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Wie bringt man das Gehirn von Schülern zum Lernen? Was Hirnfoscher auf dem Deutschen Schulleiterkongress verraten

DÜSSELDORF. Kinder lernen von Schülern doppelt so viel wie von Lehrern – wollen jedenfalls Hirn- und Lernforscher herausgefunden haben. Sie meinen auch:  Bäuchlings büffeln kleine Kinder am besten. Was die Neurowissenschaft sonst noch über Schülerhirne weiß, verraten Experten auf dem Deutschen Schulleiterkongress.

Das menschliche Gehirn ist hochkomplex - auch wenn man es nicht immer glauben mag. Foto: Liz Henry / Flickr (CC-BY-ND-2.0)

Das menschliche Gehirn ist hochkomplex – auch wenn man es nicht immer glauben mag. Foto: Liz Henry / Flickr (CC-BY-ND-2.0)

Wie bringt man das Gehirn von Schülern zum Lernen? Das ist eine der zentralen Fragen auf dem 5. Deutschen Schulleiterkongress (3. bis 5. März) in Düsseldorf. Der Bremer Hirnforscher Prof. Gerhard Roth und der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Peter Struck sind dem Geheimnis erfolgreichen Lernens seit Jahren auf der Spur. Im Vorfeld des Kongresses geben sie Einblicke in neue Forschungsergebnisse.

MOTIVATION UND BELOHNUNG: Schulisches Lernen klappt am besten mit «Belohnung». Kinder müssen früh die Erfahrung machen, dass Lernen etwas Nützliches oder Schönes ist. Werden Lernen und Schule dagegen früh als mühselig und lästig empfunden oder heruntergemacht, werden Kinder demotiviert.

STRESS: Leichter, anregender Stress gilt als lernfördernd. «Es ist deshalb nachteilig, wenn Lernen zu entspannt und „kuschelig“ ist und ohne jegliche Anstrengung auf niedrigstem Niveau passiert», warnt Prof. Roth. «Lernen muss – zumindest mit Beginn des 4. Lebensjahres – als positive Anstrengung und Herausforderung empfunden werden.» Starker Stress, verbunden mit Versagensangst und einem Gefühl der Bedrohung seitens des Lehrers, führe hingegen zu starker Hemmung des Lernerfolgs.

SINN: Der Göttinger Neurobiologe Prof. Gerald Hüther vertritt die Auffassung, dass Schüler nur das effektiv lernen können, was sie für wichtig halten. Deshalb müsse der Stoff für Schüler wichtig gemacht und mit Positivem verknüpft werden, folgert Prof. Struck. Etwa mit Zukunftsperspektive, Humor, Bewegung und Musik oder mit einem Rollenspiel.

FRONTALUNTERRICHT: Er ist in der Fachwelt umstritten. Viele Bildungsforscher sehen ihn nach Auswertung internationaler Vergleichsstudien nach wie vor als wirksamste Unterrichtsform. Der Befund sei kein Wunder, da die meisten verglichenen Länder vorwiegend Frontalunterricht praktizierten, hält Struck dagegen. Viele Lernpsychologen und Hirnforscher kämen zu anderen Ergebnissen. Demnach seien jahrgangsübergreifende Lernfamilien, Partnerarbeit, Lernen in eigenem Tempo sowie Spielen und Arbeiten am Computer vielversprechender. Und: «Schüler lernen von anderen Schülern etwa doppelt so viel wie von Lehrern.»

45-MINUTEN-TAKT: Obwohl in deutschen Klassenzimmern noch gang und gäbe, sind sich die meisten Schulforscher einig: Die Stückelung des Unterrichts in 45-Minuten-Einheiten ist mit den neuen Forschungsergebnissen der Hirn- und Lernforschung nicht vereinbar. Einzelheiten wie Vokabeln, Geschichtszahlen, Merksätze oder Multiplikationstabellen werden demnach am besten in Zehn-Minuten-Einheiten gelernt – vernetzte naturwissenschaftliche Zusammenhänge hingegen am besten in dreistündigen Portionen.

BEWEGUNG: «Wenn Schüler eine Stunde Mathe hatten, sollten sie sich danach 20 Minuten bewegen», empfiehlt Struck. Die Forschung zeige: Wenn direkt vor einer Mathe-Stunde eine weiteres kopflastiges Fach unterrichtet wurde, bleibt der neue Mathe-Stoff nur halb so gut im Kopf haften als nach einem Bewegungs- oder Kunstangebot. Noch krasser: Wenn auf Mathematik Chemie oder Latein folgt, bleibt nur ein Drittel so viel vom Mathe-Stoff hängen, als wenn auf Mathe Sport oder künstlerisches Arbeiten folgt. Wer stundenlang für eine schwere Klausur lernt und abends noch ein wenig Rad fährt oder Fußball spielt, hat demnach bessere Karten als ein Kind, dass vor dem Fernseher geparkt oder früh ins Bett geschickt wird.

HALTUNG: Neurobiologen vom Zentrum für neurowissenschaftliches Lernen der Universität Ulm fanden heraus: Bis zum 13. Lebensjahr lernen Kinder messbar am besten, wenn sie dabei bäuchlings auf dem Teppich liegen oder ihre Position beim Lernen frei variieren dürfen. Schüler über 14 lernen besonders gut an einem Stehpult oder wenn sie auf einem Stuhl sitzen.

NOTEN: Ähnlich umstritten wie der Frontalunterricht ist der Nutzen von Zensuren. Das Alter der Kinder spielt dabei für viele Lernforscher eine entscheidende Rolle. Struck: «Wenn man Siebenjährigen bereits Noten gibt, lernen sie, ausschließlich für Noten zu lernen.» 14-Jährige hingegen könnten Noten und ihr Lernverhalten besser einschätzen und verknüpfen. Von Bettina Grönewald, dpa

3 Kommentare

  1. „Demnach seien jahrgangsübergreifende Lernfamilien, Partnerarbeit, Lernen in eigenem Tempo sowie Spielen und Arbeiten am Computer vielversprechender.“

    Vielversprechender kann vieles sein – bewiesen ist also noch nichts?

    „Der Befund sei kein Wunder, da die meisten verglichenen Länder vorwiegend Frontalunterricht praktizierten.“

    Aber es wurden doch die verschiedenen Unterrichtsformen verglichen. Warum sollte das keine Aussagekraft haben, oder ist die Studie schlecht gemacht?

  2. Wofür als für Noten sollen Schüler denn sonst lernen? Die ganze Evaluiererei, die Zentralen Prüfungen am Ende der Sek I sowie das Zentralabitur sind nichts anderes. Im Idealfall lernen Kinder noch mit Freude, Unterrichtsstoff um des Stoffes Willen aka Humboldt’sches Bildungsideal, funktioniert leider nur noch selten.

  3. Gebt uns kleine Klassen, tolle Räume mit Matten zum Bauchliegen und hervorragendes Material und wir haben automatisch besten Unterricht

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