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Lehrer meinen: Probleme mit dem Handschreiben nehmen zu – NRW-Schulministerium sieht trotzdem keinen Handlungsbedarf

DÜSSELDORF. Die Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sehen immer häufiger, dass Schülerinnen und Schüler Probleme mit dem Handschreiben haben. Nordrhein-Westfalens Schulministerium kann offenbar trotzdem keinen Handlungsbedarf erkennen. Die Landesregierung plane nicht, solche Kompetenzen am Ende der 4. Klasse zu überprüfen, antwortete Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) jedenfalls in einer jetzt veröffentlichten Antwort auf eine Anfrage aus der FDP-Landtagsfraktion.

Immer mehr Schüler haben offenbar Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

Immer mehr Schüler haben Probleme mit dem Handschreiben. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

Laut einer Umfrage, die der Deutsche Lehrerverband (DL) im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, durchgeführt hatte, meinen vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. Sogar 83 Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler als Voraussetzung für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Nach Einschätzung der an der Umfrage beteiligten Lehrkräfte haben die Hälfte der Jungen (51 Prozent) und ein Drittel der Mädchen (31 Prozent) Probleme mit der Handschrift.

Mehr als 96 Prozent der Eltern – so ergab nun eine neue Umfrage – halten schreiben lernen mit der Hand heutzutage noch für wichtig, fast zwei Drittel davon sogar für sehr wichtig. Über 23 Prozent der Eltern stellen allerdings fest, dass ihre Kinder Probleme haben, mehr als 30 Minuten am Stück zu schreiben. Das wären hochgerechnet auf Deutschland 1,2 Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, die nicht ausdauernd leserlich und ohne Verkrampfungen schreiben können.

Sauklaue statt Schönschrift – ein Alarmzeichen also? Schulministerin Löhrmann sieht in den Umfragen „keine grundlegend neuen Erkenntnisse“. In der Regel würden die im Lehrplan festgelegten Kompetenzen am Ende der 4. Klasse erreicht –  aller „in Einzelfällen wahrgenommenen Schwächen“ zum Trotz, heißt es in ihrer Antwort. Dies könne aber «mit angemessenem Aufwand» kaum wissenschaftlich valide erhoben werden. „Die Bewertung einer Handschrift unterliegt subjektiven Kriterien und individuellem ästhetischen Empfinden“, meinte die frühere Schulleiterin. Sie vertraue weiter den Lehrern.

Die wiederum erhoffen sich Unterstützung durch die Politik. Als Gegenmaßnahmen fordern jeweils drei Viertel (74 Prozent) der befragten Grundschullehrkräfte ein „Spezielles motorisches Schreibtraining“ sowie „Mehr Zeit zur Förderung im Unterricht“. An den weiterführenden Schulen sind dies 61 Prozent beziehungsweise 67 Prozent. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, forderte die Kultusminister der Länder auf, das Thema Handschreiben verstärkt in den Blick zu nehmen „Wir benötigen mehr Förderung der Grob- und Feinmotorik schon in den Kindertagesstätten und dann in den Grundschulen.“ Die Erzieherinnen und die Grundschullehrkräfte benötigten dafür angesichts der wachsenden Herausforderungen mehr Unterstützung.

Das Ministerium hält die Förderung der Schreibmotorik dagegen offenbar für Unsinn: Es sei das erklärte Ziel des Unterrichts nach dem bestehenden kompetenzorientierten Lehrplan, „Schreibfreude zu wecken und zu erhalten, nicht  Übungen zu verordnen, die ohne inhaltlichen  Bezug ausschließlich auf die Entwicklung der Schreibmotorik ausgerichtet sind“.  News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: VBE – Handschrift ist wichtig für kindliche Entwicklung

17 Kommentare

  1. „Das Ministerium hält die Förderung der Schreibmotorik dagegen offenbar für Unsinn: Es sei das erklärte Ziel des Unterrichts nach dem bestehenden kompetenzorientierten Lehrplan, „Schreibfreude zu wecken und zu erhalten, nicht Übungen zu verordnen, die ohne inhaltlichen Bezug ausschließlich auf die Entwicklung der Schreibmotorik ausgerichtet sind““

    Genau! Deshalb gibt es keine Atemübungen für diejenigen, die singen lernen wollen. Oder Griffübungen beim Gitarrenspiel. Oder Technikeinheiten bei Turnen, Leichtathletik, Schwimmen. Gute und sichere motorische Fähigkeiten kommen ganz allein, ohne spezielle Übungen.

