutendsten Kinderbuchautoren und -illustratoren des 20. Jahrhunderts. Kein deutscher Schriftsteller und Illustrator hat Kinder und heutige Erwachsene so geprägt wie Janosch mit seinen Kinderbüchern wie „Oh, wie schön ist Panama“ oder „Post für den Tiger“. Zu seinem 85. Geburtstag erscheint jetzt die Biographie „wer fast nichts braucht, hat alles“. Das Interview ist dem Buch entnommen.

N4T: Wenn Sie ein neues Kinderbuch schreiben würden, was wäre sein Thema?

Janosch: Ein Außerirdischer gründet mit dem Tiger und dem Bären eine Fußballmannschaft. Sie werden Weltsieger.

N4T: Ihre Kindheit war von Hass, Prügeleien, Verspottung, Saufen, Schlägereien geprägt. Sind die Kindergeschichten ein Gegengift dafür?

Janosch: Exakt so. Ich musste diese Erlebnisse im Kopf mit dem Alkohol betäuben, wegschieben, damit die Restzellen im Kopf das Denken übernahmen. Es dauerte lange, bis ich das verstand. Das geht u. a. auch mit Yoga. Nur das Wegräumen der Erinnerungszellen funktioniert nicht. Der Müll bleibt.

"Immer Hängematte" - Janosch in Hemingway-Pose. (Foto: privat)

„Immer Hängematte“ – Janosch in Hemingway-Pose. (Foto: privat)

N4T: Die Mehrheit der Haupt- und Nebenfiguren in Ihren Romanen ist männlich. Die Frauen erscheinen eher im Hintergrund. Erklärt sich Ihre Sicht der Frau aus Ihrer religiösen Vorstellung?

Janosch: Ich wurde sehr gemein katholisch erzogen. Die Frau ist dort mehr eine Sünderin. Man erzählte den Kindern den Blödsinn, dass wäre Eva nicht so sündig gewesen, wären heute die Menschen im Paradies. Der im Prinzip fromme Mensch verfällt zwar nicht unfehlbar der Hölle – was er nicht sicher weiß, aber HOFFT. Sondern kommt »zur Reinigung« zunächst ins Fegefeuer. Alles das ist so ein Blödsinn, dass man heulen könnte über die Dummheit der Leute, welche das so übernehmen.

N4T: Ist das Schreiben für Kinder schwerer als für Erwachsene?

Janosch: Ist leichter für Kinder. Bücher für Erwachsene werden sehr hart kritisiert.

N4T: Ihre Großmutter war Vorbild für Frau Schwientek (Anmerkung der Red.: eine Romanfigur). Wie würden Sie sie charakterisieren?

Janosch: Sie war der General in der Verwandtschaft. Sehr stark und arbeitete Tag und Nacht. Sie badete nur einmal in der Woche in einer kleinen Wanne, wo sie nur den Hintern hineinstecken konnte, dadurch roch sie etwas wie ein Haustier. Nach Kernseife, Sauerteig und Frau. Sie trug sehr große dicke Schlüpfer, daran war das Geld vom Verkauf von Gemüse auf dem Markt mit einer Schnur befestigt, damit mein Großvater es nicht finden konnte. An sie ging er nicht ran. Sie tötete Flöhe mit den Fingernägeln: die Laus zwischen 2 Fingernägel und dann: knack. Laus getötet.

N4T: Machen Sie noch Lesungen?

Janosch: Nein. Seit 56 Jahren nicht. Ich kann nicht schnell lesen, ich ging nur sehr kurz in die Schule, ich muss immer stottern. Ich bin zu schüchtern. Und ich bin schon zu alt für alles.

Janosch in seinem  Atelier am Zeichnertisch. (© Angela Bajorek)

Janosch in seinem Atelier am Zeichnertisch. (Foto: Angela Bajorek)

N4T: Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie anders leben, würden Sie andere Entscheidungen treffen?

Janosch: Ich würde weniger arbeiten.

N4T: Wie sieht heute Ihr Tag, Ihre Woche aus?

Janosch: Immer Hängematte.

