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Nehmt den Druck raus! Schule braucht Entschleunigung – die Lehre von Kongress und Gipfel

Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

DÜSSELDORF. Bei Reformen abspecken – das ist eine der zentralen Forderungen vom Ende der vergangenen Woche, als mit dem Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf und dem internationalen Bildungsgipfel ISTP in Berlin gleich zwei pädagogische Leitveranstaltungen auf dem Programm standen.

"Weniger ist mehr": Lehrer und Wissenschaftler fordern, Druck aus der Schule herauszunehmen. Foto: Liliana / flickr (CC BY-NC 2.0)

„Weniger ist mehr“: Lehrer und Wissenschaftler fordern, Druck aus der Schule herauszunehmen. Foto: Liliana / flickr (CC BY-NC 2.0)

Ob sie sich vorstellen könnten, so fragte der renommierte Methodentrainer Heinz Klippert sein Publikum beim Deutschen Schulleiterkongress, dass in der Wirtschaft ein neuer Arbeitsablauf eingeführt werde – ohne dass die Mitarbeiter eigens dafür geschult würden, was das konkret für ihre Praxis bedeute. Bei Lehrern sei das gang und gäbe. Bildungspolitiker machten beispielsweise Kompetenzorientierung zum neuen Credo, ohne dass den Lehrkräften aufgezeigt werde, wie sie das denn bitteschön in ihren Unterricht einbeziehen können. Ähnliches gelte für die Inklusion. Oder für die Individualisierung. „Lehrer brauchen neue Routinen, das ist das A und O“, sagte Klippert. Stattdessen aber bekämen sie „realitätsferne Prämissen“ vorgesetzt.

Die Folge der „programmierten Überforderung“: Ratlosigkeit beim pädagogischen Personal. Klippert, der mit seinen „Lernspiralen“ und Programmen zum „Lernen lernen“ selbst einst als Schulrevolutionär galt, mahnte nun die an seinem Workshop teilnehmenden Schulleiter, die Reformprogramme an der eigenen Schule mal kritisch zu überblicken. Es bringe nichts, zehn, zwölf Innovationsprojekte vom Kollegium parallel bearbeiten zu lassen – ein einziges, das konsequent vorangebracht werde, reiche. „Wenn Sie als Schulleiter ‘was erreichen wollen“, sagte Klippert, „dann beachten Sie: Weniger ist mehr“.

Bei Reformen abspecken – das ist tatsächlich eine der zentralen Forderungen vom Ende der vergangenen Woche, als mit dem Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf und dem internationalen Bildungsgipfel „International Summit of the Teaching Profession“ (ISTP) in Berlin gleich zwei pädagogische Leitveranstaltungen auf dem Programm standen. Bemerkenswerterweise brachten beide ähnliche Ergebnisse hervor. „Wir brauchen Zeit. Wir brauchen Vertrauen“ – Zeit, um Innovationen vernünftig umzusetzen, Vertrauen, um in Ruhe bestmögliche Lösungen vor Ort finden zu können, dies sei beim ISTP einhellig von Lehrerseite festgestellt worden, so berichtete Thüringens Bildungsministerin Birgit Klaubert von dem Treffen in der Hauptstadt. Die Flut von Verordnungen, die über die Schulen hereinbricht (und nicht nur hierzulande), wird als extrem kontraproduktiv empfunden.

Was wiederum durch eine Studie gestützt wird, die der VBE in den Tagen vor den beiden Großveranstaltungen präsentiert hatte: Danach üben 91 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland ihren Beruf „gerne“ oder sogar „sehr gerne“ aus – gleichzeitig geben aber 85 Prozent als belastend an, dass Politiker bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht beachten würden. „Für die Lehrkräfte ist derzeit die Politik der größte Belastungsfaktor“, so erklärte dazu VBE-Vorsitzender Udo Beckmann. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) gab in seiner Rede vor dem Deutschen Schulleiterkongress vor, die Botschaft verstanden zu haben: „Geschwindigkeit ist nicht maßgeblich, sondern Qualität“, so sagte er mit Blick auf anstehende Reformprozesse. „Evolution und Bedachtsamkeit sind besser als Revolution und die Brechstange.“

Das klingt gut. Trotzdem sind Zweifel erlaubt, dass die Politik wirklich schon verstanden hat, worum es im Kern geht: nämlich unnötigen Druck aus dem System Schule herauszunehmen. So berichtete Rabe von der KMK-Initiative, die Anforderungen fürs Abitur bundesweit anzugleichen. In Zeiten des Numerus Clausus, in denen eine Zehntel-Note darüber entscheide, ob ein Studiengang belegt werden dürfe oder eben nicht, sei eine Niveau-Anpassung eine Frage der Chancengerechtigkeit.