    Nicht.

  2. Da macht es sich das Ministerium einfach. Schüler schreiben nur dann gern, wenn sie keine oder wenig Probleme mit der Schreibmotorik haben. Das kann man logisch nachvollziehen. Wem die Hand wehtut oder seine Hand verkrampft, dem vergeht sehr wahrscheinlich die Lust aufs Schreiben. Schreibmotorische Übungen kann man nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Ich bin sogar dafür, dass hier noch mehr systematische Übungen entwickelt werden, die man sinnvoll in den Unterricht einbauen kann.
    Vielleicht müsste man auch einmal das Problem „Linkshänder“ beleuchten. Ich habe den Eindruck, dass sich prozentual gesehen mehr Linkshänder schwertun mit dem Schreiben, was ja auch logisch ist, da wir ja von links nach rechts schreiben.

    • Die beste Übung ist mehr Schreiben. Im Unterricht wird oft zu wenig geschrieben. Lückentexte, in die nur einzelne Wörter eingesetzt werden, genügen nicht. Sätze und Texte müssen geschrieben werden, und sei es in Form des zu Unrecht verpönten Abschreibens. Das übt noch anderes als nur die Feinmotorik.

      • wie mehr schreiben? etwa auch noch nach korrekter Rechtschreibung und in Schreibschrift? mein Kind soll doch aufs Gymnasium und wird das wegen musikschule, sportverein und schwimmkurs nicht schaffen.

        … könnten besorgte Eltern meckern. Und die Politik fällt darauf herein. Dasselbe gilt übrigens auch für das Kopfrechnen

  3. Wo ist eigentlich der alte Beitrag? Diese unsägliche Studie, die schon in Überschrift und Fragen nur diejenigen ansprach, die Schreiben absolut wichtig finden und eine schlechte Handschrift für den Untergang welchen Landes auch immer halten.
    Da war dann auch noch ein Beitrag, dass es gleiche Probleme weltweit gibt. Vermutlich, weil Kinder heutzutage ihre Hände zu weit weniger Tätigkeiten einsetzen als früher und weniger Geschick und Kraft entwickeln.
    Und dann waren da früher noch Stunden für „Schönschreiben“, die es lange nicht mehr gibt.

    Ansonsten finde ich den Hinweis auf spezielle Übungen in Sport oder Musik hilfreich: es hilft eben nicht ein einfaches „Mehr“. Wem die Hand weh tut, der benötigt eine andere Technik. Diese einzuüben, bedarf eingehender Hilfe und Betreuung, nämlich jemanden, der den Kindern vor oder in oder außerhalb der Schule die korrekte Stift- und Handhaltung beibringt UND dabei bleibt um sie 3 mal in der Minute zu korrigieren.
    Vor 15 Jahren betraf es etwa 3 Kinder, die Hilfe in Klasse 1 benötigten, jetzt sind es 3, die die richtige Stifthaltung beherrschen, wenn sie zur Schule kommen.

    • Doch, ein „Mehr“ nützt. Wer kaum zu Fuß geht, dem tun Füße und Beine schon nach kurzer Zeit weh. Begleitende Übungen „in Sport oder Musik“ sind ja nicht verboten, allerdings auch nicht das Allheilmittel. Es gilt nicht „entweder oder“, sondern „sowohl als auch“. Also auch mehr Schreiben!

      • Es geht nicht um begleitenden Sport. Es geht darum, dass man zum Schreiben eine solide Technik braucht, wie beim Sport. Und wie dort ist sie zu 99% bei allen gleich. Nur eine gute Technik sorgt dafür, dass man lange und ohne Schmerzen schreiben kann.
        Die Technik entwickelt sich nicht von allein, sonden muss mit Grundübungen erlernt werden – wie bei Spott oder Musik. Zusätzlich viel Schreiben sollte auch sein.
        Erinnert sich einer an die Schwungübungen? Stupide, aber sie funktionierten. Heute ist das nicht erwünscht, weil nicht kompetenzorientiert. Und die Schuman haben auch keine Zeit dafür, da immer mehr in den Lehrplan reingepackt wurde. Wer aber einen Drittklässler ein paar Wochen Übungen machen lässt und weiß, wie stark sich die Schreibschrift dadurch verbessert,, wird die „modernen“ Methoden etwas kritischer sehen. Die Übungshefte heute sind außerdem didaktisch weit besser als die vor 40 Jahren. Spielerisch, mit „Leveln“, Bildern und anderen Anreizen. Das kann man aber nur nach der Schule privat machen. Die Schulen in NRW können das nicht n den allerwenigsten Fällen leisten.

