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Jetzt bekommt Seehofer ein neues (altes) Problem: Sein G8-Kompromiss-Modell fällt bei den Schulleitern durch

MÜNCHEN. Es war der Versuch, den Dauerstreit ums bayerische Gymnasium zu befrieden: Die Staatsregierung unter Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) dachte sich die um ein Jahr verlängerte Mittelstufe Plus aus. Geht man nach dem Urteil der Direktoren, dann ist der Versuch gründlich gescheitert.

Ihm steht Ärger in der Schulpolitik ins Haus: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Foto: Henning Schlottmann / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Ihm steht Ärger in der Schulpolitik ins Haus: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Foto: Henning Schlottmann / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Die Direktorenvereinigung der bayerischen Gymnasien rechnet in drastischer Form mit der «Mittelstufe Plus» ab – und lehnt eine dauerhafte und flächendeckende Einführung strikt ab. Stattdessen fordert der Landesvorstand der Direktorenvereinigung (BayDV) die Politik auf, sich jetzt eindeutig entweder für ein achtjähriges oder für ein neunjähriges Gymnasium zu entscheiden. «Doppel- oder Mischstrukturen lehnt die BayDV ab», heißt es in einem Rundbrief des Vorsitzenden Karl-Heinz Bruckner an alle Mitglieder. Das Schreiben lag der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch vor.

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) erklärte, er registriere den Zeitpunkt des Briefes «mit Verwunderung». Der Modellversuch sei auf zwei Jahre angelegt, für eine Abschlussbewertung sei es viel zu früh.

Die Mittelstufe Plus wurde von der CSU-Staatsregierung eingeführt, um den Dauerstreit um eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zu befrieden. Das Modell wird derzeit an 47 Pilotschulen erprobt. Dabei durchlaufen Schüler die Mittelstufe in vier statt in drei Jahren, wobei sie dann pro Schuljahr weniger Pflichtstunden haben als im «normalen» G8-Zug. Nach dem Pilotversuch soll dann entschieden werden, ob G9-Züge bayernweit eingeführt werden. Der Druck auf die CSU ist schon jetzt enorm: An den Pilotschulen entschieden sich im Schnitt rund 60 Prozent der Gymnasiasten für die längere Variante.

Die Direktorenvereinigung kritisiert die Mittelstufe Plus in einem beispiellosen Rundumschlag: Diese tauge «nicht als Modell für die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, es sei denn, man würde die Schulen mit erheblich mehr Lehrerstunden ausstatten», schrieb Bruckner nach einem einstimmigen Vorstandsbeschluss. «Unter diesen Bedingungen wird eine flächendeckende und dauerhafte Einführung der Mittelstufe Plus die Schulen vor unlösbare Probleme stellen.»

«Aus unserer Sicht ist der Versuch gescheitert, mit der Einführung einer Mittelstufe Plus einer politischen Entscheidung für ein G8 oder für ein G9 aus dem Weg zu gehen», heißt es in dem Schreiben. Unter anderem nehme die Mittelstufe Plus dem bayerischen Gymnasium die inhaltliche Vielfalt. Schüler kleiner Gymnasien seien dabei gegenüber Schülern größerer Gymnasien benachteiligt. Zudem erzwinge die Mittelstufe Plus die Bildung zusätzlicher Klassen – die dafür notwendigen Lehrerstunden stünden aber nicht zur Verfügung.

«Die Finanzierung der Mittelstufe Plus ist im Moment nicht gesichert», kritisiert die Direktorenvereinigung. Und: «Die Mittelstufe Plus ist für Schüler, Eltern und Schulleitungen nicht berechenbar und nicht planbar.» Dabei begründet die Vereinigung sehr ausführlich, warum der Pilotversuch all dies bereits jetzt zeige.

Das Fazit lautet: «Als diejenigen, die wir für eine Umsetzung des Konzepts den Eltern sowie Schülerinnen und Schülern gegenüber in der Verantwortung stehen, müssen wir Direktorinnen und Direktoren die flächendeckende Einführung der Mittelstufe Plus ablehnen.» Man brauche nun Klarheit der Politik: «Will man am achtjährigen Gymnasium festhalten oder will man ein modernes neunjähriges Gymnasium?» Die Entscheidung müsse jetzt fallen, damit das kein Wahlkampfthema werde. «Ein Umweg über die Mittelstufe Plus wird uns weiter beschädigen.»

