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Kinder, die auf Leichen starren – Museum provoziert mit Anatomiekurs für Schüler

BERLIN. Das Menschen-Museum von Plastinator Gunther von Hagens erhitzt in Berlin schon länger die Gemüter. Während der Rechtsstreit ins zweite Jahr geht, gibt es nun Ärger um Anatomiekurse für Kinder.

Sind solche Exponate kindgerecht? Foto: Nick Webb / flickr  (CC BY 2.0)

Sind solche Exponate kindgerecht? Foto: Nick Webb / flickr (CC BY 2.0)

Woraus bestehen eigentlich Knochen? Medizinstudent Daniel erklärt die Rolle von Calcium in den abgedunkelten Räumen des Menschen-Museums von Leichenplastinator Gunther von Hagens. Im weißen Kittel steht er neben einer Vitrine mit einem Skelett im Schneidersitz. Es ist echt. Ein Kinder-Grüppchen hängt an Daniels Lippen, fotogen mit Arztkittel, Stethoskop und Mundschutz um den Hals.

Die Empörung war groß, als das umstrittene Museum ankündigte, «Junior-Doktor»-Kurse anzubieten. Kirchenvertreter äußerten sich entsetzt über das «schädliche» Angebot. Ein Affront auch für den Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Christian Hanke (SPD): Er zeigte sich in mehreren Blättern schockiert, kämpft er doch seit mehr als einem Jahr erbittert gegen das Museum am Alexanderplatz.

Erstmals stimmte im Dezember ein Gericht der Auffassung des Bezirks zu, dass die Körper auch nach dem Konservierungsverfahren als Leichen zu sehen sind und bestattet werden müssten. Auch kamen die Richter zu dem Schluss, dass das Museum angesichts anonymisierter Exponate die Einwilligung der Spender nicht nachweisen könne. Ein schwerer Schlag für von Hagens, der auch bei früheren Streitigkeiten um seine «Körperwelten»-Schauen stets als Sieger vom Platz gegangen war.

Anders beim Berliner Urteil: Demnach braucht das Museum eine Genehmigung. Die will der Bezirk nicht erteilen. Jetzt haben die Betreiber Klage eingereicht. Solange der Rechtsstreit läuft, bleiben die Tore am Alex offen. «Wir kämpfen bis zum Schluss», sagt Kuratorin Angelina Whalley, von Hagens‘ Ehefrau. Es gehe um nicht weniger als ihr Lebenswerk. Den Kinderkurs verfolgt sie am Mittwoch genau.

Tatsächlich kommt der Kurs recht harmlos daher: Der angehende Mediziner macht nach einer Einführung einen Rundgang mit den Kindern. Er zeigt etwa Knochen, Herz und Lunge. Der Großteil der 200 Einzelexponate sieht aus wie eine sehr detaillierte Nachbildung, nur etwa 20 davon sind ganze Körper.

Um das Thema Schwangerschaft, in der Schau durch einen Vorhang abgetrennt, macht der Kursleiter einen Bogen. Auch Schulklassen und Eltern mit Kindern sind im Museum unterwegs. Auf etwa ein Viertel schätzt Whalley den Kinderanteil unter den bisher mehr als 160.000 Besuchern.

Das Schwangerschafts-Tabu ist dem Vater einer Siebenjährigen wichtig. «Bei dem Thema ist sie außen vor. Alles andere ist sie von klein auf gewohnt.» Er arbeite im Rettungsdienst, seine Frau im medizinischen Bereich, die Tochter wolle Ärztin werden. Ähnlich bei einer elfjährigen Erfurterin, die sich nach den Worten ihrer Mutter für Gerichtsmedizin begeistert und zuhause Spielzeug-Skelette zusammensetzt.

Den Ärger um das Museum können die Erwachsenen nicht nachvollziehen: «Mein Gott, dann sollen sie auch den Bio-Unterricht verbieten», sagt eine Frau, die mit ihrem Enkel gekommen ist. In den Ferien sei sie bisher jeden Tag mit ihm in Museen gegangen: «Man muss etwas bieten.» Dass etwa mit der Gegenüberstellung einer gesunden und einer Raucherlunge auch über Gesundheitsgefahren aufgeklärt wird, begrüßt sie sehr und fügt lachend an: «Die sollten auch zeigen, wie sich Spielkonsolenfinger verändern.» Von Gisela Gross, dpa

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