Ist sie das wirklich? Sind Noten tatsächlich so aussagekräftig, dass sich mit deren Durchschnittswerten persönliche Karrierechancen rechtfertigen lassen? Oder ist nicht vielmehr das Numerus-Clausus-Verfahren ein so plumpes, dass es dringend abgeschafft gehört? In der Wirtschaft spielen Schulnoten, bis auf extreme Ausschläge nach oben oder unten vielleicht, kaum noch eine Rolle. Für die Universitäten aber belegt ein Abiturdurchschnitt von 1,0 die persönliche Eignung eines Kandidaten etwa für den Arztberuf – in 14 Bundesländern besteht diese bei 1,1 dann schon nicht mehr, zumindest nicht mehr uneingeschränkt. Soziale Kompetenzen? Teamfähigkeit? Empathiefähigkeit? Solche zweifellos wichtigen ärztlichen Kompetenzen sind bei der Auswahl des Berufsnachwuchses unerheblich. Schlimmer noch: Der NC, der in unterschiedlicher Höhe mittlerweile für fast die Hälfte der Fächer an deutschen Hochschulen gilt, trägt einen absurden Notendruck in die Schulen.

Das Problem mit diesem Notendruck, der von den Hochschulen an die Schulen und über die Eltern an die Kinder und Jugendlichen weitergereicht wird: Er erschwert unnötig das Lernen. Die Anforderungen an die Lehrerschaft, auch das wurde beim Deutschen Schulleiterkongress und beim Bildungsgipfel ISTP deutlich, steigen ohnehin – also auch ohne politische Reformvorgaben. Die Welt verändert sich, und mit ihr die Schülerschaft. Deren zunehmende Heterogenität ist international wie national die pädagogische Herausforderung Nummer eins. In Deutschland sind es aktuell Hunderttausende von Flüchtlingskindern aus dem Nahen Osten, die integriert werden müssen. In den USA beispielsweise sind es Hunderttausende von jungen Lateinamerikanern, die zu unterrichten sind. Die Folgen hier wie da: ganze Klassen, in denen kaum mehr die Landessprache gesprochen wird. Dazu kommt eine radikal sich ändernde Mediennutzung junger Menschen – laut Andreas Müller, Leiter der Schweizer Modellschule Beatenberg, verbringen junge Menschen im Schnitt heutzutage sieben Stunden vor dem Bildschirm, aber nur (umgerechnet auf 365 Tage) drei Stunden in der Schule.

Wie lassen sich solche Entwicklungen in den Schulen bewältigen? Einhelliger Tenor: nicht mit Druck. „Lernen“, so Müller, „ist nichts anderes, als etwas Fremdes in etwas Eigenes zu verwandeln“. Aber das – so war beim Deutschen Schulleiterkongress aus vielen Quellen zu hören – brauche eine Lernkultur, in der Fehler als Entwicklungsschritte gelten, in der sich Lehrer als „Ermöglicher“, nicht als „Alleinunterhalter“ verstehen, in der Zeit fürs Tun (und nicht nur fürs Verstehen) eingeräumt werde. Es werde, befand Müller, „viel zu viel“ Stoff vermittelt, und das geschehe „viel zu wenig nachhaltig“. Seine Forderung: „Kürzt die Lehrpläne um 90 Prozent.“ Weniger sei mehr, meinte auch er. Der laute und lang anhaltende Beifall der Kongressteilnehmer zeigte: Vielen Schulleitern und wohl auch Lehrern spricht das aus der Seele.