N4T: Ist die Hängematte noch Ihr Attribut? Warum bekam sie in den Medien einen Kultstatus und woher kam die erste?

Janosch: Ja, aus Panama. Kultstatus – das war schon lange fällig. Es geschieht nichts ohne den Willen Gottes, auch kein Spatz …… fällt …………… vom Dach usw.

N4T: Was für ein Zeichner sind Sie? Wie würden Sie Ihren Stil charakterisieren?

Janosch: Ich bin ein lebender Zeichner. Gekritzelt. Ich verändere meinen Stil wenn möglich jede Woche. Ich kenne mich mit Kunst-Stilen nicht gut aus. Ich sage immer: gekritzelt. Mein Stil ist kritzeln. Vielleicht ist das ein neuer Stil.

N4T: Haben Sie wahre Freunde?

Janosch: Ja, zwei Freunde. Tomi Ungerer (Anmerkung der Red.: ein französischer bekannter Grafiker) und einen in Berlin. Den Namen habe ich wegen Alzheimer vergessen. Und Gott. Natürlich. Gott liebt am meisten die Sünder, sagt Jesus.

N4T: Welche Botschaft vermitteln Ihre Kinderbücher?

Janosch: Lasst euch nichts gefallen. Die meisten Eltern muss man nicht verehren, wenn sie saufen. Glaubt nicht den meisten »Erwachsenen«.

N4T: Welches Tier von Ihren Figuren ist Ihnen ähnlich?

Janosch: Ich habe die meisten Bücher und Figuren vergessen. Der Maulwurf. Der Maulwurf kann nicht gut sehen, kann ich auch nicht. Mein Geruchssinn ist dagegen gut entwickelt.

Die Tigerente ist wohl die berühmteste Erfindung Janoschs. (Illustration: janosch_film_medien_AG)

Die Tigerente ist wohl die berühmteste Erfindung Janoschs. (Illustration: janosch_film_medien_AG)

N4T: Wie ist das Rezept für ein gutes Janosch-Buch? Welche Zutaten muss man dazu nehmen?

Janosch: Gin trinken. Wodka czysta ging damals auch. Oder anders in einen Rausch geraten. Seitdem Alkohol für mich als Betäubung wegfällt, entsteht kein gutes Janosch-Buch mehr. Später konnte ich mich durch Yoga in einen anderen Zustand begeben, das ging auch gut. Hätte ich noch einen Verlag, welcher ein Buch abnehmen würde, könnte ich es jetzt ohne Alkohol schreiben. Ein Großteil in meinem Gehirn wurde in dieser Kindheit durch den Suff meines Vaters, die Quälerei in der Hitlerjugend und in der Kirche so zerstört, dass es wie ein Ballast tot ist. Mit grenzenloser Furcht zerstört und in diesem Teil immer noch tot. Wie ein Holzbein. Ich glaube, das ist eine Notwehr der Natur, damit man den Schmerz nicht mehr fühlt. Furcht vor dem Gott und seiner Hölle. Vor dem Suff des Vaters, der meistens brüllte oder lallte: »Ich schlag euch alle tot …«. Zwar wusste man, dass er nicht einmal mehr die Hand mit einem Hammer hochheben könnte, aber die Stimmung war tödlich.

N4T: Welche Literatur hat Sie als Schriftsteller beeinflusst?

Janosch: Amerikanische Autoren: Ernest Hemingway, Philip Roth und ein deutschsprachiger Lyriker Paul Celan. Bei Hemingway hat mich beeindruckt, dass seine Sätze kurz waren und kein Sprachtheater veranstaltet wurde. Das macht weniger Arbeit. Wenn einer sagen will, dass im Bahnhofsrestaurant eine Lampe hing, dann soll er DAS sagen und keine Schriftstellerei betreiben. Das aber muss ein Schriftsteller erst einmal begreifen. Man braucht auch keine Grammatik zu wissen. Hemingway brauchte Cuba libre zum Schreiben. Er »verstellte keine Schrift«, nur weil er Schrift(ver)steller war. »Der alte Mann und das Meer« habe ich dreimal gelesen. Kein Wort zu viel. Wenn [er] sagen wollte »der Mond ging auf«, sagte er das so. Goethe sagte »Über allen Gipfeln ist Ruh und gleich geht der Mond über allen ruhigen Gipfeln auf …« Goethe gefällt mir nicht. Der redet zu viel.