        • Was wurde eigentlich in den letzten Jahrzehnten in den Lehrplan der Grundschulen dazu gepackt? Spontan würde ich sagen Englisch, was den Namen kaum verdient, und der Bildungsunfall Schreiben nach Gehör.

          Ich hatte reichlich der von Ihnen zitierten Schwungübungen, in Mathe sogar noch die Mengenlehre. Schriftliche Division ist heutzutage nur noch optional. Was wurde noch abgeschafft und ist das Hinzugenommene wirklich so viel mehr als das Abgeschaffte? Bitte nennen Sie nur Dinge vom Lehrplan, den Zeitverlust aufgrund kontraproduktiver, falscher oder fehlender Erziehung sowie die Inklusionsfälle bitte ausklammern, es sei denn diese Aspekte sind der Hauptgrund.

          • „Bitte nennen Sie nur Dinge vom Lehrplan, den Zeitverlust aufgrund kontraproduktiver, falscher oder fehlender Erziehung sowie die Inklusionsfälle bitte ausklammern, es sei denn diese Aspekte sind der Hauptgrund.“

            Das ist ein zusätzlicher Grund, stimmt, z.B. für Themen wie Gesunde Ernährung, Bewegung, soziales Lernen etc. … und mehr Zeit für die einzelnen Inhalte, weil die Basisqualifikationen nicht so sind, wie sie früher waren

            Aber:
            Viele Aufgaben sind im Grundschulplan, die früher nicht enthalten waren und in höheren Klassen unterrichtet wurden, z.B.
            Wahrscheinlichkeitsrechnung und Kombinatorik … dazu wurden dann natürlich auch VERA-Aufgaben gestellt, damit sich alle darauf stürzen müssen,
            ein größerer Anteil Geometrie… denn die Arbeit mit Geodreieck und Zirkel war früher in Klasse 5+6 angesiedelt, zumindest in meinem Bundesland zu meiner Schulzeit.

            Dazu kommen:
            neue Medien und alles, was damit zusammenhängt, trotzdem braucht es auch „alte“ Medien,
            sexuelle Vielfalt 😉
            … und bestimmt noch eine Menge andere Themen, aber ich werde keine „Analyse“ anstrengen

          • Z.B. werden Grundschulkinder an PCs herangeführt. Sexualunterricht gab es vor Jahrzehnten bei weitem nicht in dem Maß wie heute. Danndie ganzen individualisierten Aufgaben sowie der Unterricht, der nötig ist, um die ganzen Kompetenzen abzuhaken. Die Vorbereitung auf die ganzen Tests sowie die Vermehrten Fehlzeiten der Lehrer haben auch ihren Effekt. Ich hatte darüber ein sehr erhellen des Gespräch mit eine Schulleiterin. Jede Stunde kann eben nur einmal gegeben werden.

          • Was mir noch einfällt: Schulen werden ja daran gemessen, wie viele zusätzliche „Programme“ sie abliefern: Maulwurf-Mülli, Bio-Bohne und was auch immer für Sachen mit in die Schule müssen, dazu Stunden für Untersuchungen, Prophylaxe und Prävention, Vera-Tests, andere Wettbewerbe, Schulfeste, Methodentraining, Projekte etc. Manches gut, manches überflüssig, aber Zeit braucht es in jedem Fall.
            Vermehrte Fehlzeiten kann ich nicht feststellen, ansonsten fällt an den Verlässlichen Grundschulen der Unterricht nicht aus und wenn die kranke Lehrkraft noch irgendwie kann, bereitet sie den Unterricht komplett und absolut zuverlässig und sicher vor, sodass jemand anderes, der nicht pädagogisch ausgebildet ist, ihn halten kann.

