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Analphabeten sitzen neben Abiturienten – Studie stellt Sinn von pauschalen Flüchtlingsklassen in Frage

MÜNCHEN. 55 Muttersprachen, 78 Berufswünsche, zwischen null und 17 Jahren Schulerfahrung: Berufsschulklassen für neu zugewanderte Jugendliche sind noch vielfältiger als zumeist angenommen. Dies zeigt die erste Studie dieser Klassen in Bayern, für die Bildungsforscher der Technischen Universität München (TUM) mehr als 500 Schülerinnen und Schüler befragt haben. Die Wissenschaftler empfehlen deshalb, Unterricht, Berufsbilder und Lehramtsausbildung deutlich differenzierter zu gestalten.

Jugendliche, die im Alter von 16 bis 21 Jahren aus dem Ausland zuwandern, gehen in Bayern zunächst zwei Jahre lang auf eine Berufsschule. In speziellen Klassen lernen sie Deutsch und sollen auf eine duale Ausbildung, eine weiterführende Schule oder einen direkten Berufseinstieg vorbereitet werden.

Bildungsforscherinnen und -forscher der TUM School of Education haben deshalb im Frühjahr und Sommer 2015 rund 540 Schülerinnen und Schüler an circa 40 bayerischen Berufsschulen online befragt. Diese lebten größtenteils seit ein bis drei Jahren in Deutschland, 60 Prozent ohne Begleitung. Vier Fünftel der Fragebögen wurden von Männern ausgefüllt. Die Schülerinnen und Schüler kamen aus 44 Ländern. Den mit Abstand größten Anteil hatten Jugendliche aus Afghanistan mit rund 40 Prozent. Nach Kontinenten betrachtet, kamen die meisten aus Asien (62 Prozent), gefolgt von Afrika (24 Prozent). Neun Prozent allerdings waren Bürgerinnen und Bürger der EU.

„Es besuchen also mitnichten nur Geflüchtete diese Klassen“, betont der Studienautor Prof. Alfred Riedl, Leiter des Arbeitsbereichs Berufliche Bildung am Lehrstuhl für Didaktik der Mathematik. „Die Ursachen der Zuwanderung und damit auch die Biografien sind offenbar breiter gefächert, als es Bezeichnungen wie ,Flüchtlingsklassen’ suggerieren.“

Die Frage nach der Dauer des bisherigen Schulbesuchs ergab eine Spanne von null bis 17 Jahren. Etwa die Hälfte der Jugendlichen hatte neun Jahre oder länger eine Schule besucht. Die Bandbreite der Bildungseinrichtungen reichte von der Elementarschule bis zur Universität. Zwölf Prozent der Befragten hatten noch gar keine Schulbildung, sechs Prozent waren als Analphabeten nach Deutschland gekommen.

Die Herausforderungen sind groß, aber es mehren sich die Stimmen, die Deutschlands Schulen zur Integration von Flüchtlingen gut aufgestellt sehen. Foto: Enno Lenze / flickr (CC BY 2.0)

Die Herausforderungen sind groß, aber es mehren sich die Stimmen, die Deutschlands Schulen zur Integration von Flüchtlingen gut aufgestellt sehen. Foto: Enno Lenze / flickr (CC BY 2.0)

Die Schülerinnen und Schüler hatten insgesamt 55 Muttersprachen und beherrschten 64 verschiedene Sprachen. Von den Jugendlichen, die in ihrem Heimatland eine Schule besucht hatten, hatten 70 Prozent Englisch gelernt.

„Man kann sich keine größeren Unterschiede vorstellen“, sagt die zweite Studienleiterin Barbara Baumann. „Hier lernen die einen lesen, während die anderen fragen, wann sie Abitur machen können.“

Die Befragten nannten 78 verschiedene Berufswünsche. Männer wollen überwiegend in technischen Berufen der Metall-, Elektro- und Fahrzeugbranche arbeiten, Frauen eher in Sozial- und Pflegeberufen. Befragte beider Geschlechter können sich Tätigkeiten in der Verwaltung sowie im Bereich Ernährung und Hauswirtschaft vorstellen. Gut 40 Prozent hatten in ihrem Herkunftsland bereits gearbeitet.

„Wir diskutieren heute oft über Probleme aufgrund der Heterogenität in den Regelklassen – aber das ist in keiner Weise vergleichbar mit dem Ausmaß an Heterogenität innerhalb der hier untersuchten Schülerschaft“, sagt Baumann.

Die Bildungswissenschaftler empfehlen deshalb, sowohl den Unterricht und die Lehrerausbildung als auch die Berufsbilder deutlich differenzierter zu gestalten:

Sie schlagen vor, Curricula und Lernziele flexibel zu halten sowie die Lernmaterialien spezifischer auf die unterschiedlichen Bildungsbiografien und Sprachkompetenzen auszurichten. Für Jugendliche mit hohem Bildungsgrad empfehlen sie zudem die Einrichtung von Klassen an Gymnasien, Realschulen und Berufsoberschulen. Für Jugendliche, die bislang kaum in die Schule gehen konnten, befürworten sie die Möglichkeit, die Berufsvorbereitung um ein drittes Jahr zu verlängern. „Entsprechende Modellversuche laufen in Bayern bereits. Unsere Studienergebnisse zeigen, dass sie in die richtige Richtung gehen“, sagt Baumann.

Lehrerinnen und Lehrer haben in den untersuchten Klassen die anspruchsvolle Aufgabe, die individuellen Voraussetzungen der Schüler zu erkennen und den Unterricht äußerst differenziert zu gestalten. Dafür muss nach Ansicht der Bildungsforscher ihre Ausbildung spezifischer auf diese Kompetenzen ausgerichtet werden.

Außerdem gebe es bislang so gut wie keine Studienfächer für Deutsch als Zweitsprache im Berufsschullehramt. Die Münchner Universitäten bilden eine der wenigen Ausnahmen. Seit 2014 können Studierende des Lehramts für berufliche Schulen den Schwerpunkt ,Sprache und Kommunikation Deutsch’ belegen. Der Unterricht mit neu zugewanderten Jugendlichen ist hier ein Kernthema.

Selbst bei besten Unterrichtsbedingungen gehen die Forscher davon aus, dass der Theorieunterricht der eigentlichen Berufsausbildung für einen Großteil der befragten Schülerinnen und Schüler nicht zu bewältigen ist, weil ihre Deutschkenntnisse und ihr Grundwissen nicht ausreichen. Sie plädieren deshalb dafür, Berufsabschlüsse mit einer sogenannten Teilqualifizierung auch gesetzlich weiter auszubauen.

„Nach einer stark praktischen Ausbildung könnten Assistentenberufe den Jugendlichen einen Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen“, sagt Riedl. „Vorstellbar ist etwa die Beiköchin oder der Helfer in der Altenpflege. Später sollten sie sich für einen vollqualifizierten Abschluss weiterbilden können.“ Abgesehen davon hätten die Schulen aber auch die schwierige Aufgabe, die Jugendlichen darauf vorzubereiten, dass nicht alle ihre Berufswünsche kurzfristig in Erfüllung gehen können. nin

3 Kommentare

  1. Zieldifferenziertes Unterrichten und jeden dort abholen wo er ist.

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