N4T: Was war Ihre Motivation zum Bücherschreiben im Jahre 1960?

Janosch: Ich wollte ohne Arbeit Geld verdienen. Ich dachte, dass es so geht. Ging nicht.

N4T: Und später, was motivierte Sie? Wie sind Ihre Bücher entstanden?

Janosch: Ich musste 2–3 kleine Gläser Whisky oder Cognac oder ein größeres Glas Cuba libre trinken und mit dem Verstand aus meinem Kopf aussteigen. Ich konnte 40 Jahre lang keinen Tag ohne Alkohol leben. Nach 45 solchen Büchern musste ich mit dem Alkohol aufhören. Ich glaube, danach schrieb Gott meine Bücher allein. Jetzt ist alles vorbei, kein Schnaps und kein Gott. Vorbei.

N4T: Wie entsteht Janoschs Kinderbuch? Kommt zuerst der Text und dann die Zeichnungen?

Janosch: Erst erfinde ich das Thema: beispielsweise jemand bekommt einen Brief. Oder jemand kommt nicht nach Haus, weil er einen kleinen Schweinigel getroffen hat und dort übernachtet. Dann schreibe ich zwei Seiten und male ein Bild dazu. Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht. In der Nacht fällt mir ein, wie es weitergehen muss.

N4T: Wie ist Ihr momentaner gesundheitlicher Zustand?

Janosch: Ich brauche eine Herzoperation. Das will ich aber nicht, ich fürchte mich davor. Sie würden sich auch fürchten, denke ich mal. Da ich ein Sünder und Ketzer bin, wird Gottvater mir noch eine lange Lebenszeit schenken, damit ich wieder in den heiligen Schoß der Kirche zurückkomme.

N4T: Haben katholische Feste eine Bedeutung für Sie?

Janosch: Nichts Katholisches hat für mich eine angenehme Bedeutung. Alles Katholische ist mir zuwider. Ich halte die meisten Religionen für den großen Weltbetrug. Immer gibt es die obere Schicht und die untere Schicht. Religionen zwingen die Leute in die Knie. Der Mensch, der sich hinkniet oder zu Boden wirft, ist unterlegen. Immer mit der Absicht, Macht auszuüben. Dazu gehört nicht der Buddhismus. Der Buddhismus droht niemals. Es gibt dort keine Oberschicht. Aber ich glaube, dass es heilige Menschen gibt. Man erkennt sie am Blick.

N4T: Denken Sie, dass Sie mehr Fans als Gegner haben?

Janosch: Ja. Hauptsächlich als Ketzer habe ich viele intensive Mitdenker.

N4T: Was haben Sie Not und Hunger gelehrt?

Janosch: Dass man mit sehr wenig leben kann. Dadurch kann mich Armut niemals erschrecken. Wer fast nichts braucht, der hat alles. Ich esse am liebsten Brot. Mit Knoblauch. Kartoffeln gehen auch. Und Sauerkraut. Das gibt es immer.

Das Gespräch führte Angela Bajorek

Die Janosch Biographie "wer fast nichts braucht, hat alles" ist am 26. Februar bei Ullstein erschienen.

Die Janosch Biographie „wer fast nichts braucht, hat alles“ ist am 26. Februar bei Ullstein erschienen.

Über Janosch 

Janosch ist 1931 in Hindenburg, Oberschlesien als Horst Eckert geboren. Heute lebt und arbeitet er auf der Insel Teneriffa, Spanien. Mit über 150 Büchern, zahlreichen Illustrationen und Filmen wurde Janosch bekannt. Inzwischen sind seine Werke in 30 Sprachen erschienen.

3 Kommentare

  1. Das ist ja grauenvoll! Der arme Kerl.

  2. heute dürfte er aber von den Tantiemen ganz gut leben können. In einer Kindersendung haben diese ziemlich düsteren Antworten freilich nichts verloren.

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