          • Danke für die Antworten. Als Mathematiklehrer habe ich mir mal den Lehrplan Grundschule Mathematik NRW angeschaut und muss sagen: Respekt, ein straffes Programm haben Sie da vorgesetzt bekommen. Beim Hilfsmittel Taschenrechner sträuben sich aber meine Nackenhaare.

            Bitte nicht persönlich nehmen: Kein Wunder, dass die Schüler an der weiterführenden Schule nicht Kopfrechnen können. In der Grundschule wurde das nicht ausreichend geübt.

            Würden die Eltern eigentlich sehr meckern, wenn man den Mathematik-Lehrplan auf Kopfrechnen (1er- bis 20er-Reihe), alle vier Grundrechenarten im Kopf und schriftlich mit beliebig vielen Zahlen eindampfen würde? Das aber so reinprügeln, dass die Schüler die Antwort sagen bevor die App auf dem elterlichen Handy gestartet ist. Alles andere (geometrische Formen, Wahrscheinlichkeitsrechnung, einfache Bruchteile usw.) kommt in der weiterführenden Schule sowieso nochmal und ist bis dahin bei den meisten wieder vergessen worden.

            Den Umgang mit dem Lineal kann man in die Kunst verlegen.

            Beim Lehrplan Deutsch nur Lesen auch längerer Texte, Handschreiben auch längerer Texte und korrekter Rechtschreibung.

            Ist der Lehrplan eigentlich insgesamt so überfrachtet oder kommt er mir nur so vor? Die zu vermittelnden Inhalte reichen bis in Klasse 7 oder 8 der weiter führenden Schule. Das Geheimnis eines Lehrplans ist ja das, was nicht drin steht. Leider habe ich nicht genug Erfahrung mit der Grundschule, um das zu erkennen (abgesehen von der schriftlichen Division mit dem „Rattenschwanz“, die Fachkollegen wissen, was ich meine).

          • Da mag was vom Taschenrechner stehen, ich habe so einen aber noch nie in einer Grundschule gesehen. Kopfrechnen wird geübt, das große 1×1 sollte sitzen, und schriftlich wird auch gerechnet.

            Ein wenig mehr in Deutsch kann man ja machen, nur Lesen und Schreiben allein wird doch was langweilig. Etwas von Draußen aufnehmen oder auch mal ein Theaterstück anschauen sollte drin sein. Die Lückentexte und Schreiben nach Gehör können wegfallen.

            Nur: Was die Eltern dazu sagen würden ist vollkommen egal. Das Vorgeschlagene wäre sowas von Antimodern, Antikompetenzig und Anti-Gruppen-wir-erlernen-alles-selbst, dass das gegen die Schulpolitiker nicht einen Millimeter durchsetzbar wäre. Außerdem denke ich, dass sich die Elternschaft spalten würde: Die einen wollen einen verlängerten Kindergarten mit Garantie für Gymnasium oder zumindest Gesamtschule, die anderen wollen richtige Bildung und nicht Ringelpiez – und auch keine massive Einflussnahme der Politik auf die Kinder.

          • antimodern ist ein schönes wort …

          • @xxx, das Entscheidende ist, dass gem. der kernrichtlinien für das Fach „Mathematik“ an GS das schriftliche Divisonsverfahren nicht mehr im 4. Schuljahr ansteht.

            Interessanterweise müssen aber entsprechende Kompetenzen in der Doppeljahrgangsstufe 5/6 an weiterführenden Schulen nicht mehr vermittelt werden.
            Schlussfolgerung: Das Kürzen von Brüchen ist dann ein erhebliches Lernhindernis.

  4. „Ist der Lehrplan eigentlich insgesamt so überfrachtet oder kommt er mir nur so vor? “

    Ist er.

    Dazu wurde das Einschulungsalter gesenkt und die Inklusion beschlossen.

    Gundschullehrkräfte vollbringen WUNDER … und deshalb wollen sie angemessen bezahlt werden 🙂

  5. @ dickebank: In BaWü fordert der aktuelle Lehrplan Klasse 4 in Mathematik schriftliche Divisoin (mit einstelligem Divisor) und schriftliche Multiplikation (mit zweistelligem Multiplikator).

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