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Inklusion an der Berufsschule: Wie Autisten für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden

WÜRZBURG. Früher wurden Autisten auf Sonderschulen geschickt. Heute haben sie dank Inklusion die Chance auf eine ganz normale Ausbildung – etwa an einer Berufsschule in Würzburg. Auf dem Arbeitsmarkt können ihre besonderen Fähigkeiten besonders wertvoll sein, sagt ein Experte.

Die Don-Bosco-Berufsschule Würzburg gehörte 2015 zu den Preisträgern beim Deutschen Schulpreis. Foto: Robert Bosch Stiftung / Theodor Barth

Die Don-Bosco-Berufsschule Würzburg gehörte 2015 zu den Preisträgern beim Deutschen Schulpreis. Foto: Robert Bosch Stiftung / Theodor Barth

Einzelfall, Einzelfall, Einzelfall – dieses Wort fällt an diesem Tag immer wieder. Denn allgemeingültige Lösungen gibt es nicht. Zu Besuch in der Würzburger Don-Bosco-Berufsschule (DBS), die 2015 den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. Hier werden junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichtet: Häftlinge, Flüchtlinge, Schulverweigerer – und Autisten. Lehrer, Fachärzte, Sozialwissenschaftler: Alle betonen, dass es kein Patentrezept im Umgang mit Autisten gebe. «Zehn Autisten, zehn unterschiedliche Wege», sagt Schulleiter Harald Ebert, ein zupackender Mann mit Brille und Vollbart.

Für Kilian Reder bedeutet der richtige Weg eine Mischung aus Struktur, Nachhilfe und vielen kleinen Hilfestellungen. Im Unterricht sitzt der 19-jährige Autist vorne; anstelle von Gruppenarbeit lernt er für sich. Im Gespräch schaut Reder an seinem Gegenüber vorbei. Die auf dem Tisch gefalteten Hände drückt er fest zusammen.

Vor Reder liegt ein Zettel. Er hat sich vorbereitet auf dieses Gespräch. Eine Unterhaltung ist spontan, situativ, unvorhersehbar – all das, was Autisten in der Regel nicht mögen. Sie mögen: Struktur und Planbarkeit. Reder wird in Würzburg zum Fachlageristen ausgebildet. Was ihm an der DBS gefällt? «Hier werden mir Sachen genau erklärt, wenn ich es nicht sofort verstehe.» Er fühle sich wohl, erfahre Unterstützung. Und die Arbeit? «Es sind sehr viele interessante Arbeiten, man hat mit Kunden zu tun, man hat mit Lieferanten zu tun.»

So sieht Reder das. Den Zettel braucht er letztlich doch nicht, aber er gibt Sicherheit. Sein Lehrer Carsten Hotel wird wenig später relativieren. Kontakte zu knüpfen und mit Kameraden ins Gespräch zu kommen, das fiele Reder schwer. Autismus wirkt sich oft als Kommunikationsstörung aus. Gestik und Mimik können Betroffene häufig nicht lesen, Metaphern nicht deuten.

Schulbegleiter mit im Unterricht

Für Christopher Berg (20), der zum Gebäudereiniger ausgebildet wird, ist der richtige Weg ein anderer. Bei Berg, dessen richtiger Name nicht genannt werden soll, kommt eine weitere Kommunikationsstörung hinzu: Er stottert stark. Für ein «Ja, schon» braucht er mitunter eine halbe Minute.

Deshalb sitzt in Teilen des Unterrichts ein Schulbegleiter neben ihm. Mit diesem kann er Antworten abstimmen, ehe er sich im Plenum äußert. Der Schulbegleiter sei ein Mittler zwischen Schüler und Klasse, sagt Tanja Hofbeck vom Beratungszentrum der DBS. Regina Taurines, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, vergleicht ihn mit einer Brille. «Er gleicht Defizite aus und unterstützt die Kommunikation.»

Nachteilsausgleich heißen all diese kleinen und großen Hilfen in der Fachsprache, wie Taurines, die auch Oberärztin am Würzburger Uniklinikum ist, sagt. Bei jedem Autisten müsse individuell beurteilt werden, welchen Nachteilsausgleichs es bedarf. An der DBS kommen dazu alle Betroffenen an einen Tisch: Eltern, Jugendliche, Lehrer, Ärzte.

Mehr Zeit für Aufgaben

Manchmal bräuchten Autisten schlicht mehr Zeit für Aufgaben, sagt Taurines. Manchmal dürfen sie Prüfungen in einem separaten Raum absolvieren, um sich besser zu konzentrieren. Manchmal werden sie die gesamte Schulzeit über in ein und demselben Raum unterrichtet. «Konstanz und Verlässlichkeit geben Sicherheit», sagt Taurines. Alles, was unerwartet kommt, könne Stress oder Angst hervorrufen.

Reder und Berg werden im gegenüberliegenden Berufsbildungswerk ausgebildet. Beide betonen, sich an der DBS wohl zu fühlen. Der Berufseinstieg sei für Autisten dennoch eine große Hürde, sagt Matthias Dalferth (66) von der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) in Regensburg. Dalferth ist Professor für Sozialwissenschaften und beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit der beruflichen Eingliederung von Autisten. Zudem ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus in Hamburg.

An Berufsbildungswerken würden nur Autisten mit normaler Intelligenz – also mit hochfunktionalem Autismus – unterrichtet, sagt Dalferth. Viele Autisten seien jedoch minderintelligent. Rund 30 Prozent jener Menschen mit hochfunktionalem Autismus und guter Ausbildung oder Studium werden laut Dalferth in den Arbeitsmarkt integriert. «Das ist viel zu wenig.» Bislang wüssten viel zu wenig Arbeitgeber, welche Kompetenzen Autisten mitbringen.

Besonders geeignet seien sie in der Regel für den IT-Bereich, ebenso für das Archivwesen oder technische Berufe – Berufe ohne viel Kontakt zu anderen. Menschen mit Autismus würden akribisch arbeiten, hätten ein gutes Verständnis von Maschinen, seien loyal und leistungswillig.

Dalferth hat 1989 zum ersten mal Zahlen in Berufsbildungswerken erhoben. Damals hätten bundesweit vier Autisten einen beruflichen Abschluss gemacht – zwei von ihnen seien berufstätig gewesen. «In den 80ern wurden die ja alle auf Sonderschulen geschickt.» Das ist heute anders. Knapp 30 Jahre später seien rund 800 bis 900 Autisten an Berufsbildungswerken in Ausbildung und beruflicher Förderung. Matthias Dalferth ist optimistisch, dass es mehr werden. Von Michel Winde, dpa

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