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Leibniz-Preis für Geschichtsforscher Hasse: Ohne die arabische Welt wäre Europa heute anders

WÜRZBURG. Für den Würzburger Philosophen Hasse ist klar: Ohne den Orient würde es das heutige Abendland so nicht geben. Hasse hat den Einfluss der arabischen Welt auf Europa im Mittelalter erforscht. Dafür bekommt er nun den Leibniz-Preis.

Viele Gemeinsamkeiten zwischen Orient und Okzident entdeckt: Prof. Dr. Dag Nikolaus Hasse. Foto: DFG / Ausserhofer

Viele Gemeinsamkeiten zwischen Orient und Okzident entdeckt: Prof. Dr. Dag Nikolaus Hasse. Foto: DFG / Ausserhofer

Wenn der Würzburger Forscher Dag Nikolaus Hasse in sein Spezialgebiet abtaucht, dreht sich in seinem Kopf alles um das Mittelalter, den Orient und den Okzident. Der 46-Jährige erforscht die Beziehungen zwischen der arabischen und der europäischen Welt im Mittelalter. Das hört sich zunächst nach einem staubtrockenen, historischen Thema an – doch wenn Hasse die Zusammenhänge erklärt, wird die Geschichte greifbar. Er erzählt von seiner Wissenschaft wie ein Schatzsucher von seinen Reisen.

Zudem ist das Thema hochaktuell und seine Forschungen haben damit eine politische Dimension bekommen. Gerade in einer Zeit, in der ausländerfeindliche Menschen das christliche Abendland vor einer vermeintlichen Islamisierung retten wollen, zeigt die wissenschaftliche Sicht nämlich deutlich: Das heutige Europa würde es ohne die arabischen Einflüsse so nicht geben.

«Es haben sehr viele verschiedene Kulturen an dem mitgebaut, was wir den Westen und Europa nennen, nicht nur Christen, Griechen und Römer», sagt Hasse. Das christliche Europa verteidigen zu wollen, sei sehr vereinfacht gedacht. Von den selbst ernannten Kämpfern für ein christliches Europa wünsche er sich mehr «intellektuelle Offenheit».

Eine Offenheit, auf die er bei seinen Forschungen immer wieder gestoßen ist. Denn in der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte des Mittelalters habe es wenige Berührungsängste zwischen der islamischen, jüdischen und christlichen Welt gegeben.

«Ich habe am Anfang meines Studiums gedacht, dass ich bei meinen Forschungen viel mehr kulturelle Missverständnisse entdecken würde», erinnert sich der Wissenschaftler. Aber man habe einander trotz verschiedener Denkweisen und Sprachsysteme erstaunlich gut verstanden. «Das heißt nicht, dass man einander nicht sehr fremd sein könnte. Aber es gibt eben auch ganz viele Gemeinsamkeiten und gemeinsame Traditionen, auch heute.» Man dürfe sich nicht daran gewöhnen, beim Thema Islam an Sprengstoffgürtel zu denken. «Und dabei hilft es zu wissen, dass es eben viel Verbindendes gibt.» Diesen Gemeinsamkeiten geht Hasse seit mehr als 20 Jahren nach.

Die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) vergibt den mit jeweils 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis seit 1986 an deutsche Spitzenforscher. Er gilt als deutscher Nobelpreis. Hasse habe mit seinen Arbeiten «grundlegend neue Einblicke in die Anfänge des modernen Europa eröffnet», begründet die DFG die Vergabe an den Würzburger. Er habe mit seinen Studien zeigen können, wie intensiv und fruchtbar der kulturelle Austausch zwischen Gelehrten und Institutionen aus Orient und Okzident war. Seine Forschungen seien «originell und höchst anerkannt».

Beispiele für den fruchtbaren Einfluss des Orients auf den Okzident hat Hasse schnell zur Hand. Das beginnt bei der Sprache. Ohne die Übersetzungen arabischer Schriften ins Lateinische hätten sich Kultur, Wissenschaft, Lebensstandard in Europa möglicherweise nicht so positiv entwickeln können.

Vielleicht würden sogar heute allgemein übliche Begriffe wie Sofa, Matratze, Karaffe oder Tasse in Europa gar keine Rolle spielen. «Die Übersetzer und Kreuzfahrer haben den gehobenen Lebensstandard und eine kultivierte Lebensweise nach Europa transportiert», sagt Hasse.

Weitere Beispiele seien das Apothekerwesen, die Sternkunde («70 Prozent der 250 häufigsten Sternnamen sind Arabismen.»), die Heilmittellehre und natürlich die Mathematik. «In fast allen Wissenschaftsbereichen hat die arabische Welt Europa beeinflusst. Das Abendland war mit Blick auf die Alphabetisierungsrate und die Schriftkultur ein Entwicklungsland im Vergleich zum Orient.»

Als junger Doktorand hatte Hasse noch die Befürchtung, dass sein doch recht spezielles Fachgebiet ihn arbeitslos zurücklassen könnte. «Es ist ja ein großes Gebiet, das quer zu den Disziplinen steht. Es hat keinen disziplinären Ort an den Universitäten.» Dass er nun Leibniz-Preisträger ist, sei für ihn ein «enormer Glücksfall». Das gebe ihm vielleicht sogar die Freiheit, ein schon länger in ihm gärendes Buchprojekt umzusetzen. «Denn für einen Leibniz-Preisträger habe ich eigentlich noch viel zu wenige Bücher geschrieben», sagt Hasse mit einem verschmitzten Lächeln.

ZUR PERSON: Dag Nikolaus Hasse ist in Bremen geboren und in Norddeutschland aufgewachsen. Der Philosophie-Historiker studierte in Göttingen und Yale und promovierte in London. Seit 2005 arbeitet, forscht und lehrt der zweifache Familienvater als Professor in Würzburg. Der Arabist ist begeistert von Andalusien, aber kein guter Kenner des modernen Orients, wie er zugibt. «Darüber können andere Wissenschaftler viel besser Auskunft geben.»Von Christiane Gläser, dpa

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