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Der Ameisenbaum muss sterben: Das Saarland schließt seinen botanischen Garten

SAARBRÜCKEN. Botanische Gärten sind seit Jahrhunderten Bildungsstätten für Studenten, Schüler und Pflanzenfreunde. Jetzt muss der einzige botanische Garten im Saarland dicht machen, weil kein Geld da ist.

Gibt's in Saarbücken im Original - noch: den Ameisenbaum. Illustration von 1918, Wikimedia Commons

Gibt’s in Saarbücken im Original – noch: den Ameisenbaum. Illustration von 1918, Wikimedia Commons

Gleich hinter dem Eingang zum Gewächshaus hat der Ameisenbaum seine Wurzeln geschlagen. «Sein Tod ist gewiss», schreibt der Direktor des botanischen Gartens in Saarbrücken, Wolfgang Stein, mit Blick auf die bevorstehende Schließung der Einrichtung auf seiner Facebook-Seite. Von der eigentlich in den Anden heimischen Art «Ceropia palmata» habe er in Deutschland nur noch ein weiteres Exemplar in Kiel entdeckt. Der aufs Überleben im Urwald spezialisierte Baum könne nicht «lebend ausgepflanzt werden». Stein hat lange gekämpft, um das Aus zu verhindern.

Vom 1. April an wird das Saarland das einzige Bundesland ohne botanischen Garten sein, die Uni des Saarlands die einzige Volluniversität in Deutschland ohne ein solches Aushängeschild. Der botanische Garten ist nach Angaben des Bundesverbandes der erste in Deutschland, der seit dem Zweiten Weltkrieg schließen muss. Sein Aus hat auch die anderen 90 dieser Einrichtungen in Deutschland aufgeschreckt.

Der Präsident des Verbandes, der Bonner Professor Maximilian Weigend, gibt aber Entwarnung: «Der Trend bundesweit geht eher dahin, dass botanische Gärten aufgewertet werden.» Er verweist auf Millionen-Investitionen etwa in Bonn und München. Die Einrichtungen seien «in der Mitte der Gesellschaft angekommen» und böten sich zunehmend als «grüne Schule» für die Bürger an.

Die Saar-Universität hat beschlossen, kein neues Personal für die 1952 gegründete Einrichtung mehr einzustellen. Denn sie muss sparen. Das hoch verschuldete kleinste deutsche Flächenland hat den Zuschuss zum Uni-Etat bis 2020 auf rund 180 Millionen Euro im Jahr gedeckelt.

Für Forschung und Lehre werde der botanische Garten seit Jahren nicht mehr gebraucht, argumentiert Uni-Sprecherin Friederike Meyer zu Tittingdorf. Mit den 500.000 Euro Jahresetat könnten beispielsweise drei Professoren-Stellen finanziert werden.

Auch ein Rettungsversuch des Fördervereins unter der Leitung des früheren Saarbrücker Oberbürgermeister Hajo Hoffmann ist wohl gescheitert. Es fanden sich nicht genug Sponsoren. Voraussetzung dafür wäre gewesen, dass das Land den Löwenanteil übernommen hätte, sagt Hoffmann. Die Landesregierung verweist darauf, die Angelegenheit sei Sache der Uni. Es bestehe auch keine Möglichkeit, den Garten anderweitig zu finanzieren, erklärte kürzlich der Ministerrat.

Nun scheint das Aus des botanischen Gartens zum 1. April besiegelt. Aus Solidarität wollen viele der anderen 90 Gärten in Deutschland einen Tag oder auch nur für ein paar Stunden schließen, wie Verbandschef Weigend berichtete. Bei einem Abschiedsfest im Saarbrücken Garten vor wenigen Tagen war der Besucherandrang groß. Rund 3.000 Menschen aus dem Saarland und dem benachbarten Frankreich mussten vor dem dreiflügligen Gewächshaus Schlange stehen. Sonst wurden laut Uni im ganzen Jahr rund 20.000 Besucher gezählt.

Schattenseite des Zuspruchs: Seit Bekanntwerden der Schließung ließen Besucher vermehrt teils unter Artenschutz stehende Pflanzen wie Orchideen und Kakteen mitgehen. Deshalb wurde das Gewächshaus vergangene Woche bereits vorzeitig geschlossen. Nach dem 1. April sollen die Pflanzen verschenkt werden.

Zuerst würden sie anderen botanischen Gärten angeboten, dann Gärtnereien und schließlich Privatleuten, sagt Stein. Rund 40 der etwa 2200 Arten seien allerdings so geschützt, dass die gar nicht an private Pflanzenfreunde abgegeben werden könnten: «Die dürfen Sie nicht mal auf den Kompost werfen, weil die jemand einfach wegholen könnte.»

Stein und seine Angestellten, darunter zwei ausgebildete Gärtnermeister, müssen indes nicht um ihre Jobs bangen. Die Uni will sie an anderer Stelle einsetzen. «Weh tut das aber trotzdem», sagt Gärtnermeisterin Andrea Jungmann-George. Die 50-Jährige hat seit 1988 die meist exotischen Pflanzen gehegt und gepflegt. Von Jörg Fischer

Zum Bericht: Biologie – Hunderte Pflanzenfreunde verfolgen stinkende Titanwurz-Blüte

5 Kommentare

  1. Man muss hoffen, dass dieses Beispiel keine Schule macht.

  2. Ich bleibe dabei, das ist das Ergebnis der „Mehr-netto-vom-brutto-Politik“. Sie macht den Staat arm und nur die Reichen reicher. Es bleibt immer weniger Geld für Gemeinschaftsaufgaben und Otto Normalverbraucher verliert an anderer Stelle, was er mehr im Portmonee hat. Schade.

    • Jürgen Günther

      Dass Otto Normalverbraucher mehr im Portmonee hat ist mir noch nicht aufgefallen. Mit Sicherheit weiß ich aber, dass die Renten kontinuierlich sinken und die Zahl der Milliardäre steigt. Mit einem botanischen Garten kann eben nicht an der Börse spekuliert werden, Profit wirft er auch nicht ab. Also er ist nutzlos und wird beseitigt. So wie kostenfreie Bildung, ein an der Gesundheit des Menschen orientiertes Gesundheitswesen und all die Dinge, die sich nicht in Geld auflösen lassen. Nur weiter so, vielleicht begreift die uns nachfolgende Generation, dass sie Geld nicht essen kann.

  3. @ Jürgen, wahrscheinlich meinen wir ja das Gleiche. Wenn die Regierung durch mehr netto vom Brutto allen mehr Geld im Portmonee verspricht, dann ist das eben ein Trugschluss. Das sage ich ja auch. Denn an anderer Stelle zahlen wir mehr, weil der Staat sich überall zurückzieht, kürzt, reduziert, einspart, privatisiert, Gebühren erhebt und Gebühren erhöht und am Ende wird für die meisten aus dem Plus doch ein Minus – und Botanische Gärten müssen geschlossen werden, weil kein Geld mehr dafür da ist.

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