Zum Interview: Precht fordert auf dem Schulleiterkongress eine radikale Schulreform – wegen der Flüchtlingskinder

5 Kommentare

  1. Abgesehen von „Kürzt die Lehrpläne um 90 Prozent“ (für mein Fach Mathematik kaum denkbar) würde ich den Kommentar in großen Teilen unterschreiben.

  2. „Für die Universitäten aber belegt ein Abiturdurchschnitt von 1,0 die persönliche Eignung eines Kandidaten etwa für den Arztberuf“

    Naja, der Numerus Clausus sagt nicht über die persönliche Eignung sonder etwas über die Kapazitäten an den Unis aus. Es gibt schlicht nicht genug Geld, Räume, Profs, etc., um mehr Ärzt*innen auszubilden.

    Das alte Problem des Bildungssystems: es ist nicht ausfinanziert und liegt deutlich unter dem OECD und EU19 Durchschnitt. Währenddessen verschieben sich Reichtum und Einkommen immer weiter zugunsten der oberen Einkommensgruppen.

  3. Lieber Georg,

    den naturgemäß begrenzten Kapazitäten an den Unis könnte man auch Rechnung tragen, indem fachlich fundierte Eignungsprüfungen als Zulassungsbeschränkung an den Anfang gesetzt würden. Das bedeutet aber Aufwand.

    Stattdessen dient der (in jeder Hinsicht) billige NC als Auswahlkriterium – ein Verfahren, das fachlich die falschen Akzente setzt und schulisch eine völlige Überbewertung von Noten zur Folge hat. Die können nämlich niemals die Objektivität aufweisen, die ihnen dabei beigemessen wird.

    Wer schon mal in der Elternversammlung eines gutbürgerlichen Gymnasiums war, weiß, welche NC-Hysterie schon in der Mittelstufe bei Vätern und Müttern herrscht (die alle Felle davonschwimmen sehen, wenn der Filius in der 8. Klasse mit einer Fünf in Mathe nach Hause kommt). Dabei geht es nicht die Bohne ums Lernen – es geht nur um Noten. Schon eine Drei ist dann Anlass, ein Kind zur Nachhilfe zu schicken. Und das ist aus meiner Sicht eine völlig schräge Entwicklung. Da werden Lehrpläne umgestellt, um Kompetenzorientierung zu erreichen, Lehrer entwickeln Förderpläne für jeden einzelnen Schüler, es werden mit viel Liebe und Zuwendung Kinder und Jugendliche in Schulen zu sozialen Wesen erzogen – damit am Ende nur die Stelle hinter dem Komma zählt?

    Das hat für mich mit Bildung nichts zu tun.

    Herzliche Grüße
    Andrej Priboschek

    • Das kann man, solange das „Abitur“ per Definition die Allgemeine Hochschulreife ist, eben nicht.

      Die Bildungsbürger stehen sich dabei selbst im Wege. Auf der einen Seite das „Abitur“ als schützenswertes Kultusprojekt, das den Zugang zur Hochschule reglementiert, und auf der anderen Seite, der Wunsch den Zugang zu den Master-Studiengängen zu beschränken. Letzteres wird aber eindeutig von einer großen Mehrheit abgelehnt. Da die Beschränkung innerhalb der Studiengänge nicht opportun ist, die Allgemeine Hochschulreife und die grungesetzmäßig garantierte Berufs(wahl)freiheit einen Zugang zu jedem Hochschulstudiengang erlauben, besteht ein unauflösliches Dilemma.

  4. Oooh, ich merke gerade, dass ich eigentlich mehr zitieren wollte.

    „– in 14 Bundesländern besteht diese bei 1,1 dann schon nicht mehr, zumindest nicht mehr uneingeschränkt.“

    Der zweite Teil des Satzes fehlte, dadurch macht mein Kommentar in dieser Form nur bedingt Sinn. Die Note sagt natürlich manches aus – ob die Person ein guter Arzt wäre kann an ihr nun aber wirklich nicht abgelesen werden. Insofern bin ich da auch ganz bei Ihnen.

    Aus Perspektive der Unis ist es aber eben auch und gerade eine Kapazitätenfrage.

    Das Problem liegt also auf zwei Ebenen.

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