Spaenle erklärte, er sehe den Rundbrief «als aktuellen Beitrag zum Gestaltungsprozess der Pilotphase der Mittelstufe Plus». «Die Gymnasialdirektoren waren und sind in die Pilotphase eingebunden und haben sich daran mit ihrer hohen Expertise konstruktiv beteiligt.» Der Modellversuch laufe aber erst seit sechs Monaten. Man werde alle Ergebnisse der Pilotphase «weiterhin sorgfältig auswerten, die zentralen Problemstellungen der Pilotphase dabei klar im Blick haben – und dann zu gegebener Zeit die entsprechenden Schlüsse ziehen.» Die gymnasialen Verbände würden dabei weiterhin intensiv mit einbezogen. Von Christoph Trost, dpa

Zum Bericht: Seehofer nennt G8 einen „Quickie“ – CSU-Fraktion beschließt «epochale» Gymnasialreform

19 Kommentare

  1. Warum streicht man Mittelstufe plus nicht einfach ersatzlos und schickt diese Schüler auf die Realschule? Nach der Klasse 10 dort und den entsprechenden Noten wechseln sie in die Einführungsklasse des Gymnasiums. Dort schaffen sie dann das Abitur nach 13 Schuljahren. Diese wechselnden Schüler dürften dann nicht mehr die leistungsschwächsten Gymnasiasten sondern die leistungsstärksten Realschüler sein. Insgesamt steigt dann die mittlere Leistungsfähigkeit an beiden Schulformen.

    Übrigens ist 60% pro Mittelschule plus das so ziemlich schlimmste, was Seehofer passieren konnte, weil dadurch keinerlei klares Für oder Wider Mittelschule plus erkennbar ist.

    • Seit G8 in Bayern ist die Abbrecherquote im Physik-Studium drastisch gestiegen. So gut konzipiert kann das G8 dann ja nicht sein.

      • da muss man auch die absoluten Zahlen analysieren, weil wo viel Masse da auch viel Ausschuss. Gerade Physik erfordert Denkweisen, deren Erwerb, wenn nicht angeboren, den meisten Schülern zu viel Arbeit und für ein Abitur ohne nc auch in Bayern nicht erforderlich ist.

        sie kritisieren mit ihrer Antwort genauso wie ich eher die miserable Umsetzung.

      • Na dann ist es ja gut, dass es die Mittelstufe plus gibt. Seit dem müssen die Abbrecherzahlen bei den Physikdiletanten ja massenhaft zurück gegangen sein.

      • dickebanks ironischen Kommentar kann ich noch ergänzen:

        Nur dass die Schüler der Mittelstufe plus noch lange Jahre in der Mittelstufe sein werden, die Datenlage seit dem Schuljahr 2010/11, dem ersten Abiturjahrgang G8, schon so aussagekräftig ist, so viele Menschen überhaupt Physik studieren, die ersten G8-Studenten erst kurz vor dem 10. Semester sind, also noch nicht einmal den Master haben, und überhaupt die studentische Migration von Bayern in andere Bundesländer bzw. umgekehrt.

    • 60 % sind doch schon was. Gerechnet wurde mit 20 – 25 %.

  2. G8 war von Anfang an Pfusch. Pfusch Pfusch und nochmals Pfusch.

    • Die Tatsache G8 an sich nicht, wie praktisch alle Nachbarstaaten sowie die DDR zeigen. Thüringen z.B. hat nie auf G9 umgestellt. Die Umsetzung von politischer Seite, sprich man nehme den alten Lehrplan und mache nur noch 4 statt 5 Trennstriche für die Jahrgänge zwischen die Unterrichtsinhalte der Sek I, ist und war eine Katastrophe.

      • In allen Nachbarstaaten ist die Jugendarbeitslosigkeit höher als in D. Könnte ja sein, dass unser Schulsystem gar nicht so schlecht ist.

        • Habe ich auch nicht behauptet und den Kausalzusammenhang zwischen hoher Jugendarbeitslosigkeit und Abitur nach 12 Schuljahren müssen Sie mir erklären.

          Außerdem müssen Sie die Jugendarbeitslosigkeiten bei vergleichbarem Schulabschluss vergleichen, also Abitur Deutschland mit Abitur Spanien. Die Arbeitslosen mit mittleren Schulabschlüssen u.ä. müssen Sie komplett herausrechnen, weil es im vorliegenden Artikel über G8 und seine Umsetzung bzw. Verschlimmbesserung geht.

          • Damit wollte ich nur ausdrücken, dass etwas nicht unbedingt gut sein muss, nur weil die meisten anderen es so machen.

      • Außer in Österreich.

      • Nur haben die genannten Nachbarstaaten und ebenfalls die ehem. DDR vor der Primarstufe eine frühkindliche Erziehung in Kitas und „Vorschulen“.

