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Kommentar zur Ganztagsstudie: Chancengleichheit? Fehlanzeige

Ein Gastkommentar von Martin Korte/Westfalenpost

HAGEN. Im Grunde ist es ein Skandal: Die Qualität der Bildung hängt in Deutschland nach wie vor vom Standort der Schule und von der Herkunft des Schülers ab. Wer im falschen Bundesland oder im falschen Stadtteil wohnt, der lernt weniger und schlechter. Von einem gleichberechtigten Zugang kann nicht die Rede sein. Für das Land der Dichter und Denker, das sich im globalen Wettbewerb zukunftssicher aufstellen will, ist das ein Armutszeugnis. Prinzipiell ist die Ganztagsschule ein Erfolgsmodell, weil sie die Bildungsqualität und die sozialen Kompetenzen der Schüler fördert. In der Realität – das verdeutlicht die Bertelsmann-Studie – hapert es bei der Umsetzung. Es reicht eben nicht, nur mehr Zeit und mehr Räume für den Unterricht zur Verfügung zu stellen; er muss auch inhaltlich verbessert werden. Die Ursache für den deutschen Flickenteppich ist ein Systemfehler: Bildung ist Ländersache, es fehlen einheitliche Standards und deren Überprüfung. Wir wollen eine europäische Einheit, bekommen aber bei der Bildung noch nicht einmal eine deutsche Einheitlichkeit hin. Aber wer weiß: Vielleicht wollen die Kultusminister gar keine Chancengleichheit. Föderales Konkurrenzdenken ist in diesem Fall aber ein sehr schlechter Ratgeber.

Studie: Von hui bis pfui – Ausstattung von Ganztagsschulen von Land zu Land extrem unterschiedlich

12 Kommentare

  1. wurde der bildungsgrad der eigenen Verwandtschaft unabhängig vom Wohnort eigentlich berücksichtigt? Falls ja, dann ist die Aussage vielleicht mehr als pure Korrelation. Falls nicht, was ich mir bei der bertelsmann-stiftung durchaus vorstellen kann, müsste man das mal tun. ich halte einen signifikanten Zusammenhang zwischen vererblicher Intelligenz, Bildungsgrad, Einkommen, Wohnort im Gegensatz zu den Gleichmacherfans für möglich.

    • Möglich ja, nur nicht signifikant nachweisbar.

      Sie müssen sich doch nur das Ruhrgebiet zwischen DU und DO ansehen. Es lässt sich durch die Geometrie der Autobahnen A40, A42 und A2, die alle von West nach Ost verlaufen in drei Streifen einteilen.
      1) südlich der A40
      2) zwischen A40 und A2 entlang der A42
      3) nördlich der A2

      Gäbe es in diesen drei Gebieten vergleichbare Lebensverhältnisse, würden die von Ihnen vermuteten Effekte eine Auswirkung haben. Tatsache ist aber, dass selbst Handwerker, die es zu bescheidenem Wohlstand bringen, ganz schnell den Wohnort wechseln, um entweder nördlich der a2 oder südlich der A40 sich neu anzusiedeln. In das „Vakuum“ entlang der A42 drängen dann andere bildungsferne Zuwanderer, die dort auch beschult werden und zu entsprechenden Ergebnissen für die statistische Bildungsforschung liefern. Für das Erscheinungsbild der einzelnen Schule, die ja standortgebunden ist, ändert sich nichts. Die gesamten MetaStudien sind also für’s Gesäß.

      • für bertelsmann sind die Studien also sehr einfach, weil sie auf ihrem Gesäß sitzen bleiben können.

        man bräuchte wohl eine Matrix aus Schule, Wohnort der Schüler, Bildungsabschluss der Eltern und dasselbe auch noch für die Geschwister und eltern der Eltern. Das dürfte Bertelsmann zuviel Arbeit sein im Vergleich zur gewünschten Aussage und dem Risiko einer nicht-Aussage.

        • Nicht nur das, dass Problem ist, dass viele Zuwanderer ihre Abschlüsse erst einmal anerkennen lassen müssten.

          Im nächsten Schritt kommt dann das innereuropäische Durcheinander. Das Kind der polnisch-stämmigen Krankenschwester ist plötzlich Akademikerkind, das der kartoffel-deutschen Kollegin ist „Arbeiterkind“. Das Kind des nordeuropäischen Augenoptikers ist Akademikerkind, das deutsche Pendant Arbeiterkind.

          Warum also Daten sammeln, die nicht aussagekräftig sind. In NRW wird ja nicht einmal der vorhandne Migrationshuintergrund der Elterngeneration bei solchen Auswertungen berücksichtigt. Es wird immer von einer Gleichverteilung der zuwanderer und einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 15 bis 18% ausgegangen.

          Es gibt Stadtteile in den Ruhrgebietsstädten, da liegt der Anteil an „Kartoffeln“ (deutschstämmigen Schülern) unter 15%.

