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Dreijahresstudie: Immer mehr junge Muslime wenden sich der Religion zu, immer mehr sind auch anfällig für radikale Botschaften

WIESBADEN. Eine Ethnologin erforscht jahrelang das weltliche und religiöse Leben von Muslimen – und erlebt dabei in Echtzeit mit, wie sich Gemeinden verändern und Jugendliche radikalen Rattenfängern ins Netz gehen.

Merchandising zum Terror: Mit solchen T-Shirts sprechen Islamisten junge Menschen an. Screenshot

Merchandising zum Terror: Mit solchen T-Shirts sprechen Islamisten junge Menschen an. Screenshot

Drei Jahre lang hat Susanne Schröter mit streng religiösen Muslimen gesprochen, sie in die Moschee begleitet und an ihrem Alltag teilgenommen. Die Ethnologin wollte herausfinden, wie der Glaube das Leben der Menschen prägt – und welche Folgen das für unsere Gesellschaft hat. Als Beispielkommune wählte sie die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden. Als Schröters Buch «Gott näher als der eigenen Halsschlagader» im März erschien, hatte das Thema enorm an Brisanz gewonnen – und ihr Blick sich verändert.

Vor allem junge Muslime seien heute radikaler als zu Beginn des Forschungsprojekts. Aus dem Umfeld einer der Moscheen, die sie besucht hatte, sei ein 15-Jähriger in den «Heiligen Krieg» nach Syrien gezogen, «dezidiert, um Ungläubige zu töten», sagt Schröter im Gespräch. Damals wurde ihr klar, dass «das Beschaulich-Zurückgezogene», das sie erlebte, nur die eine Seite ist: «Genau in diesem Umfeld entsteht auch Gewalt.»

Schröter leitet das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI). Die Ethnologin wählte eine entsprechende Methode: Teilnahme und Beobachtung. Sie interviewte 137 fromme Muslime aus 15 religiösen Einrichtungen und protokollierte die Gespräche. Ihr Ziel: «Ihren Standpunkt gewissermaßen von innen zu sehen».

Fast 100.000 Wiesbadener haben laut Integrationsdezernat einen Migrationshintergrund – rund ein Drittel der Bevölkerung. Nach Angaben des Amts für Statistik gehörte schon vor Jahren rund jeder zehnte Wiesbadener einer muslimischen Glaubensrichtung an.

«“Den“ Islam oder „den“ Muslim gibt es schlicht und ergreifend nicht», sagt Schröter. Selbst, wenn man nur jene betrachtet, die sich als strenggläubig verstehen, sind die Unterschiede riesig: Frauen, die kein Deutsch sprechen und keinem Mann die Hand geben, und Frauen, die aus dem Kopftuch ein Modeaccessoire machen. Erfolgreiche Unternehmensberater und Analphabeten. Kinder, die in der Moschee einen beschützenden Hafen finden, und Jugendliche, die ihre Eltern dafür kritisieren, nicht religiös genug zu sein.

Während ihrer Forschung hat sich deren Selbstverständnis verändert: «Die Identifikation [mit dem Islam] ist zurzeit sehr viel stärker als noch vor einigen Jahren.» Schröter beunruhigt, dass so viele junge Muslime sich radikalisieren. Nicht wenige hätten ihr erzählt, sie hörten lieber die charismatischen salafistischen Prediger als die langweiligen Moschee-Imame. «So treiben sie einen ultraorthodoxen, in weiten Teilen sogar fundamentalistischen Islam voran.»

Im letzten Teil ihres Buches nimmt Schröter die Integrationsmaßnahmen der Stadt Wiesbaden unter die Lupe. Die Bilanz ist ernüchternd. Ein Beispiel ist die Integrationsvereinbarung von 2007. Sie brachte den Gemeinden Erleichterungen beim Moscheebau, Förderprogramme und mehr Teilhabe. Die Kommune erhoffte sich im Gegenzug Mithilfe der Gemeinden bei der Eindämmung des Extremismus. «Dieses Ziel wurde jedoch nur unzureichend erreicht», urteilt Schröter in ihrem Buch.

Was wäre aus ihrer «Innensicht» ein funktionierender Hebel? Früh anfangen, sagt die Wissenschaftlerin, spätestens in der Schule, «nur da haben wir eine Chance». Jugendarbeit dürfe nicht den Moscheen überlassen werden, sondern müsste kommunal und religionsübegreifend angeboten werden. Ferner: Mehr «mit» Muslimen reden als «über» sie – und zwar mit den Menschen vor Ort und nicht mit Funktionären. Und wenn das alles nichts hilft, müsse den Moscheegemeinden auch mal klar gemacht werden, «wo sie hier eigentlich leben». Fördern sei wichtig, aber fordern ebenso legitim.

Die ethnologische Sicht könne den Blick schärfen, sagt Schröters Frankfurter Kollege Bekim Agai, Professor für islamisch-theologische Studien. Es müsse beim Beobachten aber auch immer gefragt werden, wo das spezifisch Muslimische sei. So funktionierten gewalttätige Muslime nicht anders als andere gewaltaffine Menschen mit schlechten Sozialprognosen.

Für Schröter ist eines klar: «Der Islam ist in Deutschland angekommen» und wird hier weiter heimisch werden. «Dabei wird er sich verändern, werden die Muslime sich verändern, wird sich unsere Gesellschaft verändern.»Von Sandra Trauner, dpa

Zum Bericht: „Schweigeminute verweigert“ – Immer mehr Lehrer fordern Unterstützung beim Thema radikaler Islamismus

Ein Kommentar

  1. Spannend als Ergäntung und weil ich es in diesem Beitrag vermißt habe: Der Einfluß des Internets auf die Radikalisierung, sehr gut beschrieben vom Ahmed Mansour, Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel, Gruppenleiter beim Heroes-Projekt in Berlin und Familienberater bei Hayat, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung.

    „“Wir müssen viel früher agieren,“ sagte er im DLF. Die Sozialarbeit müsse viel mehr im Internet stattfinden. Dort nutzten ansonsten beispielsweise Salafisten die „Marktlücke“.“

    Und wichtig das Grundverständnis: „Das sind deutsche Jugendliche, sie gehören zu Europa, sie gehören zu Deutschland, also wir müssen sie auch gewinnen.“

    http://www.deutschlandfunk.de/radikalisierung-junger-muslime-salafisten-sind-die-besseren.680.de.html?dram:article_id=337029

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