        In den Nachbarstaaten kommen die Kinder also bereits mit Kompetenzen, die sie in der vorschulischen Erziehung erworben haben, in der Primarstufe an, während diese Kompetenzen bei uns erst in den ersten beiden Schuljahren eingeübt werden müssen. Das geht natürlich zu lasten des Fachunterrichtes, weshalb die deutschen GS-Schüler erhebliche Defizite vor allem beim Rechnen – sorry, in der Mathematik – mit in die SekI schleppen.

        • Da sind wir ja wieder bei meiner Forderung, aus dem Kindergarten wirklich eine Art Vorschule an Stelle der aktuellen Beaufsichtigung mit Spielzeug und Basteln zu machen. Das setzt aber akademisch ausgebildetes und ähnlich wie Grundschullehrer zu bezahlendes Personal voraus. Im Idealfall aber auch noch ein Elternhaus, das den häuslichen Teil der Erziehungsarbeit unentgeldlich, freiwillig und gerne übernimmt. Immer das neueste SmartPhone für den Nachwuchs gehört nicht dazu.

          Die Defizite im Rec … äähh Mathematik entstehen auch durch die Optionalisierung der schriftlichen Division, Ersetzen der Dreier- durch die Bärchenreihe, offiziell zugelassene Spickzettel mit dem kleinen 1×1, Taschenrechner für die Grundschule usw.. Die wirklich guten Schüler verkümmern geistig, indem sie das Lernen nicht lernen müssen, den warum auch immer schwachen Schülern kann kaum geholfen werden und alle dazwischen fallen durch den Rost.

          • Japp. Die einen kommen aus KiGa-Gruppen, in denen über Matheland und anderes mathematische Vorläuferfähigkeiten aufgebaut wurden, und die anderen können zu Beginn der Grundschule nicht sicher bis 4 zählen. ALLE sollen aber möglichst in den ersten Wochen den Zahlenraum bis 10 beherrschen und viele wünschen, dass die Kinder bis Weihnachten locker bis 10 oder 20 rechnen. DAS klappt dann eben nicht bei allen.
            Die, die entsprechende Vorbildung mitbringen, können natürlich anderes leisten. Da sie nicht lesen können, muss man sich für die Differenzierung ins Zeug legen.
            In Klasse 2 kann man die Mathematiker dann über Mathe-Känguru, Knobelaufgaben und anderes durchaus fördern, während die anderen den Zahlenraum bis 10 womöglich immer noch nicht sicher beherrschen. Förderstunden wurden schon vor Jahren ersatzlos gestrichen, auf Eltern und häusliches Üben kann man bei diesen Schülern nicht setzen.
            Das bedeutet aber nicht, dass alle SuS einen Spickzettel zum 1×1 verwenden oder einen Taschenrechner einsetzen.
            Trotzdem wird sich die weiterführende Schule darauf einstellen können, dass manche SuS die Grundrechenarten nicht sicher beherrschen und dass es I-Kinder geben wird, die in den ersten 4 Jahren über den Zahlenraum bis 20 nicht weit hinausgekommen sind.

            Während die einen also täglich Herausforderungen benötigen, um nicht vor Langeweile unter dem Tisch zu liegen, muss gleichzeitig viel Übungsmaterial und Anleitung für die anderen sein, dazwischen weitere Abstufungen und genügend Material für die ganz Schwachen und die ganz Starken. Erkären und Besprechen von Aufgaben braucht die gleiche Vielfalt.

          • Genau, und deshalb gibt es ja auch die Fachleistungsdifferenzierung nach der sechsten Klasse. Die zwei Jahre vorher sind eine Qual, sowohl für die Mathematik affinen als die jenigen, die weiterhin den Zahlenraum bis 100 einüben. Aber dafür dürfen sie ja auch im siebten Jahrgang alle zusammen binnendifferenziertem Unterricht beiwohnen. Und das sind bis jetzt nur die Regelschüler, die Inkludis kommen noch einmal dazu mit ihren 2special needs“ …

          • „Trotzdem wird sich die weiterführende Schule darauf einstellen können, dass manche SuS die Grundrechenarten nicht sicher beherrschen “

            Das ist doch heute schon so. Da kommen Schüler in die 5te Klasse, die das 1×1 nur mit Fingerabzählen können, schriftliche Multiplikation nur dann, wenn eine 1stellige Zahl dabei ist, schriftliche Division ist gar nicht vorhanden. Und dann kommen welche, denen kann es mit neuem Stoff nicht schnell genug gehen. Alles heute schon da.

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