          Die“ länderränkings“ gehören abgeschafft, es müssen Regionen mit vergleichbaren Wirtschaftsdaten verglichen werden.

  2. Herr Korte behauptet einfach: „Prinzipiell ist die Ganztagsschule ein Erfolgsmodell“.
    Das bezweifle ich. Der Beweis fehlt, es gibt nur vollmundige Behauptungen von Anhängern.
    Ich erinnere an einen anderen kürzlich erschienenen Artikel bei news4teachers, bei dem auch nur rauskommt, dass Ganztagsschulen im Vergleich zu Halbtagsschulen weder die Leistungen der Schüler mehr steigern noch ihre Persönlichkeit mehr fördern, auch wenn Letzteres in der Überschrift behauptet wird. Im Kleingedruckten findet sich aber nichts, das die Ganztagsschulen auf irgendeinem Gebiet besser dastehen lässt als Halbtagsschulen.
    http://www.news4teachers.de/2016/04/konsortium-ganztagsschulen-foerdern-die-persoenlichkeit-nicht-die-leistungen/
    Machen wir uns doch nichts vor: Ganztagsschulen wurden eingeführt wegen einer nachmittäglichen Aufbewahrung der Kinder von berufstätigen Eltern. Das schönere Wort ist „Betreuung“.
    Wenn der Staat will, dass beide Eltern fürs Bruttosozialprodukt arbeiten, hat er auch die Kinder zu hüten.
    So einfach ist das. Warum einen pädagogischen Wert mit der Lupe suchen? Ist die Wahrheit so unappetitlich?

    • @ m.n.

      Sie sprechen mir aus dem Herzen – endlich mal jemand, der nichts schönredet und 1000 flache Begründungen aus dem Hut zaubert, nur damit es sich „pädagogisch“ anhört…

    • „1000 flache Begründungen“ möglichst gespickt mit unverständlichen, hochtrabenden Fremdwörtern, damit keiner merkt, wie flach die Begründung ist.
      Ich finde den Kommentar von m. n. auch sehr zutreffend.

  3. Warum sollten die Schüler im gebundenen Ganztag bessere schulische Leistungen in den einzelnen Fächern erzielen? Die pflichtsstundenzahl in der sekI in NRW beträgt unabhängig von der Schulform (Ausnahme GY) 188 Wochenstunden. Schulen im gebundnenen Ganztag „unterrichten“ die Schüler in den 34 Wochenstunden, „betreut“ wird lediglich im offenen ganztag.

    Eine Schule im gebundenen Ganztag muss verpflichtend an 3 Tagen mindestens 7 Stunden a 45 Minuten Unterricht abhalten und eine einstündige Mittagspause in den Stundenplan integrieren.
    188 WS durch 6 ergibt rd. 32 WS je Schuljahr. Durch Aufstockung mit Mitteln aus dem Ganztag können so in jedem jahrgang „Lernzeiten“ und verpflichtende AGs sowie Angebote zur individuellen Förderung (DAZ, LRS etc.) angeboten werden.

    Übrigens der signifikante Unterschied liegt nicht in den Notenunterschieden. Aus dem gebundnen Ganztag werden weniger Schüler ohne Schulabschluss entlassen als aus den konventionellen Halbtag.

    • Leider habe ich für ihren letzten Satz keinerlei Belege gefunden. Können Sie mir einmal eine Quelle angeben (außer die Homepage von Ganztagsschulen). Danke.

  4. „Warum sollten die Schüler im gebundenen Ganztag bessere schulische Leistungen in den einzelnen Fächern erzielen? “
    Nun: Die Werbekampagne für Ganztagsschule in RP vor etwa 6 Jahren lief unter dem Slogan „Zeit für mehr“. Suggeriert das nicht „besser“ ?

  5. Sehr geehrter Herr Korte, selbstverständlich behindert ein Wettbewerb um das beste Bildungssystem die Gleichheit, das ist übrigens bei allen Wettbewerben so. Ob das föderale System ein „Systemfehler“ ist, hängt m.E. daran, ob ein denkbares einheitliches System eher dem bayrischen oder eher dem Berliner Modell entspräche.

  6. Wie sagte der Erziehungswissenschaftler Prof. Zierer in der Süddeutschen Zeitung:
    „Als Erziehungswissenschaftler schaue ich darauf, was das Beste für die Lernenden ist. Da muss man klar sagen: Es ist nicht der Ganztag! Wir sollten in erster Linie Familien stärken, damit sie den großen Einfluss, den sie nachweislich auf ihre Kinder haben, bestmöglich nutzen.“

    zum Statement:
    „Die Ganztagsschule hat das Potenzial, Nachteile, die Kinder im Elternhaus haben, abzufedern und so die Chancengleichheit zu verbessern“
    sagt Herr Zierer:
    „Kinder aus einem bildungsnahen Milieu können die Angebote des Ganztags besser nutzen als Kinder aus bildungsfernen Milieus. Die Unterschiede, die nun mal da sind, kann man nicht durch Herumschrauben an den Strukturen beseitigen.“

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